Detailinformationen

Autor

Wolf-Dieter Rühl

Geschäftsführender Redakteur

verfasst am

01.12.2010

im Heft

12/2010

Handelsblatt / „TelDaFax-Affäre“

Vorsicht, bissig!

Chefredakteur Gabor Steingart will das Handelsblatt zum investigativen Wirtschaftsmagazin umbauen. Die Zeitung schießt nun schnell, scharf – und manchmal über das Ziel hinaus. Mit dem Stromanbieter TelDaFax lieferte sich das Blatt ein hartes Gefecht.

Das Handelsblatt beschäftigte sich im Herbst ungewöhnlich oft mit TelDaFax.

Zum Abschluss gab es ein paar warme Worte des Chefredakteurs mit auf den Weg: „Da müssen Sie morgen aber schon ein bisschen tapfer sein“, rief Gabor Steingart dem TelDaFax-Vorstand Gernot Koch hinterher. Zwei Stunden lang hatten die beiden mit ihren Teams am 19. Oktober zusammengesessen und über brisante Unterlagen diskutiert, aus denen hervorgehen soll, dass der Troisdorfer Stromanbieter zumindest bis Herbst 2009 in argen finanziellen Nöten gesteckt habe. Das Dossier hatte die Zeitung von Privatdetektiv Klaus-Dieter Matschke zugespielt bekommen.

Gegen 18 Uhr löste sich die Runde in der Düsseldorfer Kasernenstraße auf, wenig später ging der Artikel in Druck. „Stromfirma auf Abwegen“, titelte das Handelsblatt tags darauf – und vermittelte auf vier Innenseiten den Eindruck, die Rheinländer stünden kurz vor der Pleite. TelDaFax, das zu der Zeit in Verhandlungen mit einem russischen Investor steckte, witterte hinter dem lancierten Dossier eine gezielte Torpedierung des Verkaufsprozesses und setzte sich öffentlich zur Wehr: „Wir weisen entschieden die heute im Handelsblatt erhobenen Vermutungen einer drohenden Überschuldung unseres Unternehmens als unwahr und falsch zurück.“ Dazu geraten hatten sowohl der Leiter Unternehmenskommunikation Thomas Müller als auch die hinzugezogene Krisenexpertin Susanne Fiederer, Inhaberin der Düsseldorfer Agentur Impressions Kommunikation. TelDaFax-Chef Klaus Bath kündigte in der Pressemitteilung außerdem an, bei der Staatsanwaltschaft „Anzeige wegen Wirtschaftskriminalität“ zu erstatten.

Das Handelsblatt legte daraufhin noch mehrfach nach – immer unter der Rubrik „Die TelDaFax-Affäre“. Das Unternehmen hielt dagegen und bezichtigte die Zeitung, mit veralteten Informationen zu schießen. Die Kontrahenten schaukelten sich gegenseitig hoch, am 26. Oktober veröffentlichte TelDaFax sogar einen offenen Brief an Gabor Steingart sowie die Redakteure Sönke Iwersen und Jörg Flauger, in dem Bath und Koch ihr Unverständnis über die „fortgesetzte Kampagne“ äußerten. Ende November schaltete der Stromanbieter dann eine Anzeige bei Konkurrenzblättern, in der Mitarbeiter ihr Unternehmen verteidigten. Rechts unten prangte ein hämischer Dank ans Handelsblatt – dafür, dass es TelDaFax 2009 für den besten Tarif als überregionaler Versorger ausgezeichnet hatte. Kommunikationschef Thomas Müller verteidigt den Konfrontationskurs: „Es ist doch auffällig, dass wir kurz vor der Übernahme durch einen russischen Investor ins Visier des Handelsblatts geraten sind. Daher ist es auch nicht erstaunlich, dass kaum ein anderes Medium die Geschichte in dieser Tonlage gebracht hat.“

Durch defensive Kommunikation und die finanzielle Schieflage in der Vergangenheit hat sich das Unternehmen allerdings angreifbar gemacht. So verloren die Troisdorfer kein Wort darüber, dass ihr Gründer und ehemaliger Vorstandschef Michael Josten seit Juni 2010 im Gefängnis sitzt. Und immer noch kann TelDaFax keine Bilanzen für die Jahre 2009 und 2008 präsentieren. Dass inzwischen die Verhandlungen mit dem Investor abgeschlossen sein sollen, hilft dem Unternehmen medial nur bedingt weiter, weil es den ungeduldig wartenden Journalisten keine Namen oder Einzelheiten des Deals nennen kann – angeblich aus Rücksicht auf noch ausstehende Genehmigungen der russischen Behörden. Vor diesem Hintergrund wirkt die scharfe Reaktion der Kommunikatoren dann doch etwas übertrieben.

Trotzdem wundern sich Journalisten über die massive Berichterstattung des Handelsblatts. „TelDaFax ist doch eine kleine Bude, außerdem sind die meisten Informationen mehr als ein Jahr alt. So eine heftige Darstellung geben die Fakten eigentlich nicht her“, urteilt ein Wirtschaftsredakteur. Seinem Eindruck nach habe das Blatt bereitwillig mitgespielt, um sich als investigative Marke zu positionieren. Den Eindruck, Steingart verfolge mit der harten Linie ein klares Ziel, hat auch Reinhard Kowalewsky von der Rheinischen Post: „Das Handelsblatt soll erster Ansprechpartner werden, wenn Leute etwas Brisantes loswerden wollen. Ich halte das im Kern für eine intelligente Strategie. Wer sich als unbequemes Medium profiliert, bekommt auch mehr Insiderinfos zugesteckt.“ Der neue Kurs des Handelsblatts ist ein Ritt auf der Rasierklinge. Sobald sich die Düsseldorfer aus lauter Jagd nach Exklusivität einen schweren Fehler erlauben, ist die Glaubwürdigkeit dahin.

Bis jetzt ist die Ausbeute relativ mager: Der schon vor Monaten ins Aus geschriebene Aufsichtsratsvorsitzende der RAG-Stiftung Wilhelm Bonse-Geuking ist noch im Amt, Angela Merkel ließ Handelsblatt-Berichte über eine Kabinettsumbildung und das Ausscheiden ihres Finanzministers Wolfgang Schäuble hart dementieren, und TelDaFax ist auch noch nicht insolvent. Klar ist: Pressesprecher müssen sich auf eine neue Linie einstellen. Unter Chefredakteur Gabor Steingart zählt beim Handelsblatt im Zweifel die zugespitzte Story.

 

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