Detailinformationen

Autor

Carsten Stahl

verfasst am

09.07.2018

im Heft

07/2018

Das aktuelle Heft
Ausgabe 07/2018

Zum Inhalt

Abos und Einzelhefte

Aufsichtsräte

Bedarfsfälle


Auf der Anklagebank: Speziell Paul Achleitner, dem Aufsichtsratsvorsitzenden der Deutschen Bank, werfen die Medien Versagen vor.


Die Rolle der Aufsichtsräte wird immer kritischer hinterfragt. Oft prägen sie das Bild in der Öffentlichkeit. Sind sie in die Konzernkommunikation integriert oder werden sie ausgegrenzt? Das prmagazin fragte bei den Dax 30 nach. 

Die Vorsitzenden der Aufsichtsräte in der deutschen Industrie stehen verstärkt im Fokus der Öffentlichkeit. Speziell Paul Achleitner, dem AR-Chef der Deutschen Bank, wird in der Berichterstattung Versagen vorgeworfen. Aber auch die Positionen in der Deutschen Börse, wo Joachim Faber in den Skandal um den untragbaren Vorstandsvorsitzenden Carsten Kengeter hineingezogen worden ist, oder Gerhard Crommes Rolle als Multiaufsichtsrat von thyssenkrupp und Siemens prägten das Negativimage nachhaltig.

Gerade hat die Beratungsfirma Alvarez & Marsal eine Studie veröffentlicht, die vorsichtig formuliert, dass die deutschen Aufsichtsräte den Erwartungen häufig nicht entsprechen. „Schlecht ausgestattet, relativ nutzlos und alles alte Kerle“, zitiert das Handelsblatt.

Das prmagazin wollte daher wissen, wie es um die Ausstattung der Aufsichtsräte in Sachen professionelle Kommunikation bestellt ist. Sind sie überhaupt in der Lage, den Anforderungen unserer Kommunikationswelt gerecht zu werden? Unterstützt oder boykottiert die PR-Macht der Vorstände eventuelle Aktivitäten und opfert den Aufsichtsrat der Medienlage, statt ihn zu unterstützen?

Dazu sollten alle Dax-30-Unternehmen fünf grundsätzliche Fragen klären: Wir wollten wissen, wie die Kommunikation des Aufsichtsrats organisiert ist; wie Statements abgestimmt werden; ob der Kommunikationschef die Räte aktiv berät und in die PR-Strategie des Vorstands einbindet. Und zum Schluss, ob Aufsichtsräte in der Kommunikation aktiver werden sollten.

Um es vorwegzunehmen: Es gibt eine gravierende Ausnahme unter den Unternehmen – Volkswagen. Dort ist exklusiv für die AR-Kommunikation Michael Brendel aus dem PR-Team der AG zu Aufsichtsratschef Dieter Pötsch entsandt. Brendel berichtet an Pötsch. Die Abstimmung der kommunikativen Aktivitäten ist eng. Sicher ist VW ein Sonderfall, da die Firma seit dem Dieselskandal 2015 im Krisenmodus arbeitet. Aber Brendels Resümee heute: „Eine eigenständige Kommunikation des Aufsichtsrats halte ich für sinnvoll.“

Nah dran an dem „VW-Modell“ sind BASF und RWE. Der Chemiekonzern hält für seinen AR-Vorsitzenden einen festen Ansprechpartner in der Kommunikationsabteilung bereit. Die Statements werden abgestimmt. Beratung durch die PR Chefin Anke Schmidt findet statt. Der Aufsichtsrat erhält die Pressemitteilungen vorab und sollte „im Rahmen seiner Aufgaben und Beachtung der rechtlichen Rahmenbedingungen aktiv kommunizieren“, ergänzt PR-Manager Thomas Nonnast.

Ein ähnliches Bild bei RWE. Kommunikationskompetenz steht uneingeschränkt zur Verfügung. Das Zauberwort heißt „gewünscht“ – der Aufsichtsrat muss das Know-how aktiv abrufen. Kommunikationschefin Stephanie Schunck sieht aber auch Bewegung in den Aufsichtsräten: „Insgesamt beobachte ich in den letzten Jahren eine weiter zunehmende Professionalisierung der Aufsichtsratsarbeit. Hierzu zählt zunehmend auch eine sachgerechte und aktive Kommunikation mit diversen Stakeholdern. Dass sich Aufsichtsräte zu Wort melden, wenn es im Interesse des Unternehmens geboten ist, macht daher aus meiner Sicht Sinn.“

Bemerkenswert ist, dass sich die PR-Unterstützung ausschließlich auf den Vorsitzenden des Aufsichtsrats fokussiert. Das Gremium spielt strategisch keine Rolle. Der Vorsitzende konzentriert damit positive wie negative Kritik auf seine Person. Dies wird auch in der jährlichen Inszenierung der Hauptversammlung deutlich, wo ausschließlich die Person an der Spitze entscheidend ist.

Am deutlichsten formuliert das ein Sprecher aus Nicola Leskes PR-Team bei SAP: „Von den Aufsichtsräten kommuniziert nur Hasso Plattner mit den Medien, und dies auch nur selten. Hier findet dann eine Abstimmung mit der Kommunikation statt.“

Eine Sonderrolle spielen auch die Dax-Unternehmen, die traditionell familiendominiert sind, wie etwa Henkel und Merck. Man registriert eine größere Verpflichtung, die handelnden Personen unbeschadet durch den Mediendschungel zu lotsen und vielleicht etwas liebevoller zu behandeln. So formuliert Henkel-PR-Boss Carsten Tilger, dass die Unternehmenskommunikation in die Kommunikation der Aufsichtsratsvorsitzenden „immer eng eingebunden“ ist. Er berät Simone Bagel-Trah in allen Fragen der Strategie, koordiniert Medienkontakte und begleitet die Interviews. In dieser Deutlichkeit ist das eine Ausnahmesituation.

Und bei Merck als KGaA „spielt der Aufsichtsrat eine weniger prominente Rolle als in klassischen AGs“, so Kommunikationschef Constantin Birnstiel. „Wesentliche Kontrollrechte liegen bei der E. Merck KG, die den 70-Prozent Anteil (nicht Aktien!) der  Familie Merck an unserem Unternehmen hält. Nichtsdestotrotz wird der Aufsichtsrat der Merck KGaA in verschiedenen Routinen durch die Geschäftsleitung und deren Vorsitzenden informiert, wichtige Pressemitteilungen werden direkt über die Kommunikation kurz vorab auch an den AR zur Kenntnis gegeben. Eine Sonderstellung als „Familienunternehmen“.

Ein Schlagwort, das sehr häufig die AR-Kommunikation charakterisiert, lautet: Bedarfsfall. Also kann man vermuten, dass hinter den Kommunikationsaktivitäten keine Integrationsstrategie steht.

Dieser Text ist ein Auszug. Was "Bedarfsfall" im Einzelfall bedeutet und weitere Details über die Organisation der Aufsichtsratskommunikation in den Dax-30-Unternehmen finden Sie in der Juli-Ausgabe des prmagazins.


Die Juli-Ausgabe 2018 ist da. Darin unter anderem:

Aufbruchstimmung: Während der Autobauer im Dieselsumpf festgefahren scheint, blickt PR-Chef Josef Arweck hoffnungsvoll nach vorn.

Aufsichtsräte: Werden die Kontrolleure in die Konzernkommunikation integriert oder ausgegrenzt? Eine Dax-Umfrage.

Ausgabe kaufen, Abo/Probeabo abschließen