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Ausgabe 11/2018

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Detailinformationen

Autor

Uta Rußmann und Anne B. Lane

verfasst am

03.12.2018

im Heft

11/2018

Schlagworte

Stakeholder-Dialog, Bürgerdialog, Europa, Australien, Uta Fußmann, FH Wien der WKW, Anne B. Lane, Queensland University of Technology

Stakeholder

Verpflichtender Dialog

Offenheit und Transparenz gelten als wünschenswerte Merkmale demokratischer Regierungen und deren Verwaltungen. Vor allem in Europa und Australasien werden Bürger mehr und mehr als Partner betrachtet, mit denen in den Dialog zu treten ist, um sie in Entscheidungsfindungsprozesse einzubinden. Aber inwieweit lassen sich die Charakteristika von Dialog in der Praxis in gesetzlich vorgeschriebenen Dialogprozessen wiederfinden? Dieser Frage sind Uta Rußmann (FH Wien der WKW) und Anne B. Lane (Queensland University of Technology) anhand von Interviews mit PR-Praktikern in Australien und Österreich nachgegangen.


Uta Rußmann ist Senior Researcher am Department of Communication der FH Wien der WKW.


1 – Verpflichtender Dialog

Seit Beginn der 1990er Jahre wächst stetig die Überzeugung, dass Offenheit und Transparenz wünschenswerte Merkmale von demokratischen Regierungen und deren Verwaltungen sind (vgl. Marcella et al. 2005). Das hat – vor allem in Europa und in Australasien – dazu geführt, das Bürger mehr und mehr als Partner betrachtet werden, mit denen in den Dialog zu treten ist, um sie in Entscheidungsfindungsprozesse einzubinden (vgl. Meijer et al. 2012; Organisation for Economic Cooperation and Development 2001). Denn „[p]articipation of the governed in their government is, in theory, the cornerstone of democracy“ (Arnstein 1969, S. 216).

Um sich an die Allgemeinheit betreffenden Entscheidungen zu beteiligen, müssen Bürger über geplante Maßnahmen und Vorschläge umfassend informiert werden, und es muss ihnen die Möglichkeit gegeben werden, diese zu diskutieren, deren Auswirkungen auf ihren Alltag zu bewerten, um sie dann genehmigen oder ablehnen zu können.


Anne B. Lane ist Lecturer an der School of Advertising, Marketing and Public Relations an der QUT Business School der Queensland University of Technology
(Australien).


Zunächst nur als Option gegeben, haben gesellschaftlicher und legislativer Druck – wie Richtlinien der Europäischen Union (unter anderem die Richtlinie 2001/42/EG) – demokratische Regierungen dazu veranlasst, Dialogprozesse in ihren Bestimmungen und Richtlinien zu verankern.

So verpflichten Regierungen und Verwaltungen in von ihnen durchgeführten Projekten, zum Beispiel bei baulichen Planungs- und Widmungsprozessen, beteiligte Organisationen zunehmend, in den Dialog mit den betroffenen Stakeholdern zu treten. Häufig müssen Organisationen (zumeist Unternehmen) eingesetzte Dialogmaßnamen bereits im Ausschreibungsprozess um Aufträge explizit machen. 

Aus normativer Perspektive hat diese Einbindung der Bürger gemeinschaftsbildende Wirkungen, sie erhöht die Transparenz demokratischer Entscheidungen und unterstützt die Schaffung demokratischer Identität (vgl. Berner et al. 2011). Der Dialog kann maßgeblich zu Aufbau und Erhalt von Vertrauen beitragen und ist damit Grundlage und unerlässlich für jegliche Beziehungen von Regierungen und Verwaltungen mit der Öffentlichkeit (vgl. ebd.). 

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Dialogprozessen betont allerdings immer wieder, dass „considerable research that has been conducted on dialogue has been what we call D-I-N-O, or Dialogue-In-Name-Only“ (Kent/Theunissen 2016, S. 4044). Denn in der Praxis erfüllen Kommunikationsprozesse nur selten normative Vorstellungen von Dialog (vgl. auch Ihlen/Levenshus 2017). 

Wie ist dies aber, wenn das Führen von Dialog nicht mehr nur auf freiwilliger Basis und im Sinne einer wünschenswerten Option für Organisationen erfolgt, sondern zu einer gesetzlich vorgeschriebenen Anforderung in öffentlichen Kommunikationsprozessen wird. Konkret haben wir uns die Frage gestellt, inwieweit normative Eigenschaften (Charakteristika) von Dialog sich in der Praxis in gesetzlich vorgeschriebenen Dialogprozessen wiederfinden lassen. 

Ziel war es zu verstehen, wie (verpflichtender) Dialog in der Praxis verstanden, organisiert und durchgeführt wird. Nachgegangen sind wir dieser Frage anhand von Interviews mit PR-Praktikern in Australien und Österreich, die in ihrem Berufsalltag immer wieder in bauliche Planungs- und Widmungsprozesse eingebunden sind und dabei von Regierungen und Verwaltungen zum Dialog mit der Öffentlichkeit verpflichtet werden.


2 – Dialog – Begriffsverständnis

Der Dialog gehört zu den zentralen Größen der Public Relations. Auch wenn es weder in der Theorie noch in der Praxis die eine Definition von Dialog gibt, haben sich theoretisch-konzeptionelle Betrachtungen des Dialoggedankens doch auf generelle Merkmale von Dialog geeinigt (vgl. Kent/Theunissen 2016), deren Bedeutung und Ausprägung variieren (können). 

Normativ betrachtet, ist Dialog die ideale Form von Kommunikation, und es ist mehr als nur der reine Austausch von Informationen, Standpunkten, Meinungen und Ideen. „,Dialog‘ meint allgemein eine auf Wechselseitigkeit beruhende sprachliche Interaktion, deren kennzeichnendes Merkmal der Wechsel von Rede und Gegenrede unter Beteiligung von mindestens zwei Personen bzw. Personengruppen ist, die nicht zwingend face-to-face ablaufen muss“ (Röttger et al. 2011, S. 169).

Gegenseitiger Respekt der Kommunikationspartner sowie Transparenz und Offenheit prägen den Dialog, denn Dialoge werden mit dem Ziel gegenseitiger Verständigung geführt (vgl. unter anderem Burkart 1993; Grunig/Hunt 1984; Habermas 1992). „Dialoge sind Kommunikationsprozesse, d.h. Handlungszusammenhänge, in denen die beteiligten Kommunikationspartner versuchen, sich durch aufeinander bezogene Mitteilungs- und Verstehenshandlungen gegenseitig zu beeinflussen“ (Röttger et al. 2011, S. 169).

Dialoge basieren demnach auf den Beziehungen der Kommunikationspartner zueinander. Dialog ist somit aber auch reflexiv und dynamisch und daher nur begrenzt planbar. Empirische Untersuchungen von Dialog(prozessen) in der Praxis erfolgen in der Regel in Anlehnung an diese normativen Vorstellungen. 

Die vorliegende Studie, die die Diskrepanzen des Dialogverständnisses zwischen Theorie und Praxis thematisiert, greift auf die fünf Dialogprinzipien von Kent und Taylor (2002, principles of a dialogic public reations theory) zurück: mutuality (Wechselseitigkeit), propinquity (Nähe), empathy (Empathie), risk (Risiko) und commitment (Verpflichtung). Diese basieren auf den Arbeiten diverser Dialogtheoretiker aus unterschiedlichen Disziplinen wie Philosophie, Rhetorik, Psychologie, Kommunikationswissenschaft sowie PR und sollen eindeutige Vergleichspunkte zwischen Dialog und anderen Kommunikationsformen liefern. 

Dialog wird dabei als Orientierung verstanden und zwar als (positive) Orientierung der Dialogpartner zueinander im Interaktionsprozess, was wiederum die Qualität der Kommunikation und die Art der Beziehung zwischen den Dialogpartnern beeinflusst. Wobei – wenn Dialog eben als Orientierung verstanden wird – zwischen den einzelnen Prinzipien nicht immer klare Grenzen gezogen werden können und es zu Überschneidungen kommen kann, insbesondere in deren empirischer Untersuchung.


3 – Interviews mit PR-Praktikern

Um ein Verständnis darüber zu erlangen, wie verpflichtender Dialog in der Praxis verstanden, organisiert und durchgeführt wird und welche Implikationen dies für die Public-Relations-Theorie und -Forschung hat, haben wir 24 leitfadengestützte Interviews mit PR-Praktikern in Australien und Österreich durchgeführt, die in verpflichtende Dialogprojekte eingebunden waren. 

Die Interviewpartner wurden gebeten anhand von konkreten Projektbeispielen zu erklären und zu erläutern, was sie unter verpflichtendem Dialog verstehen, mit wem sie diesen geführt haben, wie sie ihn umgesetzt haben und welches Ergebnis dabei erzielt wurde. 

Die befragten PR-Praktiker arbeiten für Organisationen aus allen vier Public-Relations-Praxiskontexten, das heißt Unternehmen, Regierung, Handel sowie gemeinnützige Organisationen. Die Befragten sind sowohl in PR-/Kommunikationsabteilungen von Organisationen (inhouse) als auch in PR-/Kommunikationsagenturen tätig und verfügen zwischen zwei und mehr als zehn Jahren Berufserfahrung.

Dieser Text ist ein Auszug. Die Ergebnisse der Befragung im internationalen Vergleich lesen Sie in der November-Ausgabe 2018 des prmagazins.

Die Autorinnen:
Uta Rußmann
ist Senior Researcher am Department of Communication der FH Wien der WKW.
Anne B. Lane ist Lecturer an der School of Advertising, Marketing and Public Relations an der QUT Business School der Queensland University of Technology (Australien).

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