NGO-Serie (6): Attac
Von unten
Ist es eine NGO? Ein Aktionsbündnis? Oder Teil einer sozialen Bewegung? Attac will alles sein und versteht sich als "innovativer Organisationstyp", der in keine Schublade passt. Trotzdem bildet das Netzwerk strukturell eine Art Dachverband, zu dem sich Globalisierungs- und Kapitalismuskritiker zusammengeschlossen haben. Teil sechs unserer Serie über NGOs, die Unternehmen im Blick haben sollten.

Zur Hauptversammlung der Deutschen Bank am 31. Mai 2012 in Frankfurt demonstrieren Attac-Aktivisten gegen „Steuerflucht“, „Waffenhandel“ und „Zocken mit Nahrung“. (Foto: Thomas Lohnes/dapd)
Rückblickend war Attac der gesellschaftlichen Debatte um ein paar Jahre voraus. Jedenfalls lässt sich anders kaum erklären, was der spanische Journalist Ignacio Ramonet auslöste, als er 1997 im Editorial der linken französischen Monatszeitung Le Monde Diplomatique eine "Entwaffnung der Finanzmächte" forderte. Man müsse Sand ins Getriebe der "zerstörerischen Kapitalbewegungen" streuen, schrieb Ramonet, denn die freie Kapitalzirkulation untergrabe die Demokratie. Dreierlei sei dagegen zu tun: ein Boykott der Steuerparadiese, höhere Besteuerung von Kapitaleinkünften und eine allgemeine Besteuerung aller Finanztransaktionen, also des Börsenhandels, nach dem Vorbild der sogenannten Tobin-Steuer.
Die ist benannt nach dem Wirtschaftsnobelpreisträger James Tobin, der in den 70er Jahren eine weltweite Steuer zur Eindämmung spekulativer Devisengeschäfte erdachte. Ramonet regte an, eine "Aktion für eine Tobin-Steuer zum Nutzen der Bürger" ins Leben zu rufen. Auf Französisch: eine "Action pour une taxe Tobin d'aide aux citoyens" - kurz Attac. 15 Jahre später klingen solche Plädoyers für die Regulierung der Finanzmärkte nicht mehr außergewöhnlich. Der Kampf gegen Steuerflucht und zerstörerische Spekulationen gehört heute weltweit zum Katalog politischer Standardforderungen. Die Debatte um die Finanztransaktionssteuer hat sogar die großen Gipfeltreffen erreicht - selbst wenn sich Attac-Impulsgeber Tobin längst von den Zielen jener distanziert hat, die in seinem Namen arbeiten (Der Spiegel 36/2001: "Die missbrauchen meinen Namen").
GRÜNDUNG UND ZIELE
1997 erregte Ramonet mit seinem Artikel in Le Monde Diplomatique noch Aufsehen. Während das arrivierte Publikum ihn belächelte, folgte die Linke dem Aufruf: Der Chefredakteur von Le Monde Diplomatique Bernard Cassen organisierte wenige Wochen später in Frankreich das erste Attac-Treffen der Welt. Heute ist das Netzwerk nach eigenen Angaben in 50 Ländern mit rund 1.000 Gruppen und 90.000 Aktivisten präsent.
Die Geschichte von Attac Deutschland - mit mehr als 25.000 Mitgliedern inzwischen die stärkste Länderorganisation - begann im September 1999. In einem Büro der evangelischen Kirche in Frankfurt am Main trafen sich mehrere Kirchenleute unter anderem mit Peter Wahl. Der Sozialwissenschaftler hatte zehn Jahre zuvor den Verein Weltwirtschaft, Ökologie & Entwicklung (WEED) mitgegründet und sich unter anderem für die Tobin-Steuer eingesetzt. Der WEED konzentrierte sich auf wissenschaftliche Argumentation und Lobbying. An der Attac-Idee reizte Wahl und seine Mitstreiter zweierlei. Erstens die Chance, die Theorietreffen intellektueller, globalisierungskritischer NGOs mit einer "Bewegung" zu vereinen - also zu popularisieren. Zweitens der Gedanke, ein neuartiges, breites und offenes Bündnis zu schmieden, in dem sich Arbeitnehmervertreter, Friedensaktivisten, Umweltschützer, linke Realos und Fundamentalisten zusammenfinden könnten.
Am 22. Januar 2000 war es so weit: Im Frankfurter Bürgertreff Bockenheim gründeten Vertreter von rund 50 Nichtregierungsorganisationen und 80 weitere Personen ein "Netzwerk zur demokratischen Kontrolle der internationalen Finanzmärkte", das sich ein Jahr später in Attac umbenannte, also Name und Logo der Franzosen übernahm. Im Juli 2001 folgte der erste schlagzeilenträchtige Auftritt: Anlässlich des G8-Gipfeltreffens in Genua rief Attac zum Protest auf, allein die Deutschen mobilisierten rund 1.000 Demonstranten. Vor Ort eskalierte die Lage, ein italienischer Demonstrant wurde erschossen, mehrere hundert verletzt. Seither gilt Attac hierzulande als wichtigstes Sprachrohr der Globalisierungskritiker.
STRATEGIE UND INSTRUMENTE
Attac hat keinen festen Kampagnenbaukasten. Ohnehin sieht das Netzwerk das Spektakuläre nur als eine von drei Säulen: Bildung, Aktion und Expertise stehen gleichwertig nebeneinander. Der Schwerpunkt liegt häufig sogar eher auf Bildungs- als auf Straßenarbeit. Attac-Referenten halten jedes Jahr dutzende Seminare und Vorträge, das Bundesbüro produziert Faktenblätter, Info- und Unterrichtsmaterial. Fest im Kalender verankert ist eine Sommerakademie mit Vorträgen und Workshops, an der zuletzt rund 800 junge Leute teilnahmen. Daneben veranstaltet Attac regelmäßig wissenschaftliche Kongresse, die tausende Besucher anziehen.
Ziel dieser Arbeit ist die ökonomische Alphabetisierung der Bevölkerung - in Attac-Worten: die Selbstermächtigung der Bürger. Viele der oft spaßigen Auftritte, die in den vergangenen Jahren für mediale Aufmerksamkeit sorgten, gehen auf Initiative und ehrenamtliches Engagement Einzelner zurück. Ob Maskierte zur Hauptversammlung der Deutschen Bank gegen "Steuerflucht", "Waffenhandel" und "Zocken mit Nahrung" demonstrieren, ob Aktivisten das Regierungsviertel umzingeln oder das Börsengebäude in Frankfurt mit einem Wall aus Sandsäcken abriegeln - dahinter stecken selten umfassende Strategien und generalstabsmäßige Planung.
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