Detailinformationen

Autor

Daniel Neuen

Redakteur

verfasst am

06.02.2012

im Heft

2/ 2012

Schlagworte

Interview

Arne Klempert

Wikipedia

„Die Unkenntnis ist groß“

Der Fall der Agentur Bell Pottinger, die angeblich Wikipedia-Einträge manipuliert hat, zeigt einmal mehr, wie problematisch das Verhältnis zwischen PR-Profis und der ehrenamtlichen Wikipedia-Community ist. Kommunikationsberater Arne Klempert erklärt, wie sich die schwierige Beziehung konfliktfrei gestalten lässt. Klempert, hauptberuflich Director Digital bei der Agentur Fleishman-Hillard, sitzt im Vorstand der internationalen Wikimedia-Foundation und war zwei Jahre lang Geschäftsführer von Wikimedia Deutschland.

prmagazin: Sind Manipulationen eine Ausnahme, oder halten sich PR-Profis generell nicht an die Wikipedia-Richtlinien?
Klempert: Darüber gibt es keine verlässlichen Daten. Jeden Tag wird eine enorme Zahl von Einträgen geändert, und nur selten werden Nachforschungen über den Urheber angestellt. Aber ich gehe davon aus, dass die Zahl der Verstöße gegen die Richtlinien hoch ist, vor allem von Unternehmen, etwas weniger von Agenturen, die in der Regel mehr Erfahrung mit Wikipedia haben.

Also steckt hinter Verstößen häufig Unkenntnis, weniger böse Absicht?
In den meisten Fällen ist das so. Wobei selbst die böse Absicht Unkenntnis verrät, denn das Risiko aufzufliegen, ist immer da, wie jüngst Bell Pottinger wieder bewiesen hat. An der Unkenntnis ist Wikipedia übrigens nicht ganz unschuldig.

Wieso?
Weil sich die Richtlinien teilweise widersprechen. Die deutschsprachige Wikipedia rät davon ab, Einträge über das eigene Unternehmen zu ändern. Sie sagt aber auch: Wenn Unternehmen etwas ändern wollen, sollten sie klar und transparent machen, wer sie sind und was sie vorhaben.

Sind PR-Profis als Autoren bei Wikipedia überhaupt willkommen?
Da ist die Community gespalten. Viele Autoren sind gegenüber Public Relations außerordentlich kritisch eingestellt, nicht zuletzt aufgrund schlechter Erfahrungen. Andere erkennen den Wert einer Mitwirkung von Unternehmen, weil diese wichtige Wissensträger sind, die Wikipedia bereichern können.

Einige PR-Profis beklagen, dass ihre Vorschläge zum Ändern von Einträgen erst nach langer Zeit aufgegriffen, mitunter sogar ganz ignoriert werden. Sind PR-Profis bei Wikipedia gegenüber anderen Autoren benachteiligt?
Nicht grundsätzlich. Dass es mitunter tatsächlich dauern kann, bis Vorschläge von Unternehmen Widerhall finden, liegt häufig daran, dass schon der Artikel an sich auf kein großes Interesse stößt. Wenn niemand den Veränderungsvorschlag bemerkt, kann er nicht aufgegriffen werden.

Was können Unternehmen stattdessen tun?
Sie müssen sich mit der Community auseinandersetzen, lernen, wie sie tickt. Dann schaffen sie es auch, im Einklang mit der Community Aufmerksamkeit für die sie betreffenden Einträge herzustellen und, falls gewünscht, sinnvolle Änderungen zu erreichen. Dafür kann man auch gezielt einzelne Autoren ansprechen. Die meisten Wikipedianer sind sehr hilfsbereit. Im Übrigen gibt es auch ein Support-Team, das bei Konflikten Ratschläge per E-Mail gibt und vermitteln kann.

Muss sich Wikipedia angesichts seines enormen Einflusses auf die Wahrnehmung und das Image von Unternehmen mehr für die Mitwirkung von PR-Profis öffnen, um tendenziöse oder gar falsche Einträge zu verhindern?
Es fällt mir schwer, einer solch heterogenen und auch für mich kaum überschaubaren Community konkrete Ratschläge zu erteilen. Aber ich habe schon die Hoffnung, dass sich das Verhältnis zwischen Wikipedia-Community und PR entspannt. Dabei hat keine der beiden Seiten allein den Schwarzen Peter. Wenn Unternehmen und PR-Leute ein Gespür für die Community entwickeln und sich an die Regeln halten, können sie sich aber auch heute schon konfliktfrei an Wikipedia beteiligen.

 

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