Detailinformationen

Autor

David Selbach

Freier Journalist

verfasst am

24.10.2012

im Heft

10/2012

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KiK

Rotes Tuch

Das Image des Textildiscounters KiK ist ramponiert. Schlechte Arbeitsbedingungen bei Zulieferern in Entwicklungsländern, Lohndumping, Giftstoffe in Produkten, Geheimniskrämerei – es scheint, als stehe KiK für alles Schlechte in der Handelsbranche. Jetzt soll ein neuer Umgang mit Medien und Kritikern die Wende bringen.

Der Textildiscounter KiK will nach jahrelanger Blockadehaltung hinter dem Schleier hervortreten - und beweisen, dass billig und gut zusammengehen. (Foto: Adrian Bedoy)

Was am 11. September dieses Jahres in der Textilfabrik Ali Enterprises im pakistanischen Karatschi geschah, darf man getrost den Alptraum eines Bekleidungsfilialisten nennen. Fast 300 Menschen starben bei einem Brand in dem Werk, weil Notausgänge verschlossen waren, Fenster vergittert und Treppenhäuser zugestellt. So gut wie alle europäischen Marken und Händler lassen Jeans, Kapuzenpullover und T-Shirts in Fabriken wie der von Ali Enterprises in Karatschi nähen. Aber es traf KiK.

Die Nichtregierungsorganisation Clean Clothes Campaign (CCC), für die der Discounter eine Art Lieblingsfeind ist, hatte erfahren, dass in den verkohlten Überresten der Fabrik Etiketten und Logos der Marke „Okay“ herumlagen, einer Handelsmarke von KiK. Fertig war der Stoff für eine Pressemitteilung, die groß über die Agenturen lief: „Hunderte Brandopfer bei KiK-Zulieferer in Pakistan.“

Vor gut zwei Jahren hätte eine solche Meldung alle Bemühungen des Billigheimers um ein besseres Image zunichte machen können. Der Firmengründer und damalige Geschäftsführer Stefan Heinig gilt als ausgesprochen kommunikationsscheu, um es vorsichtig auszudrücken. Wer ihn kennt, beschreibt ihn als jovialen und freundlichen Selfmademan, der sich aus einfachen Verhältnissen hochgearbeitet hat. Und der schnell dichtmacht, wenn er kritisiert wird. Er gab so gut wie nie Interviews, ließ Presseanfragen notorisch absagen und duldete nicht einmal Fotos von sich. Die wenigen Journalisten, die ihn kennengelernt haben, berichten, er begegne Medienvertretern argwöhnisch und unsicher, wolle partout nicht zur öffentlichen Person werden und neige dazu, sich verfolgt und falsch beurteilt zu fühlen.

Inzwischen kümmert sich in der KiK-Zentrale im westfälischen Bönen nicht mehr der bullige und wortkarge Heinig um die Kommunikation, sondern Michael Arretz: ein drahtiger Hanseat mit fein geschnittenem Gesicht, Typ Marathonläufer, höflich und eloquent. Einer, von dem Journalisten sagen, er sei ein „Sunnyboy, den man gut vorschicken kann“. Von dem Brand in Pakistan erfuhr Arretz zuerst aus den Medien, kurz darauf meldete sich die NGO Clean Clothes Campaign bei ihm. Für ihn sei es „selbstverständlich“ gewesen, sagt Arretz, sich mit den Kritikern auszutauschen und Auskunft zu geben, als erste konkrete Informationen aus Pakistan vorlagen. Er richtete einen Hilfsfonds für Verletzte und Angehörige ein, schickte Mitarbeiter nach Karatschi, um zu klären, warum Ausgänge verschlossen waren. Laut Prüfberichten hatte Ali Enterprises in Karatschi zuletzt am 30. Dezember 2011 unangekündigt Besuch vom Zertifizierungsunternehmen UL Responsible Sourcing. Damals wurde der Brandschutz nicht beanstandet.

Firmengründer Heinig hatte Arretz 2010 engagiert. Der war zuvor als Geschäftsführer der Otto-Tochter Systain Consulting für die Organisation nachhaltiger Lieferketten verantwortlich – unter anderem bei KiK. Heinig machte Arretz kurzerhand zum Geschäftsführer Nachhaltigkeit und Unternehmenskommunikation. Seitdem tritt der 51-jährige Hamburger als Gesicht des Bekleidungsfilialisten in der Öffentlichkeit auf. Heinig wechselte in seine Familienholding.

Schon bevor Arretz in Bönen antrat, hatte es einige, allerdings sehr zaghafte Versuche gegeben, die Kommunikation zu verbessern. 2007 holte Heinig die Münchner PR-Agentur Engel & Zimmermann an Bord, die sich als Spezialist für Familienunternehmen und schwierige Fälle wie den Geflügelmäster Wiesenhof einen Namen gemacht hat. KiK ließ einen Code of Conduct erarbeiten und verpflichtete alle Lieferanten in Entwicklungsländern, die Verhaltensregeln zu unterschreiben. Arretz’ Firma Otto Systain Consulting wurde engagiert, um ein System aus Auditierungen, Qualifizierungen und Berichten aufzubauen. Der zweite Nachhaltigkeitsreport ist in Vorbereitung.

Der Textildiscounter, der damit wirbt, dass man sich mit seinen Produkten für 30 Euro komplett einkleiden kann, hat einerseits eine beispiellose wirtschaftliche Erfolgsgeschichte hinter sich. Andererseits steht er seit einigen Jahren zunehmend in der Kritik. Und alle Öffnungsversuche der PR-Berater von Engel & Zimmermann mussten letztlich scheitern, weil Heinig sich standhaft weigerte, als Person in die Öffentlichkeit zu treten. Seine Vorbilder, die Gründerfamilien Schwarz (Lidl) und Albrecht (Aldi), hätten es schließlich auch geschafft, weitgehend anonym zu leben, argumentierte Heinig. „Die Rahmenbedingungen haben sich aber verändert“, erklärt KiK-Berater Hermann Zimmermann. „In Zeiten des Internets und unter der Beobachtung von NGOs funktioniert diese Haltung nicht mehr.“

 

Wie Michael Arretz bei KiK die Imagewende schaffen will, lesen Sie in der Oktober-Ausgabe des prmagazins. Hier geht es zum E-Paper.

Darin unter anderem:
Dickbrettbohrer:
Bei GSK wirbt Markus Hardenbicker um Vertrauen
Sinkflug: Steht das Deutsche Atomforum vor dem Aus?

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