Detailinformationen

Autor

Daniel Neuen

Redakteur

im Heft

1/2013

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Financial Times Deutschland

Ende einer Hassliebe

Lauter, bunter, aggressiver - die Financial Times Deutschland hat den Wirtschaftsjournalismus verändert und die Arbeit für PR-Profis unbequemer und unberechenbarer gemacht. Nach knapp 13 Jahren ist das rosa Blatt Geschichte. Mit dem Ableben des Hamburger Quälgeists wird es für Kommunikationschefs aber keinesfalls gemütlicher. Im Gegenteil.

Final Times: Mit einer gut gemachten Schlussausgabe verabschiedete sich die FTD am 7. Dezember 2012.

Als die Financial Times Deutschland am 21. Februar 2000 zum ersten Mal erschien, fiel sie nicht mit der Tür ins Haus. Die rosa Zeitung versuchte, die Eingangstore der Deutschland AG zu sprengen. „Siemens plant radikalen Umbau mit Konzentration auf zwei Sparten“, verkündete die Frontseite bei der Premiere. Eine Bombenstory und zugleich ein Blindgänger, weil sie „so gedreht und zugespitzt wurde“, wie die FTD in einer ihrer letzten Ausgaben selbst schrieb, „dass sie Teile ihres Wahrheitskerns einbüßte“. Die Legende der ersten Titelgeschichte wurde in den vergangenen Wochen häufig erzählt. Und auch die Episode, wonach die Lufthansa einst tausende Bordexemplare aus ihren Fliegern und Wartebereichen verbannen ließ, weil die Zeitung Unliebsames aus internen Papieren zitiert hatte.

Kommunikationschefs und PR-Berater, die seit vielen Jahren im Geschäft sind, schöpfen aus einem wahren Fundus von Kriegserinnerungen an die Auseinandersetzungen mit den FTD-Redakteuren. Mancher verspottete sie gar als „Kindersoldaten“: jung, schlecht bezahlt, nur auf Exklusives und Krawall aus. Fern solcher Übertreibungen bleibt festzuhalten: Die FTD hat den Wirtschafts-journalismus hierzulande verändert und damit auch die Pressearbeit von Unternehmen. Bunter und schriller, lauter und lustiger, frecher und aggressiver als die Konkurrenz – mit ihrem angelsächsischen Stil machte das Blatt die Arbeit für Kommunikatoren unbequemer und unberechenbarer.

Nicht immer hielten sich die „Revolutionäre“ vom Hamburger Baumwall (Ex- Chefredakteur Christoph Keese) an die ungeschriebenen Gesetze zwischen Journalisten und PR-Profis. „News is something someone somewhere does not want to see in print“, lautete Keese zufolge ihre heiligste Regel. Und in der Tat: Was die Redakteure und Reporter auf lachsrosa Papier brachten, hat den handelnden Personen in den Unternehmen oft nicht gefallen – weil manches nicht stimmte, aber vieles eben doch. Viele verbanden mit der FTD eine Art Hassliebe: entweder spannende Morgenlektüre, wenn der eigene Konzern und CEO nicht im Fadenkreuz standen. Oder Ärgernis, das mancher gern aus dem Pressespiegel verbannt hätte, wenn die Zahlen mies waren, die Aktionäre murrten oder Vorstände und Aufsichtsräte sich befehdeten.

Die Regelberichterstattung über Bilanzen interessierte die FTD nur am Rande. Ihr ging es mehr um Konflikte und Personen. Das war neu in Deutschland. Somit hat die Zeitung ihren Teil zum Aufstieg der strategischen Kommunikationsberater beigetragen. Hering Schuppener, CNC und Co konnten die Angst der Führungsetagen vor der FTD als einen Hebel für ihren kommerziellen Erfolg nutzen.

Zu kleine Auflage zum Überleben, aber große Aufregung – so könnte das Fazit nach knapp 13 Jahren FTD und mehr als 100 Richtigstellungen lauten. Da mag mancher PR-Chef nur Krokodilstränen verdrücken und sich insgeheim freuen über den Tod des hanseatischen Quälgeists. Im Gegenzug verfasste FTD-Korrespondent Klaus Max Smolka in der Schlussausgabe eine Abrechnung mit den PR-Schaffenden , die immer autoritärer agieren und damit das Vertrauen in Unternehmen und Organisationen zerstören würden. „In der deutschen Wirtschaft geht es zu wie in Nordkorea“, beschwerte sich Smolka. Die Beziehung zwischen FTD und PR-lern war immer spannungsgeladen. Aber zuletzt konnten viele Kommunikatoren mit der Zeitung ganz gut leben. An die aggressive Gangart hatten sie sich gewöhnt, andererseits war das Blatt in den vergangenen Jahren nüchterner und sachlicher. Den meisten darf man ihr Bedauern über sein Ende und das Lob für die gute Arbeit der betroffenen Journalisten wohl abnehmen.

„Wir werden die FTD vermissen, denn wir brauchen Qualitätsjournalismus mit hohen Standards“, sagt Munich-Re-Kommunikationschef Christian Lawrence, stellvertretend für viele Kollegen im Dax. „Ich habe die Sorge, dass die Medienlandschaft verarmt. Wir verlieren mit der FTD einen fairen, oft kritischen, aber immer kundigen Beobachter.“ Damit meint er Versicherungsexperte Herbert Fromme, der wegen seiner Sachkenntnis und Kontakte in der Branche genauso geschätzt wie gefürchtet wird. Fromme dürfte als einer der wenigen FTD-Mitarbeiter gute Chancen haben, bei einem anderen Medium unterzukommen. Lawrence würde das freuen: „Es gibt ohnehin nur wenige Journalisten, die sich intensiv mit Versicherern beschäftigen. Das ist schlecht, auch für den Leser, weil wir ein extrem erklärungsbedürftiges Geschäft betreiben.“

Ähnlich äußert sich Oliver Santen von Siemens: „Wir sind ein sehr komplexes Unternehmen, das sicher an vielen Stellen erklärungsbedürftig ist. Vor allem wenn man sich nicht laufend damit beschäftigt“, so der Pressechef des Technologieriesen. „In den Redaktionen müssen immer weniger Journalisten immer mehr Themen und Unternehmen betreuen. Und wenn es im Redaktionsalltag schnell gehen muss, bleibt die Sachkenntnis manchmal zwangsläufig auf der Strecke.“

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