Detailinformationen

Autor

Olaf Wittrock

Freier Autor

verfasst am

08.09.2017

im Heft

09/2017

Schlagworte

Hintergrund

Fisch im Wasser: Volkswirt und Ex-Agenturjournalist Roman Keßler hat mit der Fintech-Szene offenbar sein Ding gefunden.

FinTech Group

Der Pionier

Roman Keßler verantwortet seit knapp zwei Jahren die PR der FinTech Group. Der erste Kommunikationschef der Frankfurter positioniert das mittel­ständische Finanztechnologie-Unternehmen als Vorreiter des Wandels. Die zentrale Figur dabei ist sein CEO Frank Niehage, einstiger Angestellter und heute Kritiker traditioneller Finanz­häuser von Commerzbank bis UBS. Niehage träumt von einem „Mini-Silicon-Valley“ am Main – und sieht die FinTech Group als „Schaufelhersteller des Goldrauschs“. 

„Soll ich meinen Hoodie anziehen?“, fragt Roman Keßler beim Foto-Shooting. Bevor der Fotograf sich eine Meinung bilden kann, schlüpft er in den Kapu­zenpulli mit dem Firmenlogo. Der Kommunikations­chef der FinTech Group weiß sich und seinen Arbeit­geber in Szene zu setzen. Der ganze Auftritt am Frankfurter Westhafen ist dazu angetan, dem Besucher zu verdeutlichen: Das hier ist keine Bank. Das hier ist ein ziemlich hippes Unternehmen, in dem zwar etwas sehr Technisches passiert – aber mit dem coolen Gestus eines Silicon-Valley-Start-ups. 

Keßler schlägt denn auch erst einmal eine Führung durch die Räumlichkeiten vor. Für das Hochtechnische ist da ein verglaster Server-Raum, den man anschauen, aber nicht betreten darf. „Was jetzt passiert, nenne ich immer den James-Bond-Effekt“, scherzt Keßler, hält seine Handfläche vor ein Kameraauge neben der Tür zum Server-Raum – und wird abgewiesen. „Das ist ein Handvenen-Scanner. Da kommt wirklich nur rein, wer dazu berechtigt ist.“ 

Weiter geht es in Richtung Teeküche. Der kolossale Stehtisch in der Mitte des Raums stamme von einer jahrhundertealten Eiche aus Österreich. „Den können Sie auch auf unserem Twitter-Profil bestaunen“, sagt Keßler. Schließlich, vorbei an Türen, die zu Konferenztischen mit Namen wie „Bull“, „Bear“ und „Old Econo­my“ führen, die Videowand am Empfang: „Da sehen Sie alle Trades, die gerade über unsere Handelsplattform laufen: Transparenz ist uns sehr wichtig“, betont Keßler.

Die FinTech Group ist ein knapp 20 Jahre altes Unternehmen, das selbstbewusst verkündet, es wolle zum „führenden europäischen Anbieter innovativer Technologien im Finanzsektor“ aufsteigen – und das jüngeren Medienberichten zufolge tatsächlich auf dem Weg dorthin zu sein scheint. Und Roman Keßler, der vor nicht einmal zwei Jahren als Kommunikationschef bei den Frankfurtern anheuerte, gibt einem schon nach wenigen Minuten das Gefühl, dass er Fisch im Wasser ist in dieser Welt, die sich so kurios wie inspirierend von all dem abgrenzt, was man mit Frankfurt und Banking verbindet. 

Zum Interview bittet er in den „Soho-Club“, ein als Wohnzimmer verkleidetes Konferenzzimmer mit Panoramablick auf den Main, knallbunt bestuhlten Sitzgruppen, einer Sofaecke, Bücher­regalen, Bogen­lampen sowie Schildern, die die Smartphone-Nutzung genauso untersagen wie das Tragen von Krawatten. Der CEO des Unternehmens, Frank Niehage, hat den Club-Raum so einrichten lassen. Er trifft sich dort mit Mitarbeitern und Investoren, zu Präsentationen und Diskussionen. 

Keßler lässt sich Mineralwasser und ein Glas Eiswürfel kommen. Sein Haar hat er zum modischen Männer-Dutt hochgedreht, den Kapuzenpulli hat er anbehalten – und wirkt in diesem Aufzug so entspannt, als komme er gerade aus dem Urlaub. Tatsächlich klingelt in den kommenden zwei Stunden kein Handy, keine dringende Abnahme stört das Gespräch, Keßler muss auch nicht mal eben eine Mail beantworten. Der Mann nimmt sich Zeit – und hat Interesse am konzentrierten Austausch über seinen Job.

Der dürfte ihm zuletzt besonders viel Freude bereitet haben, denn das Unternehmen und sein Chef haben in der Öffentlichkeit derzeit einen Lauf. Tim Bartz vom manager magazin lobte Niehage Anfang vergangenen Jahres als einen „Unternehmer mit Vorwärtsdrang und Casual-Look“, der sich zum „Anführer der deutschen Fintech-Rebellen“ aufgeschwungen habe. Die Zeitschrift Bilanz nannte das Unternehmen jüngst „Europas aussichtsreichste Fintech-Aktie“. Der Ritterschlag aber kam im April von der Bild-Zeitung: „Deutschlands ehrlichster Banken-Chef packt aus“, titelte das Blatt. 

Kurz zuvor hatte der Online-Broker Flatex, den die FinTech Group betreibt, Strafzinsen gefordert von seinen Kunden, wenn diese Geld auf dem Konto liegen ließen. Doch statt das Unternehmen zu verurteilen, ließ Bild-Reporter Willi Haentjes sich erklären, was es damit auf sich hat. Und zog ein positives Fazit: Statt Kunden verdeckt mit Gebüh­ren zu belasten, gebe Flatex transparent die Kosten weiter, die dem Unternehmen durch negative Zinsen an den Märkten entstünden. 

Wenn Roman Keßler auf diese Schlagzeile schaut, die seinen Chef zum Ehrenretter der ganzen Branche kürt, wirkt er fast amüsiert. Schließlich hatte die Bild vier Wochen zuvor, wie mehrere andere Medien, zunächst kritisch über die negativen Zinsen bei Flatex berichtet. „Hilfe, mein Kontostand schrumpft!“, witzelte damals Haentjes dazu. Doch schon vor Erscheinen des ersten Artikels war der Reporter von der entwaffnenden Ehrlichkeit überzeugt, mit der die FinTech Group erklärt hatte, warum sie zu dem Schritt gezwungen sei, wie Haentjes schreibt. Das habe sich dann beim Interview bestätigt. 

„Nach der ersten Welle von Artikeln zum Negativzins waren einige meiner internen PR-Kollegen ganz aufgeschreckt“, erzählt Keßler. Zu ihrer Überraschung habe er an der Meinung festgehalten, dass die Kommunikation sehr erfolgreich war. „Hätten wir wie andere im Finanzbereich gemauert, wäre es ja trotzdem Thema geworden. So aber konnten wir
unsere gut begründeten Absichten in allen Einzelheiten transparent kommunizieren. Und das bei diesem emotio­nalen Thema“, erklärt Keßler. „Außerdem haben wir weitaus mehr Menschen erreicht, als wir Kunden haben.“ In jedem Fall sei es für die Kommunikation von Vorteil gewesen, dass Flatex Vorreiter bei dem Thema war. 

Der unerwartete Kommunikationserfolg ist für Keßler vor allem deshalb eine Genugtuung, weil er damit ein Gegenbeispiel zum herkömmlichen Vorgehen der Branche setzen konnte. (...)

Dieser Text ist ein Auszug aus unserer September-Titelgeschichte. Zum E-Paper

Noch keine Kommentare.

Kommentare werden moderiert.

Kommentar verfassen

Adding an entry to the guestbook

Bitte geben Sie hier das Wort ein, das im Bild angezeigt wird. Dies dient der Spam-Abwehr.

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.