Detailinformationen

Autor

Wolf-Dieter Rühl

Geschäftsführender Redakteur

im Heft

5/2011

Facebook

Freunde: Null

Facebook ist in seiner Kommunikation schlechter als jedes Industrieunternehmen. Beißhemmungen gegenüber dem sozialen Netzwerk gibt es bei deutschen Journalisten nicht, wie ein reißerischer Titel der Bild-Zeitung zeigt. Auch im Netz ist Facebook noch nicht zum Dialog bereit.

Gespieltes Entsetzen: Google-Sprecher Stefan Keuchel mit der Bild-Titelseite über Facebook.

Man wäre gern dabei gewesen, als am so genannten „Balken“ der Bild-Redaktion die Entscheidung fiel, den Mord an einer 16-jährigen Schülerin mit der seltsamen Schlagzeile „Todesfalle Facebook“ auf die erste Seite zu hieven. Mit der Frage nach ihrem Sinn muss man sich nicht lange aufhalten. Die Überschrift am 15. April hätte wohl kaum „Todesfalle Dorfkneipe“ gelautet, wenn Opfer und Täter dort den ersten Kontakt geknüpft hätten.

Aus kommunikativer Sicht ist die überdrehte Geschichte deswegen interessant, weil sie zeigt, welche gesellschaftliche Bedeutung Facebook mittlerweile hat – und wie schlecht das US-Netzwerk darauf hierzulande vorbereitet ist. Die Bild-Ausgabe traf die deutsche Dependance in Hamburg aus dem Nichts. Dort betreuen nur einige Handvoll Mitarbeiter rund 17 Millionen deutsche Mitglieder. Weder der Autor der Geschichte Jörg Völkerling noch der zuständige News-Redakteur war auf die Idee gekommen, vorher im Büro am Rathausmarkt anzurufen.

Doch selbst falls einer der Journalisten eine Stellungnahme hätte einholen wollen, einen Ansprechpartner hätte er auf die Schnelle nicht gefunden. Zwar gibt es mit Tina Kulow seit Anfang Februar eine Corporate Communications Managerin für Deutschland, Österreich und die Schweiz. Wer die in der Internetszene bestens verdrahtete Kommunikatorin allerdings nicht bereits kennt, findet sie auch nicht auf Anhieb. Facebook hat in Deutschland keinen Presseauftritt im Netz, auch auf der eigenen Facebook-Seite findet sich kein Medienkontakt.

Zudem ist immer noch nicht klar, ob zu Kulows Aufgaben überhaupt klassische Pressearbeit gehört. Auf eine entsprechende Anfrage des prmagazins antwortete im März die für Facebook arbeitende Agentur Heine PR, Kulow sei „keine Facebook-Sprecherin“. Auf die erneute Anfrage wegen der Bild-Titelgeschichte meldete sich im April die von Facebook jüngst beauftragte Agentur APCO und teilte mit, Kulow sei sehr wohl Pressesprecherin, momentan aber leider im Urlaub. Welche Aufgaben APCO für das soziale Netzwerk in Deutschland übernimmt und wie die Aufgabenteilung mit Heine PR aussieht, könne man auch noch nicht sagen. Ein kommunikatives Chaos.

So ist es kein Wunder, dass Facebook vor allem bei deutschen Nachrichtenjournalisten immer noch das weitgehend anonyme US-Unternehmen ist. Gründer Mark Zuckerberg ist bekannt, wer aber hierzulande das Gesicht der Firma oder Ansprechpartner für die Medien ist, weiß niemand. Bezeichnend ist, dass der Mitarbeiter von APCO darauf hinweist, Bild hätte die Anfrage an die E-Mail-Adresse press@facebook.com schicken können. Dass auch er sich nicht zitieren lassen will, passt zum Gesamteindruck.

Auf die Titelgeschichte des Springer-Blatts reagierte Facebook nicht öffentlich, eine Einordnung auf den eigenen Seiten sucht man ebenfalls vergeblich. Tina Kulow schickte nur ein satirisches Twitpic von Google-Sprecher Stefan Keuchel an ihre eigenen Follower bei Twitter weiter. Das Bild zeigt, wie Keuchel mit weit aufgerissenen Augen die Bild-Schlagzeile in die Kamera hält. Der Text dazu: „Ich werde wohl meinen Account löschen.“

Hinter den Kulissen beschwerte sich Facebook allerdings. Angeblich soll es am Tag des Erscheinens ein Treffen in der Bild-Redaktion gegeben haben, bei dem die Springer-Leute ihre Schlagzeile bedauerten. Die Redaktion habe mit der Titelgeschichte allerdings nicht speziell Facebook kritisieren, sondern auf die allgemeinen Gefahren sozialer Netzwerke hinweisen wollen, heißt es. Offiziell schweigen beide Seiten zu dem Treffen.

Klar ist jedenfalls: Facebook erlebt derzeit das Tempo- und Google-Phänomen: Die Marke steht mittlerweile für die gesamte Branche. Das rasant wachsende Unternehmen hat nicht nur mit Journalisten Kommunikationsprobleme. Auch die eigenen Nutzer Ärgern sich über die Plattform. Wer die Seite „Facebook Deutschland“ aufruft, findet zahlreiche unbeantwortete Fragen und ätzende Kommentare der Mitglieder. „An wen kann man sich wenden, wenn man Probleme mit Facebook hat? Irgendwie fühlt man sich hier so allein gelassen“ und „HALLO FACEBOOK!!!! Lest ihr hier auch mal??? Wir haben Fragen und wollen Antworten! Ist das so schwer???“, sind nur zwei aktuelle Beispiele.

Die aufstrebende Internetplattform, die derzeit fast alle Kommunikatoren in Unternehmen, Verbänden und Organisationen vor große Herausforderungen stellt, bekommt kommunikativ selbst kein Bein auf die Erde.

Aktuelle Kommentare

Noch keine Kommentare.

Kommentare werden moderiert.

Kommentar verfassen

Adding an entry to the guestbook

Bitte geben Sie hier das Wort ein, das im Bild angezeigt wird. Dies dient der Spam-Abwehr.

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.