Detailinformationen

Autor

Boris Glatthaar

Freier Autor

verfasst am

05.12.2017

im Heft

12/2017

Schlagworte

Hintergrund

Experte für markige Worte und wirkungsvolle Effekte: Jürgen Resch.

Deutsche Umwelthilfe

Der Horror-Gegner

Die Deutsche Umwelthilfe ist die kleinste unter den bundesweiten Umwelt-NGOs und zugleich die lauteste. Geschäftsführer Jürgen Resch treibt mit strategischem Geschick und markigen Worten ganze Industriezweige vor sich her – aktuell vor allem die Autobauer. Kollateralschäden nimmt er in Kauf, sagen sogar Mitstreiter anderer NGOs. Ihnen stößt das sauer auf.

Es ist ein imposantes Gebäude, in dem die Deutsche Umwelthilfe (DUH) in Berlin-Mitte auf drei Stockwerken residiert. Durch ein Entree aus schwarzem Granit betritt man die Eingangshalle: Marmor an den Wänden, Stuck an der Kassettendecke, polierte Holzsäulen. Eine breite Wendeltreppe mit rotem Teppich und gedrechseltem Handlauf  schraubt sich oval nach oben. 

Hinter einer der Etagentüren setzt sich der Eindruck fort: Parkett auf dem Flur, blütenweiße Wände. Erbaut wurde das repräsentative, spätklassizistische Wohn- und Geschäftshaus am Hackeschen Markt, Ecke neue Promenade Ende des 19. Jahrhunderts als Sitz einer Handelsgesellschaft.

Im Büro von Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch dann der überraschende Stilbruch: Es gibt keine opulente Einrichtung – weder einen eichenhölzernen Kontor-Sekretär aus dem Nachlass eines Kommerzienrats noch einen modernen Designschreibtisch von stattlicher Größe. Stattdessen stehen links und rechts im Zimmer zwei kleine Tischplatten auf dürren Beinchen, helle Birken- oder Buchenoptik, vermutlich Ikea. Sie wirken wie provisorische Arbeitsplätze für Praktikanten. Der rechte Platz, sagt Pressechefin Andrea Kuper, sei der von Geschäftsführer Resch. Computer, Unterschriftenmappe, das war’s.

Außen von mächtiger Gestalt, im Kern aufs Wesentliche reduziert – das ist das Grundprinzip der DUH. Nur 273 Mitglieder hat der Verein laut Lobby-Liste des Bundestags vom 13. Oktober 2017. Nach Angaben der DUH sind das nur die aktiven Stimmberechtigten, hinzu kämen 2.100 Fördermitglieder.

Zum Vergleich: Für Greenpeace weist das Lobby-Register 588.000 Angehörige aus, für den Naturschutzbund 418.000, für den Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland 480.000. Doch vor keinem dieser Verbände zittert die Industrie am Standort Deutschland so sehr wie vor der kleinen DUH mit ihren 88 Mitarbeitern mit den zwei Geschäftsführern Jürgen Resch und Sascha Müller-Kraenner.

Das liegt, momentan, am Dieselskandal. Die DUH lamentiert nicht nur über das Thema, sondern handelt. „Häufig werden wir als Umweltverband um Kommentierung oder Bewertung bereits getroffener Entscheidungen gebeten. Wir äußern uns im Normalfall vorher – es geht uns darum, vor den Entscheidungen diese im Sinne von Umwelt und Verbraucher zu beeinflussen“, erklärt Resch, als er ein paar Minuten zu spät in Jackett und mit Jutebeutel in der Hand zum Interview erscheint.

Ziemlich schnell fällt dann einer seiner zackigen Sätze: „Wir beklagen uns nicht, wir verklagen“, erklärt der DUH-Chef. Seine Bereitschaft dazu hat der Verband jüngst wieder bewiesen. Vor dem Verwaltungsgericht Stuttgart hat er Fahrverbote für Dieselfahrzeuge in der baden-württembergischen Landeshauptstadt wahrscheinlicher gemacht. Die Richter urteilten, ab 2018 müssten solche Pläne umgesetzt werden, da die Stickoxidbelastung offenbar nicht anders gesenkt werden könne. Die grüne Landesregierung hat gegen das Urteil Berufung eingelegt, es kann frühestens 2020 rechtskräftig werden. 

Doch der Richterspruch hat Strahlkraft. Politik und Industrie fürchten, dass das Stuttgarter Beispiel Schule macht – worauf es die DUH anlegt. Sie hatte zunächst gegen 16 Städte geklagt, strebt aber inzwischen gegen 45 Kommunen Verfahren wegen aus Verbandssicht mangelnder Luftreinhaltung an.

Die von der Autoindustrie angebotenen Lösungen seien weitgehend unwirksame „Micky-Maus-Software-Updates“, polterte Resch im August 2017 in einer Pressemeldung zu den juristischen Auseinandersetzungen. Allein in Deutschland stürben jährlich 10.600 Menschen an der durch „das Dieselabgas Stickoxid verursachten innerstädtischen Luftbelastung“. In einem stern-Interview erhob er im selben Monat gegen die Konzernchefs gar den „Vorwurf der schweren Körperverletzung mit Todesfolge“ – kaum eine Äußerung des DUH-Chefs kommt ohne markige Worte aus.

Manchen sind Reschs Statements oft zu pointiert, und man findet diese Kritiker nicht nur unter seinen offensichtlichen Gegnern. Auch aus dem Kreis der Umwelt- und Verbraucherschützer heißt es vereinzelt, Resch sei manchmal zu beißend und nehme bei seinen verbalen Rundumschlägen zu viele Kollateralschäden in Kauf. Das betreffe zum Beispiel die Fakten: In seinen Äußerungen vereinfache Resch zuweilen stark, während die Sachlage dann doch eher vielschichtig sei und von anderen Verbänden vorsichtiger kommuniziert werde.

Trotz dieser Stilkritik zeigen sich Mitstreiter aus anderen NGOs beeindruckt, wie die kleine DUH ganze Industriezweige vor sich hertreibt. Und davon, wie der Verein mit seinem lauten Geschäftsführer in der Kommunikation beinahe immer ins Schwarze trifft – sogar Resch selbst sagt, die DUH könne sich über mangelndes Medienecho nicht beklagen.

Für viele Akteure in anderen Verbänden liegt das schlicht daran, dass der Geschäftsführer ein kalkulierender Kommunikator mit durch und durch strategischer Herangehensweise sei. Er wisse, wie das Spiel um Aufmerksamkeit funktioniert. Das hat Resch tatsächlich früh gelernt. (...)

Dieser Text ist ein Auszug aus unserer Dezember-Titelgeschichte. 

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