Detailinformationen

Autor

Christina Ullrich

Verantwortliche Redakteurin

verfasst am

01.02.2016

im Heft

02/2016

Schlagworte

Interview

Polizei München

„Die Vorfälle sind nicht vergleichbar“

Die Pressestelle der Kölner Polizei wurde nach den Vorfällen in der Silvesternacht massiv gescholten. Die Müchner Polizei bekam während der Flüchtlingswelle und der Terrorwarnung um Silvester auffällig viel Lob. PR-Chef Marcus da Gloria Martins über schwierige Abwägungsfragen und Krimi in der Nachbarschaft.

prmagazin: Machen Sie etwas grundsätzlich anders als Ihre Kollegen in Köln, oder sind die Vorfälle nicht vergleichbar?

Marcus da Gloria Martins: Das ist der zentrale Punkt. Die Vorfälle sind nicht vergleichbar. Während der großen Flüchtlingsankunft im September 2015 ist die Münchner Polizei im Sinne des Gemeinwohls eingetreten. Das ist zwar grundsätzlich der Kern unserer Arbeit, aber in diesem speziellen Fall haben wir in einer Art „behördlicher Gemengelage“ durch Medien und Bevölkerung die Rolle des Kommunikators zugewiesen bekommen. An Silvester haben wir uns um eine möglichst unaufgeregte Terrorwarnung bemüht, ohne dramatisierende Aspekte, die nicht sachgerecht sind. Wir standen in keinem der Fälle in der Kritik. Das ist der Unterschied zu Köln, aber letztlich kein Beleg für bessere oder schlechtere Arbeit.

Viel diskutiert wird die Frage: Welche Informationen sollte die Polizei bei emotionalen Ereignissen wie in Köln und München veröffentlichen, und welche sollte sie tunlichst zurückhalten? Konkret: Wenn ein Flüchtling oder Asylbewerber eine Straftat begeht – soll die Polizei seinen Aufenthaltsstatus erwähnen?

Die Polizei sollte tunlichst keine Informationen aus Angst vor Kritik zurückhalten. Aber die Frage ist, wie man den Begriff „sachgerechte, neutrale und objektive Berichterstattung“ definiert. Denn der sind wir verpflichtet. Wir nennen nicht reflexartig die Nationalität, sondern schauen uns den Einzelfall an. Wenn die Nationalität nichts mit dem eigentlichen Sachverhalt zu tun hat, bringen wir sie auch nicht rein. 

Haben Sie ein Beispiel?

Ein konstruierter Fall: Bei einem Übergriff in einer Flüchtlingsunterkunft kommt es zu einer Schlägerei und anderen Tätlichkeiten. Dann geht es darum festzustellen, dass es zu einem Körperverletzungsdelikt kam. Aber dass eine Beteiligte ein in ein Tuch eingebundenes Kind auf dem Rücken trug, das auf den Boden fiel, während sich die Mutter weiter stritt, würde in einer öffentlichen Debatte sofort polarisieren und Klischees bedienen. Es geht darum: Es kam zu einer Straftat zwischen A und B. Dieses Kind hat mit der Straftat nichts zu tun, diese Sidestory lassen wir weg. 

In Köln soll es eine Anweisung gegeben haben, Vergehen nicht mit Flüchtlingen in Verbindung zu bringen, wenn nicht explizit danach gefragt wird. Ist das ungewöhnlich?

Ich kann nur für München sprechen: Anhand unserer auch im Internet veröffentlichten Berichterstattung und der Tatsache, dass wir durchaus Nationalitäten nennen, kann man nachvollziehen, dass es eine solche Anweisung bei uns nicht gibt.

Manche Polizei-Pressestellen orientieren sich am Pressekodex.

Grundsätzlich ist festzustellen: Die Pressestelle einer Behörde ist nicht Adressat des Pressekodex beziehungsweise der Ziffer 12.1. 

Darin steht: „In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.“

Das ist ein wertvoller moralischer Kompass, und ich weiß, dass sich beispielsweise die Kollegen in Berlin strikt an dem Pressekodex orientieren. Aber ich habe auch das Landespressegesetz, das die Polizei verpflichtet, Auskunft zu geben, und zwar in allen Fällen, in denen ein Auskunftsbedürfnis der Bevölkerung besteht. Zwei wichtige Punkte also: Bedürfnis und Bevölkerung. 

Was heißt das konkret im Fall der genannten Straftaten?

Das heißt, die Polizei kann sich nicht der Tatsache verschließen, dass in der allgemeinen Stimmung, in der wir im Moment leben, die Frage nach einer erhöhten Kriminalität von Asylbewerbern und Flüchtlingen eine Rolle spielt. Unserem Neutralitätsanspruch werden wir dadurch gerecht, dass Sie bei uns zum Beispiel nie den ausländerrechtlichen Status in einer Pressemitteilung lesen würden. Der tut nämlich nichts zur Sache. Das Dilemma ist allerdings: Wenn ich schreibe, dass ein 31-jähriger Syrer eine Straftat begangen hat, liegen natürlich gewisse Schlüsse nahe. 

Und spätestens in der nächsten PK wird nach dem Status gefragt. 

Ja, und dann stehe ich wieder vor der Wahl: Entweder ich sage nichts, dann stoße ich erst recht Recherchen an. Oder ich zeige schon eine Richtung auf, dann stürzen sich alle darauf, insbesondere im Bereich des Boulevards. Oder ich muss bewusst die Unwahrheit sagen, und diese Option geht gar nicht. 

Wurde in Köln falsch interpretiert, welches Auskunftsbedürfnis die Bevölkerung hat?

Ich kann zu Köln nichts sagen. Ich kann nur sagen, dass es sich keine Polizei leicht macht mit der Frage, ob man die Nationalität von Straftätern nennen soll. In den Zeiten vor der großen Flüchtlingsankunft hatten wir in München einen recht eleganten Weg gefunden: Wenn ich einen 31-jährigen Nicht-Deutschen habe, der in dritter Generation ohne deutschen Pass in München lebt und eine Straftat begeht, ist in den allerwenigsten Fällen die Ethnie oder Nationalität handlungstreibend. Entscheidende Frage ist: Wo hat der Täter seinen Lebensmittelpunkt? Ist das Dachau, dann ist es ein 31-Jähriger aus Dachau. Kommt er aus München, dann ist er eben ein 31-jähriger Münchner. Ich umschiffe also die Nationalität und lege den Fokus auf die lokale Identität. 

Ein anderes Thema war die beschönigende Pressemitteilung der Kölner Polizei vom Neujahrstag. Die Informationspolitik wurde auch damit begründet, dass man zunächst dem Innenministerium NRW Bericht erstatten müsse. Verhindern manchmal auch Strukturen und Prozesse in deutschen Polizeibehörden eine bedürfnisgerechte Kommunikation?

Fakt ist: Wenn ich ein aufsehenerregendes Ereignis in München habe, bin ich in den Zeiten von Social Media, von Freelancern und reduzierten Redaktionen mit vielen Volontären so schnell mit Presseanfragen konfrontiert, dass ich nicht erst eine Mitzeichnungsschleife abwarten kann. Da müssen Sie einfach das nötige Vertrauen Ihrer Hausführung und die nötige Prokura haben, damit Sie objektive und sachgerechte Öffentlichkeitsarbeit in eigener Verantwortung machen können. Das ist bei uns Standard. Ob es woanders nicht so ist, kann ich nicht bewerten.

Sind generell die Herausforderungen an die Öffentlichkeitsarbeit von Polizeibehörden gestiegen?

Nein, Sie haben als Polizei immer das Problem: Sie stehen für eine Marke, die zwar in Umfragen hohe Glaubwürdigkeit testiert bekommt, aber Sie sind auch die Marke, die niemand länger in seinem Rückspiegel sehen möchte, weil er sofort latent ein schlechtes Gewissen bekommt. Das heißt: Bei der Vermarktung von polizeilichen Inhalten muss die Polizei Sympathie für das erzeugen, was sie vermittelt. 

Und wie geht das?

Wenn Sie den täglichen Pressebericht mit ausgewählten Fällen der Tageskriminalität veröffentlichen, ist das kein Problem. Da gilt der Grundsatz: „Crime sales“. Das ist halt der Krimi in der Nachbarschaft. Anders sieht es aus, wenn Sie als Institution Polizei Statements zu gesellschaftlichen Themen abgeben. Beispiel: der Umgang mit dem Versammlungsrecht. Eine Festnahme bei einer Straftat leuchtet noch ein. Bei der Auflösung einer Sitzblockade von scheinbar friedlichen jungen Menschen sieht das schon anders aus. 

Machen die veränderten Mediennutzungsgewohnheiten Polizeikommunikation einfacher oder schwieriger? 

Kommunikation wird schneller und seichter. Einen polizeilichen Sachverhalt kann man aber nicht als 140-Zeichen-Tweet absetzen, insbesondere wenn er mit Eingriffsmaßnahmen zu tun hat. Es gibt immer eine Vorgeschichte. Diese Vorgeschichte lässt sich in der Regel nicht ohne Verlust an Information und Stringenz in der Einfachheit transportieren, wie das in Zeiten von schneller Online-Berichterstattung und News-Marketing gewünscht ist. 

Ausgerechnet die Social-Media-Arbeit der Münchner Polizei wird doch besonders gelobt.

Das eine schließt das andere nicht aus. Wir versuchen, diese Lücke zu schließen. In unseren eigenen Kanälen können wir die Dinge erklären. Wenn wir in München beispielsweise eine Pegida-Diskussion schützen, wird das gern in die eine oder andere Richtung instrumentalisiert. Fakt ist: Wir haben einen gesetzlichen Auftrag zum Schutz der Versammlung. Durch unsere Social-Media-Kanäle sind wir in der Lage, diese Position in der gebotenen Deutlichkeit herauszuarbeiten. Wir haben zwar nicht die Reichweite wie ein klassisches Medium, aber wir haben ein gewisses Publikum – bei Facebook etwa eine Kernreichweite von fast 70 Prozent in München plus 50 Kilometer Umkreis. Diese Zielgruppe erfährt zumindest unsere Haltung.

Gestartet haben Sie mit Social Media zum Oktoberfest 2014. Haben Sie damit gerechnet, dass diese Kanäle in kritischen Situationen wie Flüchtlingswelle und Terrorwarnung so gut funktionieren?

Das haben wir gehofft, denn Social Media ist für uns nicht nur ein Marketing-Tool. Es geht uns nicht darum, dass wir Social Media nur bedienen, weil es jeder tut, sondern wir haben uns im Vorfeld sehr viele Gedanken darüber gemacht, was der generelle Nutzwert ist und welche Einsatzbereiche wir erschließen können. 

Wie groß ist Ihre Kommunikationsmannschaft?

Wir sind mit 18 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Team der Pressestelle im Vergleich zu anderen Städten gut aufgestellt. Damit decken wir die Öffentlichkeitsarbeit nach außen und innen, den Bereich Event und die Sparte Social Media ab. Für Social Media haben wir allein in München vier feste Mitarbeiter. Mit zunehmender Interaktionsrate ist da aber sicher Luft nach oben.

(Zum E-Paper)

 

 

03.08.2016 07:53

Claudia Brebach

Großartiges Interview. So einen Partner wünscht man sich als Journalist in allen Pressestellen. Wo hat der Mann das bloß gelernt?

 
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