Detailinformationen

Autor

Florian Schießl und Lars Rademacher

Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation

im Heft

4/2011

Theorie & Praxis

Übernehmen PR-Berater Verantwortung für ihre Arbeit?

Florian Schießl und Lars Rademacher von der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation über Kriterien ethischen Handelns in PR-Theorie und -Praxis.

1 Einleitung

In der öffentlichen Diskussion hat die PR einen schweren Stand. Nicht nur der kritische Teil der Öffentlichkeit verwendet den Begriff synonym zu „Schleichwerbung“, „bessere Werbung“ oder „Manipulation“ (Barthenheier 1982, S. 15). Ein gutes Beispiel dafür war der Besuch des am 1. März zurückgetretenen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg bei den Bundeswehr-Truppen in Afghanistan im Dezember 2010. Der Großteil der deutschen Presse war sich bei der Bewertung schnell einig: „Ego-Feldzug am Hindukusch“, titelte sueddeutsche.de, „Werbespotisierung der Politik“ und „fahrender Frontschauspieler“ schrieb fr-online.de, „peinlich“ und „unangemessen“ fand handelsblatt. com den Auftritt.

In PR-Fachkreisen ist die Reputation des Berufsfelds Public Relations deutlich besser als die Fremdwahrnehmung (vgl. Förg 2004, S. 83). Die Branche leidet jedoch unter ihrer im Vergleich zum Journalismus geringeren Homogenität und Berufsloyalität (vgl. Hacker 2007, S. 36), unter dem Fehlen einer institutionalisierten Berufsmoral (vgl. Förg 2004, S. 83f.). So führt die Szene viele Debatten über Moral und Ethik. Am bekanntesten dürfte jene um Klaus Merten und die „Lizenz zum Täuschen“ sein, die seit mehreren Jahren zwischen dem Münsteraner Kommunikationswissenschaftler und dem Deutschen Rat für Public Relations (DRPR) läuft. Umso überraschender ist, dass eine Frage noch nicht hinreichend behandelt wurde, die in vielen anderen Branchen hohen Stellenwert genießt: Übernehmen PR-Fachleute die Verantwortung für die Folgen ihrer Kommunikationsarbeit?

2 Warum sollten PR-Fachkräfte für Folgen verantwortlich sein?

Bei der Beantwortung der Frage ist ein Vergleich mit dem Journalismus naheliegend: „Da Journalisten keine Kompetenz für Sachbereiche besitzen, genießen sie auch keinen Kompetenzschutz, sind nicht frei von einer Laienkontrolle und können daher keine Verantwortung übernehmen“, befindet Edith Wienand (2003, S. 207). Würde man sich auf diese Argumentation einlassen, hieße das für die PR entsprechend: Verantwortung kann nicht übernommen werden, weil systematisch keine dezidierte Sachkenntnis vorliegt.

Ein Blick auf inhaltliche und hierarchische Einordnungen des Berufs zeigt aber, dass PR-Fachkräfte für die Folgen ihres Handelns Verantwortung übernehmen sollten. Öffentlichkeitsarbeit geht weit darüber hinaus, „Informationen an die Öffentlichkeit zu geben“ (Röttger 2000, S. 87). Sie wird immer mehr dahingehend begriffen, eine Rolle als Beziehungsmanager einzunehmen, um „über den Aufbau langfristiger Beziehungen zu strategischen Bezugsgruppen aus dem gesellschaftspolitischen Umfeld autonomie- und erfolgbegrenzende Konflikte im Vorfeld zu regeln“ (ebd.). Öffentlichkeitsarbeit wird aus diesem Grund „zunehmend als strategischer Erfolgsfaktor“ betrachtet (ebd.).

Die Bedeutung dieser Aufgabe für Unternehmen lässt auf eine hohe Position von PR-Kräften in der Organisationshierarchie schließen (vgl. Wienand 2003, S. 157). Auch inhaltlich umfasst das wichtige Felder, wie den „adäquaten Zugang zu relevanten Informationen, ausreichende personelle und finanzielle Ressourcen, weitreichende Weisungs- und Entscheidungsfunktionen und eine Beteiligung an allen organisationspolitischen Entscheidungen“ (ebd; vgl. auch Röttger 2008, S. 75).

Aus dieser Beschreibung lässt sich folgern, dass eine PR-Fachkraft in einer verantwortungsvollen Position ist, wichtige Dinge selbst entscheidet oder eine exklusive Beraterposition gegenüber Entscheidungsträgern einnimmt. Gepaart mit den Faktoren Strategie und Langfristigkeit resultiert daraus fast zwangsläufig ein nennenswerter Anteil am Unternehmenserfolg, weshalb das beschriebene Profil dem eines Managementpostens entspricht. Schon Grunig und Hunt haben die PR als Instrument der Unternehmensführung angesehen (vgl. Grunig 1994, S. 6). PR wird als Managementaufgabe betrachtet und somit auf einer höheren strategischen Aktionsebene angesiedelt (vgl. Wienand 2003, S. 156).

Für ein modernes Verständnis der Public Relations bedeutet das: PR-Fachkräfte müssten wichtige Stellen in Unternehmen besetzen und viel Verantwortung tragen. „Die gesteigerte Relevanz von PR hat verschiedene Gründe: Zum einen ist sie in der heutigen Form ein Produkt der Besonderheiten der Informationsgesellschaft. Erfolgreiche Kommunikation konstituiert sich nicht allein da durch, Informationen an die Öffentlichkeit zu geben. Die gesellschaftliche Umwelt hat einen entscheidenden Einfluss auf den Erfolg oder Misserfolg eines Unternehmens, einer Partei oder einer Organisation“ (Wienand 2003, S. 103).

Doch die Realität sieht anders aus: PR als Managementaufgabe entpuppt sich eher als Idealvorstellung. Schwerpunkt der täglichen PR-Arbeit ist die operative Umsetzung, also das Handwerk (vgl. Wienand 2002, S. 159). Auch die Tendenz in wissenschaftlichen Studien zum Berufsfeld der PR spricht eine klare Sprache. Danach gehören „Aktivitäten, die einer strategischen Ausrichtung der PR Ausdruck verleihen, [...] nicht zu den wesentlichen Elementen im Tätigkeitsprofil“ (Wienand 2003, S. 370).

3 Verantwortung, Folgen und Wirkungen

Um die Kernfrage zu beantworten, ob und inwieweit PR-Fachleute die Verantwortung für ihr kommunikatives Handeln übernehmen, müssen zunächst die Grundbegriffe geklärt werden: Verantwortung und Folgen.

Mit Max Weber lässt sich zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik unter scheiden. Der Gesinnungsethiker orientiert sich an einem übergeordneten Prinzip. Der Verantwortungsethiker beurteilt die Handlung nicht anhand der Prinzipientreue, sondern an den von ihr zu erwartenden Folgen. Nun sind, wie Hans Mathias Kepplinger am Beispiel der Journalisten nachvollzogen hat, Kommunikationsexperten in der Regel nicht einseitig Gesinnungs- oder Verantwortungsethiker, sondern nutzen beide ethischen Prinzipien in unterschiedlichen Anteilen in ihrer Argumentation. Mal argumentieren sie gesinnungsethisch, wenn es darum geht, die Freiheit der Informationsbeschaffung oder den Schutz des Informanten zu verteidigen, mal verantwortungsethisch, wenn beispielsweise durch ihre Berichterstattung eine Person in eine schwierige Lebenssituation gerät.

Für den PR-Experten greift überdies eine mehrwertige ethische Logik. Zunächst ist jeder PR-Manager seinem eigenen Gewissen verantwortlich. Im zweiten Schritt geht es um das zwischen dem DRPR und dem Kommunikationswissenschaftler Klaus Merten umstrittene PR-Berufsethos. Hier soll festgelegt sein, was recht und billig ist in der PR: Was kann, was soll ein Akteur in der Unternehmenskommunikation und Beratung tun, was sollte er lassen – und an welchen Kriterien orientiert sich sein Handeln? Schließlich gehört als dritte Ebene die Organisationsethik dazu, also die Frage, welchen Stellenwert moralisches Handeln in der jeweiligen Organisation hat. Idealerweise liegen diese Ebenen konfliktfrei übereinander. Doch natürlich kommt es zwischen ihnen immer wieder zu Spannungen.

Der PR-Experte muss sich also entlang gesinnungs- und verantwortungsethischer Prinzipien sein „Verantwortungsspektrum“ erarbeiten. Spätestens seit Hans Jonas’ Buch das „Prinzip Verantwortung“ (1979) in den Mittelpunkt der ethischen Diskussion im technischen Zeitalter gerückt hat, lässt sich sagen, dass gesinnungsethische Prinzipien-Reiterei zumindest aus der Mode gekommen zu sein scheint – und Prinzipientreue ist auch nicht eben der häufigste Vorwurf an PR- Profis.

Abbildung 1

Geklärt werden muss also, wie viel Verantwortung PR-Spezialisten zu übernehmen bereit sind. Verantwortung ist hier im Sinn von Bewusstsein zu verstehen, eine Art „normative Selbstverpflichtung des Subjekts“ (Debatin 1997, S. 289). Neben dem Bewusstsein für die Fehler und deren aktive Vermeidung impliziert der Verantwortungsbegriff ein Bewusstsein für und die Zurechnung von Konsequenzen beziehungsweise Folgen, die durch das Handeln entstehen (vgl. Funiok 2007, S. 65).

Beim Begriff Folgen geht es darum festzustellen, für welche Art von Folgen sich PR-Fachkräfte verantwortlich fühlen beziehungsweise bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Gemeint sind im ethischen Diskurs zunächst die unerwünschten Nebenfolgen einer Handlung. Doch Folgen implizieren nicht zwingend eine negative Konnotation. Wir schlagen daher vor, statt von einem negativen Folgenverständnis von einer neutralen Plattform für die Bewertung von Folgen auszugehen.

Da sich die PR-Branche, wie jeder andere Wirtschaftszweig auch, am Erfolg misst, eignen sich für die Einteilung der Folgenarten am besten die Wirkungsebenen von Kommunikationsaktivitäten (siehe Abbildung 1), ein häufig angewendetes Schema zur Erfolgsmessung in der PR (vgl. Kirchhoff/Piwinger 2009, S. 223ff.).

Hinsichtlich der Ebene der Folgen, für die PR-Fachkräfte bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, wurden in der vorliegenden Untersuchung vor allem Outgrowth, Outcome und Outflow berücksichtigt. Denn bei der Output-Ebene gehen wir davon aus, dass die meisten PR-Experten schon aus Eigeninteresse nur zu gern Verantwortung für die Folgen übernehmen.

Outgrowth bezeichnet die „erfolgreiche Übertragung von Informationen an relevante Zielgruppen“ (Kirchhoff/Piwinger 2009, S. 224). Auf dieser Ebene wird gemessen, ob die Kommunikationsleistung auf quantitativer und qualitativer Ebene wahrgenommen und verstanden wurde (vgl. ebd.). Auf Outcome-Ebene wird die Auswirkung der aufgenommenen Informationen auf Einstellungen und das konkrete Verhalten der Zielgruppen gemessen. Mit Outflow ist schließlich der Werteinfluss, also die monetäre Auswirkung der Verhaltensänderung auf die Wertschöpfung des Unternehmens, gemeint.

4 Folgenverantwortung in der PR-Theorie – ein Parforceritt

Inwieweit erwähnt die gängige PR-Literatur die Verantwortung für die Folgen von Kommunikation? Welche Aussagen trifft sie dazu? Es gibt nur wenige Texte, die dieses Thema behandeln. Herauszuheben ist ein in Beschreibungen und Definitionen des Berufsstands häufig auftauchendes Motiv, das die Verantwortung für die Folgen des eigenen Handelns als Bestandteil des Berufsethos’ ausweist: das Motiv des gesellschaftlichen Nutzens von PR im Sinn einer Orientierungsleistung für die Gesellschaft.

Diese Auslegung fand schon bei Edward Bernays Verwendung. Er erklärte die Uneigennützigkeit beziehungsweise das Wohl der gesamten Gesellschaft zum Leitprinzip von PR-Fachkräften (vgl. Manske 2007, S. 3). Auch Grunig u. a. Befanden, dass PR nicht nur als Anwalt von Unternehmensinteressen, sondern auch von Interessen der Öffentlichkeit agieren sollte (vgl. Dozier/Grunig/Grunig 1995, S. 13). Die Verpflichtung, dem Wohl der Gesellschaft zu dienen, ist eine normative Vorgabe, der sich auch Horst Avenarius über das Leitmotiv des gesellschaftlichen Wohls nähert. Bei ihm ist der Topos der Folgenverantwortung am stärksten ausgearbeitet. Er hebt den gesellschaftlichen Charakter (vgl. Avenarius 2000, S. XI und 3) und den Nutzen der PR-Kommunikation für die Gesellschaft hervor (vgl. ebd., S. 31). Er argumentiert: Wer die Fähigkeit und vor allem den Auftrag verspürt, durch Kommunikation gesellschaftliche Konflikte zu lösen (die Resultate von Kommunikationsarbeit sind) und die Wohlfahrt zu maximieren, dem muss auch eine Mitverantwortung für das Eintreten oder Ausbleiben der entsprechenden Folgen zugesprochen werden.

Für Franz Ronneberger und Manfred Rühl gelten die Aufgaben von PR-Leuten erst dann als erfüllt, wenn es seitens der Publika zu Anschlusskommunikation und -interaktion gekommen ist (vgl. Förg 2004, S. 85). Das hieße, bezogen auf Folgenverantwortung, dass die Anschlusshandlungen der Zielgruppe – also die Outcome- und Outflow-Ebene – in den Verantwortungsbereich von PR-Fachkräften gehören. Damit kann man auch aus den Aussagen von Ronneberger und Rühl eine Folgenverantwortung, zumindest für die beiden genannten Ebenen, ableiten.

Abgesehen davon muss man der PR-Theorie hinsichtlich des Aspekts der Folgenverantwortung einen blinden Fleck bescheinigen, denn keiner der genannten Autoren fordert von PR-Fachkräften, Verantwortung für die Folgen ihrer Kommunikationsarbeit zu übernehmen. Nur indirekt lässt sich aus den häufig genannten Verpflichtungen gegenüber der Öffentlichkeit der Umkehrschluss ziehen, dass bei Nichterfüllung Verantwortung zu tragen ist. Moralisches Handeln wird oft pauschal eingefordert, jedoch meist nur in einem Maß, in dem jedes Gesellschaftsmitglied sozialen Regularien unterliegt (vgl. Förg 2004, S. 69).

5 Folgenverantwortung in PR-Kodizes

Nach der PR-Literatur wird die Praxis des Berufsstands, also der Erfahrungsgegenstand, daraufhin überprüft, ob eine Auseinandersetzung mit der Folgenverantwortung nachgewiesen werden kann. Dazu eignen sich die Kodizes der PR sehr gut, weil sich in ihnen (ethische) Grundprinzipien manifestieren. Die größte Bekanntheit unter deutschen PR-Kräften genießen der Moralkodex Code d’Athènes, der Verhaltenskodex Code de Lisbonne und die Grundsätze der Deutschen Public Relations Gesellschaft (DPRG) (vgl. Förg 2004, S. 117f.).

Im Code d’Athènes verpflichten sich die Mitglieder der Verbände zu Verhaltensweisen, die weniger für die PR im Speziellen gelten, als vielmehr allgemeiner Natur sind – wie etwa die, einen freien Informationsfluss zu fördern oder andere Standpunkte als den eigenen zuzulassen (vgl. drpr- online.de unter „Kodizes“).

Der Code de Lisbonne verpflichtet als „Europäischer Kodex für ein professionelles Verhalten in der Öffentlichkeitsarbeit“ (ebd.) neben allgemeinen Moralvorstellungen und Verhaltensnormen unter anderem zu Aufrichtigkeit, Loyalität und Transparenz – und verbietet bewusste Täuschung und Irreführung (vgl. ebd.). Zudem fordert er Vertraulichkeit gegenüber dem Arbeitgeber und Unbestechlichkeit gegenüber Dritten und verlangt, den Auftraggeber bei konterkarierenden Interessen zu informieren.

Bei beiden Kodizes verhält es sich ähnlich: Eigene oder Fehler Dritter aktiv zu vermeiden, ist Pflicht. Aber abgesehen von Strafmaßnahmen des Rats, die nur das Image des falsch Handelnden tangieren, gehen sie auf Konsequenzen von Fehlverhalten nicht explizit ein.

Die „Sieben Selbstverpflichtungen eines DPRG-Mitglieds“ gehen über die beiden Kodizes nur an einer Stelle hinaus: Die Mitglieder des Berufsverbands verpflichten sich, ihren Auftrag geber nach Kräften zu Korrekturen anzuhalten, sofern dieser es beim „Kommunikationsverhalten an Achtung für Menschen und an Fairness zu anderen Organisationen fehlen lässt“ (ebd). Analog dazu soll ein Mitglied auch Kontrolleur seiner selbst sein. Doch da raus lässt sich, analog zu allen anderen Artikeln der drei Kodizes, ebenfalls keine direkte Verantwortung für Folgen von Kommunikation ableiten.

Eine Ausnahme bildet lediglich Artikel 2 der DPRG-Selbstverpflichtungen, in dem PR-Kräften die Rolle des redlichen Anwalts des Auftraggebers zugewiesen wird, mit dem expliziten Auftrag, diesen vor Schaden zu bewahren (vgl. ebd). An dieser Stelle wird auf die Ebene der Folgenverantwortung Bezug genommen: Schaden kann sowohl für das Image des Auftraggebers als auch für dessen Unternehmenswert entstehen. Das heißt, es kann sowohl die Outcome- als auch die Outflow-Ebene gemeint sein. Jedoch ist auch hier lediglich die präventive Komponente – die Vermeidung von Schaden – explizit genannt, eine Verantwortung für entstandenen Schaden bleibt unberücksichtigt.

6 Empirische Untersuchung zu Folgenverantwortung

Sowohl einschlägige PR-Literatur als auch die wichtigsten Kodizes der Branche ignorieren die Frage der Folgenverantwortung in der Kommunikationsarbeit. Im empirischen Teil soll nun geprüft werden, wie die Branchenmitglieder selbst ihre Verantwortlichkeit einschätzen. Zu diesem Zweck wurde eine Onlinebefragung konzipiert, die mittels eines standardisierten Fragebogens möglichst viele Branchenvertreter erreichen sollte.

Im ersten Fragenkomplex wurde unvoreingenommen gefragt, ob PR-Fachkräfte für die Folgen ihrer Kommunikation verantwortlich gemacht werden sollten. Ihre Meinung dazu konnten die Teilnehmer über vier Antwortmöglichkeiten ausdrücken, die von „stimme nicht zu“ über „stimme eher nicht zu“ und „stimme eher zu“ bis hin zu „stimme voll zu“ reichten. Dieselbe Frage wurde im Anschluss für die drei Wirkungsebenen Outcome, Outgrowth und Outflow variiert und zur Illustration mit einem Praxisbeispiel kombiniert.

Abbildung 2

Der Fragebogen ging im Januar 2010 über einen Hinweis im regulären Newsletter-Mailing an die Mitglieder der DPRG. Von rund 3.000 potentiellen Teilnehmern füllten ihn etwas mehr als 200 aus. Die Stichprobe unter DPRG-Mitgliedern ist zwar für die gesamte deutsche PR-Wirtschaft nicht repräsentativ. Aber beim Vergleich der Verteilung wesentlicher Eigenschaften (wie Geschlecht, Ausbildung und Position, Aufteilung auf PR-Agenturen und Kommunikationsabteilungen in Unternehmen) fällt die Abweichung vom Querschnitt der deutschen PR-Landschaft gering aus.

Die Antworten im ersten Komplex zeigen, dass PR-Berater in der Theorie bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Mehr als zwei Drittel (69,5 Prozent) meinen, PR-Fachkräfte sollten für die Folgen der Übertragung von Informationen an die Zielgruppen verantwortlich gemacht werden. Bei der detaillierten Frage, für welche Folgen ebene sie verantwortlich gemacht werden sollten, ergibt sich eine stärkere Spreizung: Am skeptischsten sind PR-Spezialisten im Blick auf eine Mitverantwortung für den Organisationserfolg. Dem stimmt mit 50,8 Prozent die Hälfte der Befragten zu, während bei der gleichen Frage zur Outcome-Ebene (60,1 Prozent) und der Outgrowth-Ebene (62,9 Prozent) jeweils rund zwei Drittel der Befragten eine Verantwortlichkeit sehen (siehe Abbildung 2).

Abbildung 3

Für das Fallbeispiel werden die drei Folgenebenen in einem stark vereinfachten Beispiel operationalisiert: Bei der Veröffentlichung einer Pressemitteilung für einen Hersteller von Fernsehgeräten benutzt eine PR-Agentur die Formulierung „Bildschirmgröße von 1,20 Metern“. Das hat drei mögliche Konsequenzen. Auf der Outgrowth-Ebene verstehen manche Kunden die Angabe als Bildschirmbreite, andere als Bildschirmdiagonale. Es kommt zu widersprüchlicher Berichterstattung, die das Herstellerimage schädigt (Outcome) und zu geringerem Absatz des Produkts (Outflow) führt. Bei allen drei Fragen fühlen die Befragten sich für diese Folgen wesentlich häufiger verantwortlich (siehe Abbildung 3) als jeweils beim abstrakten Fragependant. Auf der Outcome-Ebene fühlen sich in der Praxis zusammen 85,2 Prozent (60,1 Prozent abstrakt), auf der Outgrowth-Ebene 78,2 Prozent (62,9 Prozent abstrakt) und auf der Outflow-Ebene 64,9 Prozent (50,8 Prozent abstrakt) für die jeweilige Konsequenz verantwortlich.

7 Fazit der Untersuchung

Das stark vereinfachte praktische Beispiel klammert Alltagsprobleme aus – etwa dass der Auftraggeber aufgrund von Abstimmungsprozeduren das letzte Wort hat oder oft nicht vollständig transparent gearbeitet wird. Trotzdem zeigt das Gefälle zwischen den Folgenebenen, dass PR- achkräfte sich in der Mehrheit als ausführende Gewalt sehen und die (erfolgreiche) Übertragung von Informationen an die Zielgruppe als ihre Zuständigkeit begreifen. Entsprechend zeigen sie sich sowohl dafür verantwortlich, inwieweit dies gelingt, als auch für die unmittelbaren Folgen der Informationsübermittlung.

Auch für Auswirkungen der Kommunikation auf das Image des Auftraggebers würde, mit Abstrichen, noch eine deutliche Mehrheit die Verantwortung übernehmen. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass das Erzeugen oder Bewahren von Images wesentlicher Bestandteil vieler Definitionen und Selbstbeschreibungen von Public Relations ist. Für monetäre Verluste der Auftraggeber fühlen sich deutlich weniger befragte PR-Experten verantwortlich. Die Vermutung liegt nahe, dass dies mit ihrem begrenzten Einfluss auf strategische Unternehmensentscheidungen zusammenhängt. Einzelberater und PR-Agenturen sind laut Wienand (vgl. 2003, S. 159) nur selten mit strategischen Aufgaben betraut.

Abbildung 4

Die Ergebnisse machen deutlich, dass PR-Fachleute überwiegend verantwortungsethisch argumentieren. Die breite Streuung der Häufigkeiten über die Antwortvorgaben zeigt allerdings auch, dass Unsicherheit darüber herrscht, in welchem Maß und für welchen Inhalt – also auf welcher Folgen ebene – Verantwortung übernommen werden soll. Verstärkt wird diese Tendenz durch ein inhomogenes Selbstverständnis und ein weitgehend unbekanntes berufsständisches Ethos, das zu einer tiefen Kluft zwischen Selbst- und Fremdbild führt. Gerade das unvorteilhafte Bild der Branche in der Öffentlichkeit stützt die Forderung, dass PR-Fachkräfte dabei unterstützt werden müssen, ihr Verantwortungsspektrum zu bestimmen beziehungsweise zu erweitern.

Die dringende Notwendigkeit, ethische Normen – über bestehende Leitlinien und Kodizes hinaus – verstärkt in die deutsche PR zu integrieren, manifestiert sich nicht zuletzt in der Einschätzung der Befragten, ob beim Ausfüllen des Fragebogens die Wahrheit gesagt wurde – und ob sie unterstellen, dass auch andere PR-Profis auf diese Fragen die Wahrheit sagen (siehe Abbildung 4).

Literatur & Quellen

Primärquellen:

„Code d‘Athènes“. Verfügbar unter www.drpr-online.de unter „Kodizes“ [letzter Zugriff am 2.3.2011].

„Code de Lisbonne“. Verfügbar unter www.drpr-online.de unter „Kodizes“ [letzter Zugriff am 2.3.2011].

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„Fahrender Frontschauspieler“. fr-online.de, 13.12.2010. Verfügbar unter www.fr-online.de/politik/meinung/fahrender-frontschauspieler/-/1472602/4919246/-/index.html [letzter Zugriff am 2.3.2011].

„Peinlich und Unangemessen“. handelsblatt.com, 14.12.2010. Verfügbar unter www.defence-conference.de/artikel/artikel623.pdf [letzter Zugriff am 2.3.2011].

„Sieben Selbstverpflichtungen eines DPRGMitglieds“. Verfügbar unter www.drpr-online.de unter „Kodizes“ [letzter Zugriff am 2.3.2011].

Sekundärliteratur:

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