Detailinformationen

Autor

David Selbach

Freier Autor

verfasst am

08.09.2017

im Heft

09/2017

Schlagworte

Interview

Moritz Koch: „Die Sprecher können oft nicht einmal einfache Faktenfragen beantworten."

USA

"Trump ist toxisch"

Wie erlebt ein politischer Washington-Korrespondent aus Deutschland den PR-Zirkus im Weißen Haus? Handelsblatt-Journalist Moritz Koch ist vor wenigen Wochen aus den USA zurück­gekehrt und schildert dem ­prmagazin seine Eindrücke. Wie sich die politische Kommunikation in den USA unter Donald Trump verändert, was ­Wahlkämpfer vom US-Präsidenten lernen können – und wie viel ­Populismus à la Trump auch die ­europäische Politik ergriffen hat.

prmagazin: Herr Koch, fast jeden Tag produzieren die Kommunikatoren des Weißen Hauses neues Chaos. Sind Sie froh, dass Sie damit nichts mehr zu schaffen haben?

Moritz Koch (lacht): Nein, das ist ja im Gegenteil total spannend. Ich begleite die Geschehnisse auch von Deutschland aus gern weiter. Dass ich Washington verlassen habe, war schon länger geplant, die Entscheidung fiel noch vor der Wahl. Ich war jetzt insgesamt neun Jahre in den USA, da ist es dann einfach an der Zeit zurückzugehen.

Sie haben als Washington-Korrespondent noch die letzten Tage der Bush-Präsidentschaft erlebt, dann die Regierung Obama. Wie hat sich die Kommunikation unter Trump verändert? 

Die auffälligste Veränderung betrifft die Presse-Briefings im Weißen Haus. Unter Oba­ma waren das normale Pressekonferenzen, auf denen Infor­matio­nen weitergeleitet und Statements eingeholt wurden. Jetzt sind es Show-Gefechte, Presse-Konfrontationen: ritualisierte Auseinan­der­setzungen mit den „Fake News Media“. Der Unterhaltungswert ist hoch, Inhalte gibt es kaum noch. 

Warum?

Die Sprecher können oft nicht einmal einfache Faktenfragen beantworten. Sie haben selten Zugang zum Präsidenten. Au­ßerdem verändert Trump seine Positionen so schnell, dass seine Sprecher sich lieber erst gar nicht festlegen.

Was für Leute sind das, die Trump mit Sprecherposten betraut? Kurzzeit-Kommunikationschef und Ex-Hedgefonds-Manager Anthony Scaramucci hatte von der Sache offenkundig wenig Ahnung.

Auf Scaramucci mag das zutreffen. Sean Spicer aber zum Beispiel ist ein Washington-Veteran, er hatte auch gute Beziehungen zu dem einen oder anderen Kollegen. Nur hat Trump ständig an ihm rumgemeckert. Er wollte, dass er aggressiv seine Meinung vertritt und missliebige Journalisten öffentlich demontiert. Spicer hat es versucht und ist aus dieser Rolle nie wieder rausgekommen.

Was halten Sie von Spicers Nachfolgerin Sarah Huckabee Sanders?

Sie stellt es geschickter an. Sie ist zwar ebenfalls hart und entschieden in der Sache. Aber sie tritt geschmeidiger auf, trifft einen besseren Ton. Das hätte sich sicher wieder geändert, wenn Stephen Miller Kommunikationsdirektor des Weißen Hauses geworden wäre …

Der Kommunikationsdirektor legt die Strategie fest. 

Genau. Stephen Miller ist ein Hardliner und hat von Anfang an Interviews gegeben, die alle unmöglich fanden außer Trump. Er hat zum Beispiel früh gesagt, dass der Präsident „nicht infrage gestellt werden darf“. Das hat die Medienbranche in helle Aufregung versetzt. Trump dagegen fand es fantastisch.

Stephen Miller wird es nun aber gar nicht, sondern die gerade einmal 28-jährige Hope Hicks – zumindest interimistisch. Was ist davon zu halten?

Sie begleitet Trump seit den Vorwahlen, stand ihm in seinen schwersten Krisen bei. Er vertraut ihr, das ist ihr größter Vorteil. Aber sie ist öffentlichkeitsscheu. Daher wird bereits darüber spekuliert, dass sie eine Übergangslösung sein könnte. Das Pro­blem des Weißen Hauses ist: Trump ist so toxisch, dass echte Profis einen großen Bogen um ihn machen. 

Wenn man deutsche Medien verfolgt, kann man den Eindruck gewinnen, dass Trump nur noch mit seinen Lieblingsmedien redet – Fox News und Co. Stimmt das?

Nein, das täuscht. Er beschimpft die New York Times zwar als „Failing NYT“ und „Fake News“, gleichzeitig bewundert er sie aber auch, will dort erscheinen und gibt ihr ständig stundenlange Interviews. Die Beziehung lässt sich als Hassliebe beschreiben. Überhaupt hat Trump wenig Berührungsängste: Er tritt auch bei Fernsehsendern auf, die er nicht mag. 

Das heißt, auf der Arbeitsebene funktioniert die Kommunikation zwischen Medien und Regierung noch?

Jedenfalls arbeiten die Korrespondenten im West Wing des Weißen Hauses nach wie vor sehr eng mit Trumps Sprechern zusammen. Von einer Abschottung kann nicht die Rede sein: Die Tür von Spicers Büro stand meist offen, er war fast immer ansprechbar. Das ist bei Huckabee Sanders genauso – und es wird sich wohl auch nicht grundsätzlich verändern. 

Also ist eigentlich alles gut? 

Nein. Der Ton hat sich schon grundlegend verändert. Trump führt nicht weniger als einen Krieg gegen die Wahrheit – und das überaus erfolgreich. (...) 

Dieser Text ist ein Auszug aus unserer September-Ausgabe.

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