Bundesregierung
Gute Noten für Regierungssprecher Seibert
Nach zwei Jahren als Sprecher von Bundeskanzlerin Angela Merkel und als Leiter des Bundespresseamts bekommt Steffen Seibert in einer prmagazin-Umfrage unter Public-Affairs-Experten ein ordentliches Zeugnis ausgestellt. Seibert, vor seinem Wechsel in die Politik Moderator beim ZDF, beerbte im August 2010 den von Journalisten geschätzten Ulrich Wilhelm. Frühere Kollegen von Seibert schelten den 52-Jährigen seitdem immer wieder für Kommunikationspannen der Regierung. Anfang Juli wurde ihm nach dem EU-Gipfel in Brüssel angelastet, dass sich die Italiener mit ihrer Lesart der Beschlüsse zur europäischen Finanzkrise medial durchsetzten.

Bei manchem Journalisten hat Bundesregierungssprecher Steffen Seibert (2. v. r.) einen schweren Stand. Berliner Public-Affairs-Experten sehen seine Arbeit weniger kritisch. (Foto: Oliver Lang/dapd)
Axel Wallrabenstein, MSL Group
„Es fehlt ein wirklicher Kampagnenmanager“

Axel Wallrabenstein, Chairman der MSL Group, vor seinem Agenturleben Geschäftsführer der Jungen Union sowie Sprecher im Berliner Senat und des Innenministeriums von Sachsen.
Im August ist Steffen Seibert zwei Jahre im Amt als Regierungssprecher und Chef des Bundespresseamts: Wie bewerten Sie seine Arbeit?
Grundsätzlich finde ich die Entscheidung von Angela Merkel, einen bekannten und erfahrenen TV-Journalisten zum Regierungssprecher zu berufen, absolut richtig. Die Kanzlerin brauchte keinen zusätzlichen Berater mehr, sondern jemanden, der extrem gut formulieren kann. Das macht Seibert auch ausgesprochen gut und die Bundespressekonferenz scheint durchaus zufrieden mit seiner Arbeit zu sein. Angela Merkel ist nach aktuellen Umfragen so beliebt wie nie zuvor in der Bevölkerung. Das hat sicher auch etwas mit dem Erklärer der Bundesregierung zu tun. In einer Vorabauswertung erster Reaktionen auf die jährliche Public Affairs-Umfrage von MSL Germany unter rund 350 Public-Affairs-Verantwortlichen hielten sich im Juli die Bewertungen auf die Frage "Wie beurteilen Sie die Öffentlichkeitsarbeit der Bundesregierung" mit gut (46 Prozent) und schlecht (49 Prozent) ungefähr die Waage.
Laut einer Schlagzeile des Tagesspiegels nach dem EU-Gipfel Anfang Juli wird Steffen Seibert "zum Problem für Kanzlerin" Angela Merkel: Ist die Kritik berechtigt?
Die Kritik an Seibert halte ich insgesamt nicht für berechtigt. Wer sich das aktuelle Pensum und die Schlagzahl ansieht, der kann sich vorstellen, dass hier auch mal Fehler gemacht werden oder Informationen verfrüht oder verspätet heraus gehen. Das kommt vor - auch in jeder guten Redaktion im Moment. Der Job des Regierungssprechers ist sicher neben dem Chef des Kanzleramts einer der schwierigsten den es zu organisieren gilt. Ich könnte das keine zehn Tage lang machen.
Seibert sieht sich nicht als Verkäufer sondern als Informator und Erklärer. Passt dieses Rollenverständis zur Aufgabe des deutschen Regierungssprechers und ist es zeitgemäß?
Ich sehe zwischen den Begriffen "Verkäufer" und "Informator" oder "Erklärer" keine so grundlegenden Unterschiede. Am Ende geht es um Information und positives Image. Bei den vielen handwerklichen Fehlern die diese Bundesregierung, auch aufgrund der zeitlichen Belastung durch die Euro-Krise und anderer Großprojekte bisher gemacht hat, ist das Image insgesamt nicht so schlecht. Das Problem ist allerdings die absolut mangelnde Kampagnenfähigkeit des Bundespresseamts. Hier fehlt der schwarz-gelbe Faden und die Erklärung der großen Linie. Das ist natürlich auch Seiberts Problem, er ist Chef des Bundespresseamts. Aber hier fehlt ein wirklicher Kampagnenmanager, den man vor zwei Jahren schon hätte einstellen müssen. Das ist ein Versäumnis.
Steffen Seibert hat mit seiner Aktivität bei Twitter von sich Reden gemacht und ist dafür von Journalisten kritisiert worden. Schadet er sich mit der Nutzung von Social Media womöglich mehr als das es ihm nutzt, weil dieser moderne Kommunikationskanal nicht von allen Akteuren in Berlin aus Politik und Medien akzeptiert wird?
Seibert ist genau zur richtigen Zeit in den sozialen Medien gestartet. Seine Followerzahlen bei Twitter sind beeindruckend und er kommuniziert mittlerweile - bei leichten Startproblemen - sehr gut mit diesem Medium. Einige Journalisten und Politiker der Bonner Republik hat er damit hinter sich gelassen. Gut so! Ich wünsche mir noch mehr auf Twitter und Google+.
Margareta Wolf, Deekeling Arndt Advisors
„Es ist nicht Seiberts Aufgabe, Politik zu machen“

Margareta Wolf, Seniorberaterin bei Deekeling Arndt Advisors, zuvor wirtschaftspolitische Sprecherin im Fraktionsvorstand von Bündnis 90/Die Grünen sowie Parlamentarische Staatssekretärin.
Im August ist Steffen Seibert zwei Jahre im Amt als Regierungssprecher und Chef des Bundespresseamts: Wie bewerten Sie seine Arbeit?
Selbstverständlich kann ich Steffen Seiberts Arbeit nur aus der Distanz beurteilen. Ich sah ihn vor zwei Jahren am Tag seines Amtsantritts mit einem großen Blumenstrauß in Richtung Bundespresseamt gehen und dachte mir, der Mann wird sich treu bleiben, er wird den obersten Behördenchef nicht komplett inhalieren, absolut sympathisch, er bringt an seinem ersten Tag in der neuen Welt Blumen mit. Für mich ist Steffen Seibert ein guter Regierungssprecher, weil man ihm im besten Sinne bis heute anmerkt, dass er sich eine kritische Distanz zu sich und dem Amt bewahrt hat. Das unterscheidet ihn von manchem Politiker und manchem Journalisten in der Hauptstadt.
Laut einer Schlagzeile des Tagesspiegels nach dem EU-Gipfel Anfang Juli wird Steffen Seibert "zum Problem für Kanzlerin" Angela Merkel: Ist die Kritik berechtigt?
Ich halte die Kritik an ihm für unberechtigt und für eine Projektion derer, die sie äußern. Es ist nicht Seiberts Aufgabe, Politik zu machen. Seine Aufgabe ist, über die Politik der Bundeskanzlerin und der Bundesregierung zu informieren und diese Politik zu erklären. Das tut er sachlich, klar und sympathisch.
Seibert sieht sich nicht als Verkäufer sondern als Informator und Erklärer. Passt dieses Rollenverständis zur Aufgabe des deutschen Regierungssprechers und ist es zeitgemäß?
Ich finde Seiberts Rollenverständnis modern und zeitgemäß. Es ist ein Verständnis was die "schwer begehbaren" Kommunikationsbrücken zwischen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft wieder begehbar machen kann. Es ist ein Verständnis, das zu einer neuen Beziehungskultur, einem neuen Verstehen, einem neuen Auseinandersetzen zwischen Wirtschaft, Gesellschaft und Politik führen kann. Verkäufer sind immer opportunitätsgetrieben und Opportunimsmus ist nicht nur eine weitverbreitete Krankheit in der Politik, Opportunismus ist zudem keine Grundlage für einen Dialog, eine gesellschaftliche Debatte, geschweige eine sachliche Auseinandersetzung.
Steffen Seibert hat mit seiner Aktivität bei Twitter von sich Reden gemacht und ist dafür von Journalisten kritisiert worden. Schadet er sich mit der Nutzung von Social Media womöglich mehr als das es ihm nutzt, weil dieser moderne Kommunikationskanal nicht von allen Akteuren in Berlin aus Politik und Medien akzeptiert wird?
Das Internet hat unsere Gesellschaft verändert, es ist zur angewandten Metapher von Freiheit geworden: Freiheit durch Gleichberechtigung, Freiheit durch Meinungsäußerung, Freiheit durch die Erosion von Hierarchien und Autoritäten, Freiheit durch Teilhabe und Pluralismus. Twittern als Kommunikationsform ist auch ein Ausdruck der Abkehr vom linearen Denken zugunsten eines kontextuellen Verständnisses von Wirklichkeit. Steffen Seibert hat das als einer der ersten im politischen Berlin offenbar begriffen, früh begriffen. Dafür sollte ihm die politische Klasse dankbar sein.
Christoph Fischoeder, selbstständiger PR-Berater
„Er erschließt der Regierung neue Öffentlichkeiten"

Christof Fischoeder, selbstständiger PR-Berater und zuvor Leiter Public Affairs von Weber Shandwick.
Im August ist Steffen Seibert zwei Jahre im Amt als Regierungssprecher und Chef des Bundespresseamts: Wie bewerten Sie seine Arbeit?
Betrachtet man seinen Hintergrund und seine vorherigen Tätigkeiten, hat Steffen Seibert sich nach offensichtlichen Anfangsschwierigkeiten gut in seine neue Rolle und das Amt des Regierungssprechers hineingefunden. Er macht einen guten Job. Besonders hervorzuheben ist dabei der Bundestwitterstart, auch wenn das kontrovers gesehen wurde.
Laut einer Schlagzeile des Tagesspiegels nach dem EU-Gipfel Anfang Juli wird Steffen Seibert "zum Problem für Kanzlerin" Angela Merkel: Ist die Kritik berechtigt?
Monti hat die Gipfel-Nacht für seine Interpretation der Ergebnisse gut genutzt und für sich die mediale Agenda gesetzt. Das haben Merkel und ihr Sprecher verschlafen, insbesondere, hier zeitnah den deutschen Medien die deutsche Fassung zu liefern. Meiner Meinung nach wird hier aber der Bock zum Gärtner gemacht, wenn man die Schuld bei Seibert sucht. Seibert hat geschlafen, Merkel aber auch. Es gab anscheinend eine Absprache der Teilnehmer, nichts zu veröffentlichen. Sich darauf zu verlassen, dass keiner der Regierungschefs dabei querschießt, scheint blauäugig und naiv gewesen zu sein. Allerdings haben die deutschen Redakteure auch nicht bei Seibert nach einer Kommentierung der wichtigen Gipfelergebnisse aus Sicht der Bundesregierung gefragt, sondern die Auslandsmedien zitiert, was auch nicht professionell ist.
Seibert sieht sich nicht als Verkäufer sondern als Informator und Erklärer. Passt dieses Rollenverständis zur Aufgabe des deutschen Regierungssprechers und ist es zeitgemäß?
Bundespräsident Gauck hat von Merkel mehr Erklärungen gefordert, also bewegt Seibert sich im Erwartungshorizont des Bundespräsidenten. Vor dem Hintergrund der Gipfel-Kommunikation ist doch eher die Frage, ob Seibert seinem eigenen Selbstverständnis gerecht wird, nicht ob Politik verkauft werden muss. Mit dem aktuellen Vorfall hat Seibert sein eigenes Ziel, Informator zu sein, verfehlt. Als Bürger erwarte ich von Regierungskommunikation auch keinen Verkauf einer Meinung, sondern sachliche, vor allem transparente und verständliche Information. Da trifft sich das Selbstbild des Regierungssprechers also mit meinem Bürgerverständnis seiner Rolle.
Steffen Seibert hat mit seiner Aktivität bei Twitter von sich Reden gemacht und ist dafür von Journalisten kritisiert worden. Schadet er sich mit der Nutzung von Social Media womöglich mehr als das es ihm nutzt, weil dieser moderne Kommunikationskanal nicht von allen Akteuren in Berlin aus Politik und Medien akzeptiert wird?
Soweit ich sehe – und ich bin sicher befangen, weil ich sowohl Twitter als auch Facebook und andere Social-Media-Kanäle täglich nutze, schadet es dem Regierungssprecher nicht, zu twittern. Im Gegenteil geht er mit gutem Beispiel voran und zeigt Offenheit und Transparenz. Er erschließt der Regierungskommunikation neue und erweiterte Öffentlichkeiten, jenseits der politischen Hauptstadtjournalisten. Der Kanal besteht als Angebot, man muss es ja nicht annehmen. Die Kritik zum Start ging doch auch eher in Richtung eines Ausschlusses der nicht-twitternden Journalisten, nicht eine Generalkritik am Twittern des Regierungssprechers – auch wenn es einige Kommentatoren aus der Netzgemeinde so verstanden haben wollten. Auch hierbei ist es so, wie überall: wer viel macht, macht Fehler. So war es zum EU-Gipfel in der heutigen Bewertung sicher nicht optimal, über die eigenen Nachtaktivitäten zu twittern, wenn sich rausstellt, dass Monti gleichzeitig die Agenda besetzt. Aber nachher ist man immer klüger.
Die August-Ausgabe des prmagazins ist erschienen. Hier geht es zum E-Paper.
Darin unter anderem:
Verwandlung: Martin Büllesbach managt bei Bilfinger Berger seinen zweiten Markenrelaunch.
Zeitenwende: Interne und externe Kommunikation verschmelzen zunehmend.
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