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Autor

Gesche Wüpper

Korrespondentin

im Heft

12/2009

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France Télécom

Lange Leitung

Anfang dieser Woche übergoß sich der vierfache Familienvater Rémy L. mit Benzin und zündete sich an. Der Mitarbeiter des ehemaligen Staatskonzerns France Télécom beging wohl aus beruflichen Gründen Selbstmord. Die traurige Fortsetzung einer Suizidwelle bei dem Unternehmen, die die Medien seit Jahren beschäftigt. Der Telekommunikationsriese hat das Problem zunächst verkannt – und deshalb eine falsche Kommunikationsstrategie eingeschlagen, wie eine immer noch lesenswerte Analyse von Gesche Wüpper vom Dezember 2009 zeigt.

Die Selbstmordwelle bei France Télécom kratzt an der Hochglanzfassade des Telekommunikationsgiganten. (Foto: © Frederic Bukajlo - abacapress.com for Orange)

„Waren Sie in den vergangenen sieben Tagen verzweifelt, wenn Sie an die Arbeit dachten? Was machen Sie, wenn Sie von der Arbeit gestresst oder müde sind? Nehmen Sie Medikamente? Trinken Sie Alkohol?“ Das sind nur ein paar der insgesamt 170 Fragen, die die französischen Mitarbeiter von France Télécom bis Mitte November anonym beantworten sollten. Es ging darum, Auskunft zu geben über Arbeitsbelastung, Anerkennung ihrer Leistung, Gewalt am Arbeitsplatz und vieles mehr.

Hintergrund der Fragebogenaktion ist die Selbstmordserie, die den französischen Telekomriesen seit Anfang 2008 erschüttert. In den vergangenen 19 Monaten nahmen sich 25 Mitarbeiter des Konzerns das Leben – davon allein neun zwischen Mitte Juli und Mitte Oktober. Gewerkschaften und die meisten Medien machen den radikalen Umbau und den dadurch ausgelösten Stress für die Selbstmorde verantwortlich. Das 1997 privatisierte Staatsunternehmen hat sich in den vergangenen drei Jahren von 22.000 Mitarbeitern getrennt – auf freiwilliger Basis.

Doch ganz so freiwillig sei der Abschied nicht erfolgt, beklagen Arbeitnehmervertreter. „Alle Mitarbeiter erhalten regelmäßig per Mail Angebote, das Unternehmen zu verlassen“, sagt Philippe Meric von der Gewerkschaft SUD. „Die Manager haben Vorgaben, Mitarbeiter zum Gehen zu ermuntern.“ Erfüllen sie diese Ziele, bekämen sie eine entsprechende Gehaltsvergütung. 14.000 Beschäftigte wurden zudem auf andere Posten versetzt.

„Time to move“ heißt das Programm, das leitende Angestellte zwingt, alle drei Jahre den Job zu wechseln. Gewerkschaftsvertreter kritisieren, dass gerade die verbeamteten und damit unkündbaren Mitarbeiter auf uninteressante Stellen abgeschoben würden. Ein Mitarbeiter aus Marseille, der sich im Sommer das Leben nahm, machte in seinem Abschiedsbrief denn auch das „Terrormanagement“ für seinen Selbstmord verantwortlich.

France Télécom ist nicht das erste französische Unternehmen, das mit dem Problem der Suizide zu kämpfen hat. In der Vergangenheit kam es auch bei den Autobauern Renault und PSA Peugeot Citroen, bei dem Stromversorger EDF sowie dem Atomkonzern Areva zu Selbstmorden. Alle diese Unternehmen waren einst der Stolz der Grande Nation, ächzen jedoch mittlerweile unter hohem Wettbewerbsdruck, der sie zu radikalen Veränderungen zwingt. An fast allen war oder ist der französische Staat beteiligt. Spätestens seit Jean-Baptiste Colbert, Finanzminister unter Ludwig XIV., erwartet die Bevölkerung, dass sich der Staat in die Wirtschaft einmischt und für das Gemeinwohl sorgt. Politiker gaukeln ihren Wählern deshalb gern vor, sie könnten sich um die Bedürfnisse der Arbeitnehmer kümmern.

Meist sind die Versprechen nicht zu halten. So verlangte Staatspräsident Nicolas Sarkozy zu Beginn des Jahres von der heimischen Automobilindustrie im Gegenzug für staatliche Hilfen, keine Werke in Frankreich zu schließen oder Arbeitsplätze ins Ausland zu verlagern. Ob sich das langfristig durchsetzen lässt, ist zweifelhaft. Die Selbstmordwelle rief auch bei France Télécom den Staat auf den Plan, der noch immer knapp 24 Prozent des Kapitals hält – allerdings erst im September. „Die Regierung hat die Kommunikation zu den Freitoden zunächst Konzernchef Didier Lombard überlassen“, sagt Philippe Brochen von der linksliberalen Tageszeitung Libération. „Erst als das Thema zu wichtig wurde, hat sie die Unternehmensleitung zur Rechenschaft gezogen.“

Gewerkschaften und die linke Opposition forderten Lombards Rücktritt. Der France- Télécom-Boss musste der zweiten Parlamentskammer und Wirtschaftsministerin Christine Lagarde Rede und Antwort stehen. Die Ministerin sprach ihm trotz allem ihr Vertrauen aus. Stattdessen musste Anfang Oktober der für seinen harten Sparkurs bekannte Vizechef des Unternehmens Louis-Pierre Wenes gehen. Sein Rücktritt sollte ein Zeichen setzen, dass sich etwas ändert.

Das Signal kam viel zu spät, kritisiert Marie Muzard von der auf Krisenkommunikation spezialisierten Agentur MMC. Die Konzernspitze habe viele Fehler im Umgang mit der Krise gemacht. Sie habe das Problem der Personalabteilung und ihren Kommunikationsspezialisten überlassen und es nur zögerlich zur Chefsache erklärt. Jetzt reist der neue Vizechef Stéphane Richard, ehemaliger Büroleiter von Wirtschaftsministerin Lagarde, der Lombard spätestens 2011 ablösen soll, zu Gesprächen mit der Belegschaft durchs Land und verspricht eine „soziale Erneuerung“.

Dabei soll auch die Fragebogenaktion helfen. Anhand der Antworten will die von France Télécom beauftragte Unternehmensberatung Technologia konkrete Maßnahmen entwickeln, um weitere Selbstmorde zu verhindern. Der entsprechende Aktionsplan soll spätestens Anfang 2010 vorgestellt werden. Zwar bezweifeln manche Psychologen den Sinn der Befragung – dennoch setzt France Télécom damit ein Zeichen. Der Konzern gibt der verunsicherten Belegschaft das Gefühl, sich für ihre Sorgen zu interessieren.

Allerdings geschah auch das viel zu spät, urteilen französische Medien. „France Télécom hat in der ersten Zeit versucht, das Problem zu verleugnen“, sagt Journalist Brochen von Libération. Unternehmenssprecher Jean-Bernard Orfoni berichtet, noch Anfang August habe Konzernchef Lombard die Kommunikationsabteilung gebeten, nicht öffentlich zu den Selbstmorden zu kommunizieren. „Lombard hat mehrere Psychiater konsultiert, die ihn vor Nachahmungseffekten gewarnt haben. Lombard hatte Angst vor dieser Ansteckungsgefahr“, sagt der Sprecher und gibt zu, im Nachhinein betrachtet sei es ein großer Fehler gewesen zu schweigen.

Anstelle der Führung hätten die Gewerkschaften Ende Oktober anlässlich der Wahl der Arbeitnehmervertreter bei France Télécom ausführlich zu den Selbstmorden Stellung genommen, so Orfoni. Der bisweilen geäußerte Vorwurf, die Presse habe das Thema ungebührlich hoch gejazzt, sei falsch. Die Vorfälle seien mehr als ein Medienereignis. Im Gegensatz zu anderen Unternehmen habe es bei France Télécom in den vergangenen Jahren leider immer Selbstmorde gegeben, bedauert Orfoni. „Wir haben viele Veränderungen von den Mitarbeitern verlangt, manchmal radikale.“

Euro-RSCG-Generaldirektor und Krisenspezialist Bernard Sananès, für die externe Kommunikation des Telekomriesen verantwortlich, habe sich bis zum Sommer den Anweisungen der Unternehmensleitung beugen müssen, berichtet Véronique Richebois von der Wirtschaftszeitung Les Echos: keine öffentlichen Stellungnahmen und keine Einrichtung eines Krisenstabs. Selbst als die Suizidserie ihren traurigen Höhepunkt erreichte, versuchte der Konzern die Verantwortung von sich zu weisen. Stellvertretend dafür steht die Reaktion auf den Selbstmord einer 32-jährigen Angestellten, die im September aus ihrem Büro in Paris in den Tod sprang. „Diese junge Frau hatte persönliche Schwierigkeiten, die sowohl der Personalabteilung als auch dem Arbeitsmediziner bekannt waren“, erklärte France-Télécom-Personalchef Olivier Barberot damals.

Weder Konzernchef Lombard noch sein damaliger Vize äußerten sich bis Mitte September zu den Vorfällen. Lombard musste sich erst von der Regierung zu einer öffentlichen Erklärung nötigen lassen. Doch der Auftritt zusammen mit Arbeitsminister Xavier Darcos geriet zur Farce. Lombard warf den Medien vor, mit ihrer Berichterstattung Schuld an den Selbstmorden zu sein. „Das sind Dramen, die passieren“, erklärte er und warnte vor „Ansteckungsgefahr“: „Je mehr man davon spricht, desto eher bringt man Menschen in einer labilen Situation auf eine Idee.“ Es müsse endlich Schluss sein „mit dieser Mode“. Mit der wenig feinfühligen Äußerung handelte sich Lombard prompt neuen Ärger ein. Und auch seine eilig vorgebrachte Entschuldigung, er habe nicht Mode, sondern „mood“ gemeint, das englische Wort für Stimmung, vermochte die Öffentlichkeit nicht zu überzeugen.

Die Konzernleitung versäumte zudem lange Zeit, mit der verunsicherten Belegschaft zu sprechen. Erst als sich der 24. Mitarbeiter in Annecy das Leben nahm, reiste Lombard an den Ort des Geschehens. „Man kann nicht mehr als 20 Selbstmorde abwarten, bevor man reagiert“, meint Téa de Pesloüan von der Agentur Burson-Marsteller. Andere Unternehmen hätten in der Vergangenheit besser reagiert, urteilt die PR-Expertin. Zum Beispiel Renault: Konzernchef Carlos Ghosn habe sich 2007 persönlich ins Forschungs- und Entwicklungszentrum in Guyancourt begeben, nachdem sich dort der dritte Mitarbeiter das Leben genommen hatte. Ghosn habe damals zugegeben, dass die Belegschaft des Konzerns sehr viel Druck und Stress ausgesetzt sei. „Die interne Kommunikation ist vorrangig und muss deshalb vor jeglicher externer Kommunikation erfolgen“, empfiehlt Pesloüan. „Die Mitarbeiter müssen das Gefühl haben, dass man ihnen zuhört und sie versteht. Das Gesagte muss sie beruhigen und darf nicht ihre Ängste schüren.“

Genau das versucht nun auch die Regierung. Sie will Konzerne zwingen, mit den Gewerkschaften Abkommen gegen psychosozialen Stress am Arbeitsplatz zu schließen. Doch ob sich damit tatsächlich Selbstmorde verhindern lassen, bleibt fraglich. Vielmehr müsste ein grundlegender Wandel der Unternehmenskultur stattfinden, denn die Arbeitnehmervertreter werden in die Entscheidungsprozesse im Vergleich zu Deutschland kaum einbezogen. Aus Angst, ihre Unabhängigkeit zu verlieren, lehnten sie die Mitwirkung in den Betrieben lange Zeit selbst ab.

Heute rächt sich das, denn ihnen bleiben deshalb oft nur spektakuläre Maßnahmen, um ihre Forderungen durchzusetzen oder auf ihre Sorgen hinzuweisen. Dazu kommt das ausgeprägte Elitesystem. „Unsere Eliten sind zu arrogant. Sie haben zu wenig Respekt für ihre Leute“, meint Jean-Claude Delgenes, Chef der von France Télécom beauftragten Unternehmensberatung Technologia. In Deutschland sind keine Selbstmordserien bei Unternehmen bekannt, doch auch hierzulande wächst, genau wie in anderen Staaten, der Druck auf die Arbeitnehmer. Der Fall France Télécom mag spezifisch ü̈r Frankreich sein, dennoch ist er ein anschauliches Lehrstück für misslungene Krisenkommunikation.

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