Detailinformationen

Autor

Wolf-Dieter Rühl

Geschäftsführender Redakteur

verfasst am

01.11.2010

im Heft

11/2010

Microsoft / Wikileaks

Endlich Waffengleichheit?

Der Journalist David Schraven warf einer Microsoft-Mitarbeiterin in einem Artikel vor, verdeckte PR für WikiLeaks zu machen. Microsoft-PR-Chef Thomas Mickeleit ging das gegen den Strich – deshalb veröffentlichte er die Fragen des WAZ-Rechercheurs in der Kommentarspalte. Ein legitimes Mittel und eine neue Waffe für die Sprecher?

Thomas Mickeleit griff zu einem ungewöhnlichen Mittel.

Seine Freude will Thomas Mickeleit gar nicht verbergen. „Das ist jetzt ein neues Spiel, und das macht mir offen gestanden viel Spaß“, so der Kommunikationschef von Microsoft Deutschland. Der Grund für so viel Fröhlichkeit? Mickeleit glaubt, endlich einmal den Spieß herumgedreht zu haben, mit dem Journalisten täglich Pressesprecher piesacken. Der Journalist David Schraven hatte auf den Onlineseiten der WAZ einen verschwörungstheoretisch anmutenden Artikel über eine Microsoft-Lobbyistin veröffentlicht. Einige Leser kommentierten, die Geschichte sei etwas nebulös, und fragten, ob der Autor auch das Software-unternehmen kontaktiert habe.

Das nahm PR-Chef Mickeleit zum Anlass, in die Tasten zu hauen. Er stellte Schravens komplette Anfrage sowie seine eigenen Antworten online – offenkundig mit dem Ziel, den Journalisten bloßzustellen. „Herr Schraven ist ja offensichtlich nicht bereit, die Karten auf den Tisch zu legen und einzugestehen, dass er sich da in etwas verrannt hat. Da die Community sich dafür interessiert, möchte ich hier die vollständige Antwort von Microsoft auf seine Anfrage posten“, leitete er den Text ein.

Seine Botschaft: Der Autor hätte anhand der Antworten selbst sehen müssen, dass nichts dran sei an dem Vorwurf, die Mitarbeiterin mache womöglich im Auftrag von Microsoft verdeckte PR für die Internetplattform WikiLeaks. Bei den Lesern kam die Aktion gut an und erfüllte ihren Zweck. „Danke Microsoft für die Veröffentlichung des Originaltexts (Ich hab mich noch niemals bei einem Unternehmen bedankt)“, schrieb ein Nutzer exemplarisch.

Die ohnehin nur noch kurze Diskussion drehte sich fortan um die  journalistische Qualität des Artikels, der vermeintliche Skandal spielte keine Rolle mehr. „Es dürfte das erste Mal sein, dass ein deutscher PR-Chef journalistische Anfragen veröffentlicht“, sagt Hendrik Zörner, Pressesprecher des Deutschen Journalisten-Verbands.

Prinzipiell sei das Vorgehen statthaft. „Ein Journalist muss damit rechnen. Er stellt seine Fragen, damit sie später publik werden. Neu ist hier nur, dass er nicht mehr allein darüber entscheidet.“ Bei den verstärkt eingesetzten Möglichkeiten der Onlinemedien und speziell der Kommentarfunktion könnte es sein, dass entsprechende Reaktionen von Sprechern und auch von Betroffenen wie Prominenten zunähmen.

Mickeleit will zu diesem Schritt nicht uneingeschränkt raten: „Es ist nicht immer sinnvoll, Rechercheanfragen online zu stellen. Das kann auch Öl ins Feuer gießen und unerwünschte Diskussionen weiterlaufen lassen.“ Es sei aber eine Option, ein weiterer Pfeil im Köcher, das Waffenarsenal von Sprechern wachse.

Der Journalist Schraven, Beisitzer im Vorstand von netzwerk recherche, nimmt die Sache sportlich: „Dass ein Konzern meine Anfragen veröffentlicht, ist auch neu für mich, normalerweise machen das nur kleine Klitschen. Ich finde es aber auch nicht besonders schlimm. Die Arbeit eines Journalisten ist nun einmal  eine öffentliche.“ Kritisch wäre es bei einer detaillierten Anfrage, zu der eine umfangreiche Vorrecherche nötig war und die mit einem solchen Schritt auch für die journalistische Konkurrenz sichtbar würde. „Dagegen würde ich mich wehren“, so Schraven.

Damit hätte er vermutlich Erfolg, meint DJV-Sprecher Zörner: „Es kann ein Verstoß gegen das Urheberrecht sein, wenn es sich um längere Fragen handelt, die mehrere einleitende Sätze enthalten und eine gewisse Schöpfungshöhe haben.“ Dass Kommunikatoren künftig verstärkt darauf setzen könnten, im Kommentarbereich noch einmal die eigene Sicht darzustellen, glaubt Schraven nicht: „Die meisten sind professionell und die wenigsten so dünnhäutig."

Klar ist: Das Verhältnis zwischen Sprecher und Journalist wird durch solche Aktionen nicht eben besser. Thomas Mickeleit erwartet allerdings von seinen journalistischen Gesprächspartnern „die gleiche professionelle Gelassenheit, die von uns auf der PR-Seite zu Recht eingefordert wird.“

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