Detailinformationen

Autor

Britta Jansen

Redaktion

verfasst am

16.10.2012

im Heft

10/2012

Talkshow / Stefan Raab

„Brot und Spiele“

Am 11. November strahlt ProSieben die Premiere von Stefan Raabs Talkshow „Absolute Mehrheit“ aus. Fünf Gäste sollen 90 Minuten lang vier Themen diskutieren. Welche Chancen und Risiken birgt die Show für Teilnehmer aus Wirtschaft und Politik? Das prmagazin bat Medientrainer um ihre Einschätzung.

Wer sich in die neue Talkshow von Stefan Raab wagt, sollte nicht zimperlich sein. (Foto: Hermann J. Knippertz/dapd (Stefan Raab); p!xel 66/Fotolia.com; Montage: prmagazin)

Kathrin Adamski, freier Mediencoach

„Ich würde die Zuschauerränge bevorzugen“

Kathrin Adamski, Inhaberin der Ulmer Medientrainings-Beratung Redefluss und freier Mediencoach bei fischerAppelt.

prmagazin: Warum sollten Wirtschaftsvertreter und Politiker zu Raab statt zu Jauch gehen? Bietet die neue Show irgendwelche Vorteile im Vergleich zu den klassischen Polittalk-Formaten?
Adamski:
Wer nichts zu verlieren und wenig zu sagen hat, ist in Raabs neuem Format sicher gut aufgehoben. Viele Menschen werden die Sendung schon wegen der Diskussionen im Vorfeld und dem inszenierten Quotenkrieg mit Günther Jauch in der Erstausgabe sehen wollen. Die Chance, dass sich die Zuschauer für einen kurzen Moment die Gesichter der Diskussionsteilnehmer merken und diese sich anschließend mit einer größeren Trefferquote bei Google und Co wiederfinden, mag bestehen, aber nachhaltige Kommunikation wird das Format sicher nicht bieten können.

Ein Format, das mit vier bis fünf Gesprächsteilnehmern über 90 Minuten eine Diskussion zu drei bis vier verschiedenen Themen führen will, ist für die Gesprächspartner rein rechnerisch eher ein inhaltliches Leichtgewicht mit wenig Tiefgang. Für den einzelnen Gesprächspartner bleiben nach Abzug von Moderationen, Vorstellung der Teilnehmer und diversen Einspielfilmen im besten Fall gerade mal vier Minuten Redeanteil zu einem Thema – die Fragen des Moderators dabei noch nicht berücksichtigt (und wer Raab kennt, weiß, dass er selten kurze Fragen stellt, um auf den Punkt zu kommen).

Wer dann noch rechnet, dass man in diesen vier Minuten auch persönliche Angriffe abwehren oder falsche Darstellungen zurechtrücken muss, wird bei der Gleichung zu dem Schluss kommen, dass die Chance auf die Platzierung von echten Botschaften kläglich zusammenschrumpft und dass das Risiko, sich zu blamieren, deutlich höher ist.

Einen echten Vorteil zu anderen Formaten hätte Raab, wenn er es tatsächlich schafft, langfristig ein jüngeres Publikum zum Einschalten zu bewegen und echtes Interesse an politisch-wirtschaftlich-gesellschaftlichen Themen zu wecken. Die Frage ist nur, wie man mit vorhandenen Politikern, bekannten Prominenten und dem Durchschnitts-Studiogast mehr bieten will als die anderen Formate, die mit denselben Leuten arbeiten, nur in einem anderen Setting, also einfach alles ein wenig anders zusammengerührt und mit einem zynisch-frechen Moderator gewürzt. Da ist zu vermuten, dass hier statt mit echten Themen vor allem mit Bloßstellungen, Frechheit und überzogenen Attacken gearbeitet wird, bei denen es nur darauf ankommt zu parieren. Denn damit schafft es auch ein im Showformat beheimateter Moderator, das entertain-verwöhnte Jungpublikum für gesellschaftspolitische Themen hinter dem Ofen hervorzulocken.

Raab gilt als Enfant terrible der deutschen Fernsehlandschaft. Angst, vorgeführt zu werden, sollte man nicht haben. Wo sehen Sie die Risiken insbesondere für die Talkgäste aus Wirtschaft und Politik?
Der Showtitel „Absolute Mehrheit“ klingt für mich wie mediale Brot und Spiele – als Botschaftenträger würde ich eher die Zuschauerränge bevorzugen. Ein Format, in dem es nur darum geht, um des Argumentierens willen zu argumentieren und sich medial zu „verkaufen“, wird davon leben, dass „Ungewöhnliches“ passiert, inszeniert oder gar provoziert wird. Wer sich bei YouTube und Co in möglichst peinlichen, überraschten oder gar hilflosen Situationen wiederfinden will, nur zu. Die unvergesslichen Memoiren des Internets schreiben mit diesem Format sicher wieder ein Stück mehr (unsinniger) Geschichte, und die absolute Mehrheit ist einem dann auch in Klickzahlen sicher. Sich in eine Diskussionsrunde zu setzen, deren Gesprächsthemen man vorab nicht kennt oder nur sehr begrenzt einschätzen kann, halte ich für gefährlich. Zu viele Fragen bleiben für den Gast in diesem Format offen. Welche Rolle spiele ich im jeweiligen Thema, bin ich Kläger, Angeklagter oder Randfigur? Sind die Themen überhaupt diejenigen, zu denen ich etwas sagen kann und vor allem will? Kenne ich mich in den spontan ausgewählten Themen aus, oder begebe ich mich inhaltlich auf dünnes Eis? Habe ich zu den einzelnen Themen überhaupt eine Meinung? Zu viele Variablen, die unter dem Druck des Formats und der Zuschauer zu echten Kommunikationsfallen werden können.

Wer sich seiner Schwächen und Angriffspunkte nicht hundertprozentig sicher ist, hat in diesem Format schlechte Karten. Denn nicht nur die Fragen des Moderators gilt es zu parieren, die Gesprächsteilnehmer werden im Argumentationsduell sicher auch zu gefährlichen Angreifern, die ihre Gegner ausschalten wollen. Es wird sich nicht alles oberhalb der Gürtellinie abspielen, schließlich will das Publikum etwas geboten bekommen und entscheidet mehrheitlich nach dem Unterhaltungsfaktor und der Sympathie, weniger nach den tatsächlichen Argumenten.

Raab hat angekündigt, verschiedene Themen diskutieren zu wollen, darunter auch sehr kurzfristige, damit sich die Gäste nicht tagelang vorbereiten (lassen) können. Werden Sie Ihre Kunden für die Sendung anders präparieren müssen als für andere Shows?
Die Vorbereitung für dieses Format bedeutet vor allem: seine persönlichen Schwächen und Angriffspunkte genau zu kennen und sich darauf vorzubereiten, dass man im schlimmsten Fall kräftig über sich lachen können muss. Und man sollte sich in der Disziplin Fettnäpfchentreten trainieren. Denn in diesem Format geht es nicht wirklich um Botschaften, sondern darum, „sich zu verkaufen“ oder „verkauft zu werden“ – je nachdem, wie gut man Attacken parieren und wie lässig man mit persönlichen Angriffen umgehen kann.

Wenn es überhaupt möglich ist, das Format als Plattform für eigene Themen und Thesen zu nutzen, dann muss man sich zum einen auf sehr wenige Kernbotschaften konzentrieren (zur Erinnerung: vier Minuten Redezeit pro Thema maximal stehen zur Verfügung) und die müssen dann auch noch exakt sitzen und in maximal 15 Sekunden auf den Punkt gebracht werden können. Denn vermutlich wird kein Diskussionsteilnehmer länger ungestört reden dürfen.

Und als Letztes kann man Gästen, die unbedingt zu Raab wollen, nur raten: Schau Dir im Vorfeld genau an, wer noch in der Runde vertreten ist und wer seine kommunikativen Waffen gegen Dich richten wird. Mit wem könntest Du Dich zur Not verbünden, wen solltest Du auf jeden Fall nie angreifen, und was ist Dein kommunikativer „Fuchsbau“, in den Du Dich im Zweifel zurückziehen kannst?

Und trainiere, Dich zu distanzieren, nicht tatsächlich in eine Diskussion einzusteigen, die keine ist und die zu keinem Ergebnis führt.

Bleibe ehrlich, sage nur, was Du tatsächlich fühlst, bleibe bei Dir, und lass Dich nicht auf einen verbalen Kampf mit anderen ein. Es geht hier nicht um Inhalte, es geht ums Argumentieren um des Argumentierens wegen und darum, die Gunst und Sympathie des Publikums zu erringen. Schwer genug!

 

Nikolai A. Behr, Corporate TV Association

„Gefahr der populistischen Radikalisierung“

Nikolai A. Behr, Chef der Corporate TV Association und Geschäftsführer des Deutschen Instituts für Kommunikations- und Medientraining.

prmagazin: Warum sollten Wirtschaftsvertreter und Politiker zu Raab statt zu Jauch gehen? Bietet die neue Show irgendwelche Vorteile im Vergleich zu den klassischen Polittalk-Formaten?
Behr:
Durch einen Auftritt in Stefan Raabs Sendung können Politiker und Wirtschaftsvertreter sicherlich eine jüngere Zielgruppe erreichen, als beispielsweise bei Jauch. Die Abstimmungen geben den geladenen Gästen auch ein sofortiges Feedback zu Ihren Statements, besonders vom Wähler vor dem Fernseher, was es sonst nur durch Befragungen nach TV-Duellen von Spitzenkandidaten gibt. Ansonsten bietet dieses Format höchstens noch ein Sprungbrett für Politiker aus der zweiten oder dritten Reihe, die das als ähnliche Chance sehen wie Nachwuchssänger bei Deutschland sucht den Superstar (DSDS).

Raab gilt als Enfant terrible der deutschen Fernsehlandschaft. Angst, vorgeführt zu werden, sollte man nicht haben. Wo sehen Sie die Risiken insbesondere für die Talkgäste aus Wirtschaft und Politik?
Die Tatsache, dass für eine Mehrheitsmeinung Geld gewonnen wird, empfinde ich als höchst problematisch. Ich denke, dadurch lässt sich der eine oder andere dazu verleiten, der Mehrheit nach dem Mund zu reden, um nicht die Chance auf 100.000 Euro zu verlieren. Es besteht insbesondere die Gefahr der populistischen Radikalisierung, in der Sprache und in den Positionen! Die politische Kultur oder das Interesse am Thema Politik wird durch ein solches Format sicherlich nicht gefördert. Es kann sogar passieren, dass die Politik durch schlechte Performance der Politiker in der Sendung noch mehr Ansehensverlust erleidet.

Raab hat angekündigt, verschiedene Themen diskutieren zu wollen, darunter auch sehr kurzfristige, damit sich die Gäste nicht tagelang vorbereiten (lassen) können. Werden Sie Ihre Kunden für die Sendung anders präparieren müssen als für andere Shows?
Wenn wir Manager und Politiker für TV-Auftritte vorbereiten, spielen wir alle in Frage kommenden Themen durch. Natürlich auch die Möglichkeit, von einem nicht vorbereiteten Thema „kalt erwischt“ zu werden und darauf trotzdem so natürlich und souverän zu antworten wie auf eingeübte Fragenkomplexe. Insofern würden wir einen Teilnehmer oder eine Teilnehmerin für die Raab-Sendung inhaltlich nicht viel anders vorbereiten. Beim Training für den äußeren Auftritt muss man sicher die zu befürchtenden Provokationen berücksichtigen, das dürfte eine neue Dimension erreichen, denn Herr Raab wird für die Quote Krawall brauchen. Hier muss sich der Talkgast sicher unter Kontrolle haben, seine Mimik und Gestik beherrschen und einen sympathischen aber auch authentischen Eindruck hinterlassen.

Insgesamt würde ich keinem Kunden raten, in diese Sendung zu gehen. Aber wenn sich hier eine Person des öffentlichen Lebens profilieren will, können wir sie mit unseren Trainings bestens darauf vorbereiten, damit „der Schuss“ kommunikativ nicht nach hinten losgeht.

 

Jörg-Michael Junginger und Marcus Ewald, Media Advice

„Dampfplauderer werden entlarvt“

Jörg-Michael Junginger (oben) und Marcus Ewald, Inhaber beziehungsweise Gesellschafter der Mainzer Medienberatung Media Advice.

prmagazin: Warum sollten Wirtschaftsvertreter und Politiker zu Raab statt zu Jauch gehen? Bietet die neue Show irgendwelche Vorteile im Vergleich zu den klassischen Polittalk-Formaten?
Junginger:
Es gibt zwei Vorteile: Zum einen erreichen Sie eine andere Zielgruppe – vermutlich jünger und weniger politisch interessiert. Zum anderen wird Raab die üblichen Talkshowkämpfe unterbinden und auf den Kern vordringen wollen. Wenn Sie etwas zu sagen haben, sind Sie im Vorteil. Dampfplauderer und Talkshowtouristen werden entlarvt.

Raab gilt als Enfant terrible der deutschen Fernsehlandschaft. Angst, vorgeführt zu werden, sollte man nicht haben. Wo sehen Sie die Risiken insbesondere für die Talkgäste aus Wirtschaft und Politik?
Ewald:
Der große Vorteil ist auch der große Nachteil: Dadurch, dass das Publikum sofort bewertet, stehen alle Gäste unter besonderem Druck. Dabei haben es die verständlich Unterhaltsamen leichter als die sachbezogen Belehrenden. Wer es nicht schafft persönlich Gespräche zu führen, fliegt raus. Raab ist ein diabolischer Meister der Beziehungsebene – er provoziert, beleidigt, und wird frech. Kombiniert mit exzellenter inhaltlicher Vorbereitung wird das brandgefährlich, aber tierisch unterhaltsam. Wer nicht persönlich agiert, bekommt die Quittung am Ende: Gequält in die Kamera lächeln, wenn die Zuschauer Sie auf den letzten Platz gesetzt haben.

Raab hat angekündigt, verschiedene Themen diskutieren zu wollen, darunter auch sehr kurzfristige, damit sich die Gäste nicht tagelang vorbereiten (lassen) können. Werden Sie Ihre Kunden für die Sendung anders präparieren müssen als für andere Shows?
Junginger:
Kunden von Media Advice kommt die Raabsche Talkshow entgegen. Das Glaubensbekenntnis war schon immer und ist nach wie vor: Wir zeigen Menschen auf, wie sie wirksam persönlich Gespräche führen. Das gilt schon immer und nicht nur für Raab. Das A und O in unserer Vorbereitung ist, mit dem Media Advice Fragenscanner blitzschnell Fragen zu analysieren und die passende Antwort zu geben.

Ewald: Das gibt Sicherheit, auch wenn es rauer werden wird. Wichtig ist es, feste, mehrheitsfähige Standpunkte zu haben und gegen Raabs Attacken zu halten. Bei der Entwicklung helfen wir gern. Ganz wichtig: Gegen Raab verliert jeder, der versucht, sein Spiel zu imitieren. Jeder Teilnehmer muss sich selbst unbedingt treu bleiben.

 

Die Oktober-Ausgabe des prmagazins ist erschienen. Hier geht es zum E-Paper.

Darin unter anderem:
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