NGO-Serie (7): Peta
Die Radikalen
Die Tierrechtsorganisation Peta sorgt mit kontroversen Kampagnen gehörig für Aufsehen. Mit Erfolg: Pelz zu tragen ist heute in weiten Kreisen tabu, Massentierhaltung steht in den Medien unter kritischer Beobachtung. Wer steckt hinter der aggressiven Strategie, und was treibt die Aktivisten an?

Pamela Anderson ist das bekannteste internationale Peta-Testimonial. Bei ihren Kampagnen setzt die NGO auf Konfrontation und Stars. (Foto: Peta)
Es war 20.54 Uhr Ortszeit, als hunderte Schafe und Gänse das Londoner Olympiastadion verließen. Die Eröffnungsfeier der diesjährigen Sommerspiele war für die tierischen Komparsen vorbei, bevor sie richtig begonnen hatte. Nur zu Beginn der bildgewaltigen Zeitreise durch die Entwicklung Englands von Regisseur Daniel Boyle spielten die Viecher ihre Rolle. Der Lärm der eigentlichen Show blieb ihnen erspart.
Dass das Spektakel am 27. Juli 2012 so kurz war, ist auch ein Erfolg für Peta (kurz für: People for the Ethical Treatment of Animals). Die nach eigenen Angaben größte Tierrechtsorganisation der Welt hatte zuvor mit mehreren britischen Verbänden gegen den Einsatz von Tieren bei der Eröffnungsfeier protestiert und erreichte in London die Erfüllung einer Minimalforderung.
GRÜNDUNG UND ZIELE
Peta ist radikaler als viele andere Tierschutzorganisationen. Die Aktivisten um Gründerin Ingrid Newkirk wollen nicht die Artenvielfalt sichern und die Tierhaltung verbessern. Sie kämpfen für die Gleichstellung von Tier und Mensch und prangern Ausbeutung durch den Menschen an: „Unser Fokus liegt auf den Schweinen, Hühnern, Rindern, Nerzen, Füchsen, Elefanten, Tauben, Mäusen, Ratten, die auf Intensivtierfarmen, auf Pelzfarmen, in Labors, in Zirkussen oder Zoos leiden und sterben“, beschreibt die Organisation ihr Anliegen. Wie entschlossen sich Peta für diese Ziele einsetzt, bekommen Firmen, Forschungseinrichtungen und Interessenverbände zu spüren.
Bis sie 21 Jahre alt war, hatte Gründerin Newkirk nach eigenem Bekunden nie über Tierrechte nachgedacht. Sie lebte mit ihrem Mann im US-Bundesstaat Maryland und wollte Börsenmaklerin werden. Als ihr Nachbar ein Katzenjunges aussetzte, brachte sie es in eine Auffangstation - fortan engagierte sie sich für Tiere. Bei ihrer späteren Arbeit als Tierschutzbeamtin von Maryland wurde sie immer wieder mit Missbrauch in Forschung und Massentierhaltung konfrontiert.
Dann lernte sie Alex Pacheco kennen, der in einem Tierheim arbeitete und ihr das Buch „Animal Liberation“ von Peter Singer schenkte, eine Art Bibel der Tierrechtler, in dem der Philosoph die Gleichstellung von Tier und Mensch fordert und die Situation in der Intensivtierhaltung und bei Tierversuchen schildert. Das Werk inspirierte Newkirk und Pacheco 1980 zur Gründung von Peta. Sie wollten gegen Tierquälerei vor Ort kämpfen.
Heute hat Peta USA nach eigenen Angaben mehr als drei Millionen Unterstützer. 1993 gründeten die Initiatoren eine Organisation in den Niederlanden, um Konzerne auch international zu attackieren. 1994 starteten Peta Deutschland und UK, weitere Ableger arbeiten in Frankreich, Australien, Indien und Hongkong. Peta Deutschland zählt 30.000 Mitglieder. Der Verein ist eigenständig, nutzt aber Namen und Aufbau der US-Mutter, verfolgt die gleichen Ziele und das gleiche Leitbild. Ingrid Newkirk fungiert nominell als erste Vorsitzende von Peta Deutschland.
Die NGO will Tierquälerei aufdecken und die Öffentlichkeit aufklären mit dem Ziel, die menschliche Lebensweise so zu verändern, dass jedem Tier ein besseres Leben möglich wird. Peta setzt sich für die Anerkennung eines eigenständigen Tierrechts ein und spricht Tieren einen naturgegebenen Anspruch auf respektvolle Behandlung und Schutz ihrer Grundrechte zu. Menschen dürfen Tiere also nicht ausbeuten, misshandeln und verwerten - nicht für Ernährung, nicht für Kleidung, nicht für Experimente.
Harald Ullmann, seit Gründung zweiter Vorsitzender von Peta Deutschland, sagt: „Tiere haben das Pech, mit uns auf einer Welt zu leben. Es gibt keinen vernünftigen Grund, Tiere auszubeuten. Biologisch gesehen sind Menschen auch Tiere.“ Das heißt: Peta ist im Kern keine Tierschutzorganisation, für die sie viele halten. Denn die Aktivisten treten nicht für bessere Lebensumstände von Tieren ein, sondern lehnen deren Nutzung ganz ab. So wundert es wenig, dass die Organisation der Veganer-Bewegung nahesteht, Einkaufsführer und Rezepte für eine rein pflanzliche Ernährung verteilt.
STRATEGIE UND INSTRUMENTE
Peta versteht sich als PR-Maschine. Das verrät die Vereinssatzung, die Öffentlichkeitsarbeit ins Zentrum rückt. Laut Website fließen 85 Prozent der Spenden in Aufklärungskampagnen, Öffentlichkeitsarbeit und politische Arbeit - Personalkosten mit eingerechnet. Bei Kampagnen setzt man auf zwei Mittel: Konfrontation und Stars. „Manche Menschen reagieren eher auf die Vorbildfunktion von Prominenten, andere auf schockierende Bilder“, sagt Vizechef Ullmann. Aufrüttelnde Bilder aus Massentierhaltung und Pelzfarmen sollen abschrecken. Das geschieht vorwiegend per Internet, aber auch mit Protestaktionen vor Geschäften.
Wie bei NGOs üblich trifft der Zorn der Aktivisten oft die Marktführer, in Deutschland zum Beispiel die Marke Wiesenhof des größten Geflügelfleischproduzenten PHW. Auch im Kleinen sind Peta-Aktivisten im Einsatz, diskutieren mit Restaurantbetreibern, die Hummer und Gänsestopfleber anbieten, und versuchen, Pelze aus Kaufhäusern zu verbannen.
Die Offensiven sind bisweilen Gratwanderungen. Eine Kampagne mit dem Titel „Holocaust auf Ihrem Teller“ löste vor acht Jahren eine Empörungswelle aus. Damals hatte Peta Bilder ausgemergelter KZ-Häftlinge und Massentierhaltung gegenübergestellt. Der Zentralrat der Juden erwirkte eine einstweilige Verfügung. Für Peta ist die Aktion Ausdruck der Meinungs- und Pressefreiheit: „Bei der Kampagne war uns sehr wohl bewusst, dass wir erheblichem Gegenwind ausgesetzt sein würden", so Ullmann. "Trotzem war es die richtige Entscheidung.“ Die Gegenklage von Peta wies das Bundesverfassungsgericht ab. Eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs steht aus.
Unter Slogans wie „Lieber nackt als im Pelz“ oder "Bring Farbe in dein Leben - Go Veggie!" werben zunehmend Promis für tierfreundlichen Lebensstil. Neben dem bekanntesten internationalen Testimonial Pamela Anderson unterstützen in Deutschland mehr als 50 Stars die Peta-Kampagnen, darunter Schauspieler wie Katja Riemann und Thomas Kretschmann. So gelingt es Peta, Botschaften auch in Medien zu bringen, die kaum über Tierschutz und Tierrecht berichten.
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