Detailinformationen

Autor

Georg Restle

Redaktionsleiter "Monitor"

verfasst am

10.01.2021

im Heft

01/2021

Schlagworte

Georg Restle, Monitor, Christian Maertin, Bayer, PR, Kommunikation, Journalismus

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Standpunkt

Neue Wehleidigkeit

(Illustration: Style-o-Mat/Adobe Stock)


Bayer-Kommunikator Christian Maertin wetterte bei LinkedIn gegen politische TV-Magazine. „Monitor“-Redaktionsleiter Georg Restle wundert sich über so viel zur Schau gestellte Dünnhäutigkeit – und dass ein Unternehmenssprecher die Rollenverteilung zwischen PR und Journalismus dermaßen missversteht. Mit seinen Schuldzuweisungen schadet Maertin der PR-Branche, meint Restle.


Oh weh! Politische Magazine berichten kritisch über Großunternehmen in Deutschland – und ein betroffener Unternehmenssprecher holt gleich mal die ganz große Keule raus: „Monitor“ und Co seien voreingenommen, einseitig, wirtschaftsfeindlich. So schrieb es Bayer-Kommunikationschef Christian Maertin im Herbst 2020 bei LinkedIn und sammelte damit jede Menge Zustimmung – wenig überraschend: vornehmlich von anderen Unternehmenssprecher*innen.

Liest man sich durch die Kommentare zu Maertins Philippika, könnte man den Eindruck gewinnen: Das Verhältnis zwischen PR-Abteilungen und investigativen Journalist*innen im Land ist nachhaltig vergiftet. Der verbreitete Wunsch der Branche: mehr Börsen News, weniger „Monitor“. Als sei Berichterstattung nur dann wahrhaftig, wenn sie sich auf Aktienkurse reduziert oder zum Nutzen des eigenen Unternehmens ist. Man staunt über die Schärfe der Vorwürfe, den beleidigten Ton, den Mangel an Souveränität.


Georg Restle, Redaktionsleiter „Monitor“: „Man staunt über die Schärfe der Vorwürfe, den beleidigten Ton, den Mangel an Souveränität. Dabei geht es um einen uralten Konflikt, der jetzt eine neue Wehleidigkeit zu evozieren scheint."


Dabei geht es um einen uralten Konflikt, der jetzt eine neue Wehleidigkeit zu evozieren scheint. Ein Konflikt, der auf unterschiedlichen Interessen beruht, die hier offenbar bewusst missverstanden werden sollen. Als sei es nicht Aufgabe von investigativem Journalismus, Missstände aufzudecken, die sonst im Verborgenen bleiben. „Den Mächtigen auf die Finger schauen“, wie es einer meiner Vorgänger bei „Monitor“, Klaus Bednarz, einst formulierte. „Watchdog journalism“ nennt es die BBC. Gemeint ist die Wächterrolle einer Presse, die die Propaganda der Mächtigen entlarvt und den Machtlosen eine Stimme gibt.

Damit tun sich Unternehmen wie Regierende schwer, seit Medien Skandale aufdecken. Richard Nixon reagierte angesichts der Watergate-Enthüllungen mit wütenden Beschimpfungen: „Die Presse ist der Feind.“ Helmut Kohl ätzte wegen der Berichterstattung über die CDU-Parteispendenaffäre gegen „erbärmliche Journalisten“. Volkswagen und andere Automobilkonzerne ver unglimpften die Recherchen über den Dieselabgasskandal jahrelang als üble Erfindung böswilliger Journalisten.

Und jetzt also – eine Nummer kleiner – Christian Maertin, der sich zutiefst ungerecht behandelt fühlt, weil Bayer „die Rolle des Buhmanns“ zugeschrieben werde, wenn es um den nachgewiesenen Einsatz von gesundheitsschädlichen, in Europa nicht zugelassenen Pestiziden in ärmeren Ländern geht, die auch von Bayer produziert werden.

Schlimmer noch: „Monitor“ stütze sich bei Recherchen auf Zahlen und Fakten von Nichtregierungsorganisationen, die eher das Leid der Betroffenen als die Interessen von Bayer im Blick hätten. Und – mon dieu! – zitiere zu wenig aus seitenlangen Ausführungen der Unternehmenskommunikation, die auf viele der gestellten Fragen schlicht nicht eingegangen ist.

Nichts Neues also – und doch überrascht die zur Schau gestellte Dünnhäutigkeit eines Unternehmenssprechers, der sich doch nur „in voller Überzeugung als Dienstleister für Journalisten“ begreift. Schon dieser Satz bringt das ganze Missverständnis auf den Punkt. Als sei Unternehmenskommunikation irgendetwas anderes als Dienstleistung in eigener Sache. Als bestünde ihre selbst gesteckte Aufgabe nicht zuallererst darin, Imageschäden vom eigenen Unternehmen abzuwenden und dessen Botschaften so zielgenau es geht in den Medien zu platzieren. In diesem Sinne sind Unternehmenssprecher* innen immer einseitig, nie unabhängig, stets interessengeleitet im Blick auf den Unternehmenserfolg.

Das alles sollte eigentlich bekannt sein – und dagegen ist auch wenig einzuwenden, solange die Rollenverteilung klar ist. Problematisch wird es allerdings dann, wenn sich PR-Chefs als unabhängige Sachwalter einer an umfassender Berichterstattung interessierten Öffentlichkeit präsentieren – und damit die eigene Agenda nur zu kaschieren versuchen. Die Wahrheit ist ausnahmsweise schlicht: Unternehmenssprecher* innen und Journalist*innen vertreten diametral unterschiedliche Interessen, auch wenn Interessengruppen diesen Unterschied immer wieder zu verwischen versuchen oder Journalistenkolleg*innen, die die Seiten gewechselt haben, sich damit nachvollziehbar schwertun.

"Die Wahrheit ist ausnahmsweise schlicht: Sprecher*innen und Journalist*innen vertreten diametral unterschiedliche Interessen." (Georg Restle)


PR-Abteilungen von Unternehmen haben in der Regel eben kein Interesse an umfassender Transparenz oder Multiperspektivität, wenn sie dabei nicht als Sieger vom Platz gehen. Den meisten geht es schlicht darum, „die eigene Story und Perspektive (zu) transportieren“, wie es einer von Maertins Kollegen in einem LinkedIn-Kommentar zu dessen Einlassungen frank und frei formulierte. Für so viel Ehrlichkeit sollte man schon fast dankbar sein: Im Dienst der Wahrhaftigkeit und im Dienst einer breiteren Öffentlichkeit, die an fruchtlosen Schaukämpfen wenig Interesse haben dürfte.

Zugegeben: Investigativer Journalismus tut betroffenen Unternehmen oder Ministerien weh. Das soll er allerdings auch, wenn ihm daran liegt, Fehlentwicklungen in Staat und Gesellschaft aufzuzeigen. Schließlich geht es dabei oft genug – wie auch im Fall Bayer – um Leben und Gesundheit vieler Menschen.

Dass Konzerne solche Skandale vor allem als kommunikatives Desaster begreifen und offenbar weniger daran interessiert sind, deren Ursachen zu bekämpfen, dafür gibt es reichlich Anschauungsmaterial. Ob dem Image eines Unternehmens damit nachhaltig gedient ist, daran allerdings habe ich – nicht nur mit Blick auf den Dieselabgasskandal – erhebliche Zweifel.

Transparente Krisenkommunikation, die auch bereit ist, Fehler einzugestehen, die Kritik als Chance zur Veränderung begreift und die den ehrlichen, offenen Dialog mit den Kritiker*innen sucht, statt ihm wortreich auszuweichen: Das wäre echte Kommunikation statt kurzsichtiger PR, die nur daran interessiert ist, „Deutungshoheit“ zu erlangen, um das Unternehmen schnellstmöglich aus den Schlagzeilen zu bringen.

Von einem solchen Umdenken scheint ein großer Teil der Branche weit entfernt. Dieser Eindruck drängt sich jedenfalls auf, wenn man die zahlreichen Kommentare anderer Unternehmenssprecher*innen zu Maertins Beitrag bei LinkedIn auf sich wirken lässt. „Auf Anfragen solcher Magazine empfehle ich eine höfliche Reaktion, aber keine Antwort“, heißt es da. Andere raten dazu, „nie die gestellten Fragen einzeln zu beantworten“ oder „die eigentliche Auseinandersetzung zunächst mal ins Justiziariat des Senders zu verlagern“.

Maertin selbst will auf ausführliche Anfragen an Bayer künftig „nur noch wenige Sätze liefern, die als griffige Zitate dienen“. Es klingt wie ein Offenbarungseid: PR als Versteckspiel vor kritischen Fragen, wahlweise als juristische Drohgebärde. Vertrauen wird man damit wohl kaum gewinnen, von Wahrheitsfindung ganz zu schweigen.

Und auch das Aufpolieren alter Feindbilder hilft wenig. Als seien politische Magazine dem Wesen nach wirtschaftsfeindlich und Großkonzerne für deren Redaktionen „stets die Bösen“, wie Maertin mutmaßt. Klar, man kann sich die Welt so einfach machen.

"Es klingt wie ein Offenbarungseid: PR als Versteckspiel vor kritischen Fragen, wahlweise als juristische Drohgebärde. Vertrauen wird man damit wohl kaum gewinnen, von Wahrheitsfindung ganz zu schweigen." (Georg Restle)


Mit der Realität unserer Arbeit haben derartig verstaubte Feindbilder allerdings wenig zu tun. Als prüfe „Monitor“ nicht alle Quellen stets auf Herz und Nieren, egal ob Nichtregierungsorganisationen oder Großunternehmen. Als würden wir nicht jede Behauptung, jede Studie, jede Zahl penibel hinterfragen und gegenchecken – oft über viele Monate hinweg. Als wären wir nicht interessiert an Argumenten und Sichtweisen betroffener Unternehmen, wenn sie es denn wirklich ernst meinen.

Unsere Recherchen bleiben bis zum Ende ergebnisoffen – davon geleitet, auch den geringsten Fehler zu vermeiden. Und, ja: Natürlich sind auch wir nicht fehlerfrei. Aber für Schönwettermeldungen und Werbebotschaften stehen wir nicht zur Verfügung. Dafür besitzen Großunternehmen einen ausreichenden Marketing-Etat.

Was bleibt? Der bekannte und stets wiederkehrende Vorwurf, investigative Journalist *innen hätten eine Hypothese oder einen Vorwurf schon im Kopf, bevor sie sich an die Betroffenen wenden. Ja, selbstverständlich haben sie das, schließlich recherchieren sie dazu wochen- oder monatelang. Und vermutlich würde es wenig helfen, ein Unternehmen mit halbgaren Rechercheergebnissen oder unbegründeten Vorwürfen zu konfrontieren.

Der Rest von Maertins Einlassungen erschöpft sich in Abwehrfloskeln: Die Geschichte vom Export schwer gesundheitsgefährdender Pestizide in ärmere Länder? Eine „Mär“! Profitinteressen vor Menschenrechten? „Meilenweit an der Realität vorbei“! Gesundheitsschäden bei Kleinbauern? Offenbar Hirngespinste von voreingenommenen Medienschaffenden, die Greenpeace oder anderen Nichtregierungsorganisationen „völlig unkritisch und distanzlos“ auf den Leim gehen.

Kann man alles so rauslassen, dient allerdings nicht unbedingt der eigenen Glaubwürdigkeit. Und zeigt, was mit solchen Einlassungen am Ende eigentlich bezweckt wird: berechtigte Kritik ins schlechte Licht zu rücken. Sich selbst als Opfer zu gerieren. Die eigenen Botschaften als allein gültige Deutung der Wahrheit zu verkaufen. Kommt einem bekannt vor. Nicht nur von Bayer.

Dieser Text ist zuerst in der Januar-Ausgabe des prmagazins erschienen.

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