Detailinformationen

Autor

Rainer Hank

Publizist, Kolumnist

verfasst am

05.11.2020

im Heft

11/2020

Schlagworte

Rainer Hank, PR, Kommunikation, Journalismus, Medien, Plattformkapitalismus

Das aktuelle Heft
Ausgabe 11/2020

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Standpunkt

Korrupt oder nicht korrupt

(Illustration: subhanbaghirov/Adobe Stock)

Mit Rainer Hank blickt diesmal ein altgedienter Medienmann in die Zukunft der Kommunikation. Genauer: auf das Verhältnis von PR und Journalismus. Der langjährige Wirtschaftschef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, heute Publizist und Kolumnist, meint: Der neue Plattformkapitalismus hat die alten Medien entmachtet und das kartellartige Freundschaftsbündnis zwischen PR und Journalisten empfindlich geschwächt – das ist jedoch kein Anlass für Wehmut.


Meine erste Pressereise fand vor über 30 Jahren im Sommer 1989 statt.
Auf Einladung der indonesischen Regierung und perfekt organisiert von der amerikanischen PR-Agentur Hill+Knowlton wurden wir Wirtschaftsjournalisten drei Wochen lang durch den südasiatischen Inselstaat geführt: Es ging auf Jeeps durch die Regenwälder Kalimantans und in Bussen zu den Seidenwebern Sulawesis.

Wir besuchten eine Thunfischfabrik auf Sumatra und flogen mit Helikoptern über die Reisfelder Balis. Zwischendurch gab es Ruhetage an den Pools ausgesuchter Fünfsternehotels und abends Darbietungen kultischer Tänze, damit wir Journalisten einen Einblick in die Tradition der lokalen Religionen bekämen. Was soll ich sagen: Die Reise hatte mir gut gefallen.


Rainer Hank: „Journalisten verstanden sich früher als eine Art von natürlichen Verbündeten der Presseabteilungen. Heute neigen sie zu einer Überschätzung der moralischen Korruptheit der Welt.“


Weil ich nicht nur fleißig, sondern auch ehrgeizig bin, brachte ich meiner Zeitung einen ganzen Strauß von Berichten nach Frankfurt mit: darüber, dass die Regenwälder auf Borneo ordentlich wieder aufgeforstet würden, dass die Thunfischindustrie ein wichtiger Wirtschaftszweig sei, dort freilich Frauen unter harten Arbeitsbedingungen schuften müssten. Und dass das Schwellenland Indonesien alles in allem nicht nur wirtschaftlich, sondern auch technologisch auf einem guten Weg sei.

Meine Berichte waren nicht unkritisch, aber sie hatten insgesamt einen positiven Tenor. Ich vermute, genauso hatte sich Hill+Knowlton das gewünscht. Sein Kunde, das diktatorische Regime Suhartos, konnte zufrieden sein. Was nicht heißen muss, dass damals viele Leser der alten Bundesrepublik ausgerechnet auf ein halbes Dutzend Zeitungsberichte aus Indonesien gewartet hätten.

„Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien.“ Mit diesem Satz beginnt Niklas Luhmanns berühmte Studie über die „Realität der Massenmedien“ aus dem Jahr 1995. Die Realität der Massenmedien ist, dass die Medien die Realität nicht abbilden, sondern erschaffen. Das darf man nicht so verstehen, dass sie sie völlig frei erfinden. Aber sie müssen unterschlagen, dass es immer auch eine andere, womöglich sogar gegenteilige Sichtweise gibt, die nicht in den Blick kommt und in den Blick passt.

Die Presse produziert, folgt man Luhmanns Konstruktivismus, notwendigerweise perspektivische Abschattungen der Wahrheit, was noch nicht einmal das Schlimmste ist. Das Schlimmste ist, dass der Journalist glaubt, was er schreibt. Er sieht den eigenen Konstruktivismus nicht, darf ihn womöglich gar nicht sehen.

Ich glaube, so erging es damals auch mir. Ich hatte mich nach besten Kräften informiert, gewiss auch Quellen und Daten zurate gezogen, die uns von Hill+Knowlton nicht zur Verfügung gestellt wurden. Aber das „Framing“ der Reise, wie man heute sagt, war vorgegeben. Innerhalb dieses Rahmens hatte ich mich orientiert.

Weil es meine erste Pressereise war, musste ich annehmen, so würden alle Journalistenreisen verlaufen. Damals, in den 80er und 90er Jahren des letzten Jahrhunderts, lag ich damit auch gar nicht falsch. Natürlich ging es nicht immer so üppig zu wie bei uns in Indonesien, wenn man einmal von den sprichwörtlichen Luxusreisen für Auto- und Reisejournalisten absieht.

Journalisten verstanden sich damals als eine Art von natürlichen Verbündeten der Presseabteilungen der Unternehmen. Man flog mit dem Energieunternehmen auf die Ölplattform und mit dem Chemieunternehmen zu dessen Standorten in Südamerika – selbstverständlich auf Kosten der Firmen.

Das alles muss man den damaligen Kollegen nicht gleich zum Vorwurf machen. Sie taten es arglos. Oder soll man sagen: So haben es alle gemacht. Der Kollege der New York Times war der Einzige in unserer 15-köpfigen Indonesientruppe, der am Ende der Reise um eine Rechnung bat.

Heute neigen Journalisten zu einer Überschätzung der moralischen Korruptheit der Welt. Damals war die Haltung der meisten Kollegen von einer Unterschätzung möglicher Korruptheit geprägt. Dass Erkenntnis und Interesse zusammengehören und es die Aufgabe von PR ist, ökonomische Wirklichkeit im Interesse ihrer Shareholder und Stakeholder zu konstruieren, war damals, wenn überhaupt, allenfalls theoretisch bewusst, spielte aber im journalistischen Alltag kaum eine Rolle.

Das alles kommt uns heute merkwürdig fremd vor. Und das ist gut so. [...]

Dieser Text ist ein Auszug. Lesen Sie in der November-Ausgabe des prmagazins, wie sich das Verhältnis von Journalisten und PR aus Sicht von Rainer Hank verändert hat, was der Machtverlust der alten Medien damit zu tun hat – und warum all das kein Anlass für Wehmut ist.

Die prmagazin-Ausgabe 11/2020 – darin unter anderem:

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