Detailinformationen

Autor

Olaf Wittrock

Freier Journalist

im Heft

3/2013

NGO-Serie (10): Oxfam

Zwei Gesichter

Oxfam will sowohl Hilfs- als auch Kampagnenorganisation sein. Der Spagat gelingt nicht immer. Er macht die Nichtregierungsorganisation aber zu einer besonders vielseitigen Anti-Hunger-Bewegung. Teil zehn der Serie über NGOs, die Unternehmen im Blick haben sollten.

„Mit Essen spielt man nicht!“ Zur Allianz-Hauptversammlung 2012 protestieren Oxfam-Aktivisten vor der Münchner Konzernzentrale gegen Spekulationen mit Agrarrohstoffen. (Foto: Joerg Farys/Oxfam Deutschland)

„Mit Essen spielt man nicht!“ Unter diesem Slogan attackiert Oxfam seit vergangenem Jahr die Allianz. Zur Hauptversammlung des größten deutschen Versicherers im Mai 2012 präsentierte die NGO eine Studie, wonach der Konzern mehr als 6,2 Milliarden Euro an den Agrarrohstoffmärkten angelegt habe, mehr als jedes andere deutsche Finanzinstitut. Die Spekulationen treiben angeblich die Preise und verschlimmern den Hunger in der Welt.

Zum Welternährungstag im Oktober organisierte Oxfam eine Lärmdemo, bei der vor dem Brandenburger Tor rund 400 Demonstranten auf leere Töpfe schlugen. Im November protestierten elf Aktivisten zur Veröffentlichung der Allianz-Quartalszahlen in einer Gemeinschaftsaktion mit den Globalisierungskritikern von Attac vor der Berliner Konzernvertretung. Im Internet, in Oxfam-Shops und bei Konzerten von Bands wie Coldplay und Die Toten Hosen liegen Unterschriftenlisten gegen Nahrungsmittelspekulationen. Die Oxfam-Campaigner haben mehr als 60.000 Unterstützer für einen Appell an Finanzminister Wolfgang Schäuble gefunden. Mit vorformulierten Protestschreiben können Kunden ihren Unmut über das Geschäftsgebaren direkt bei der Allianz kundtun.

Gemessen am medialen Echo ist die Kampagne gegen Nahrungsmittelspekulation der größte Coup, der Oxfam in Deutschland je gelang. Allein die Studie fand sich in 82 Zeitungsartikeln wieder, sorgte für 16 Fernsehbeiträge in neun Sendern und viele Dutzend Radiobeiträge, berichtet Svenja Koch, Leiterin der Oxfam- Pressestelle: „Das war für unsere Verhältnisse ein Medien-Hype.“ Der Protest sorgte nicht nur für Aufmerksamkeit bei Journalisten. Bundespräsident Joachim Gauck forderte als Schirmherr der Welthungerhilfe im Dezember die Finanzwirtschaft auf, fragwürdige Geschäfte einzustellen. In den vergangenen Monaten entschieden sich mehrere Ban ken und Versicherer, keine Warentermingeschäfte mit Weizen und Co mehr zu tätigen, darunter die Sparkassen-Gesellschaften Deka, die Landesbanken Berlin und Baden-Württemberg, die Commerzbank und der Volkswohlbund.

Gründung und Ziele

So erfolgreich die Attacke gegen die Allianz verlief, so ungewöhnlich war die Aktion für Oxfam. Kampagnen vom Format „David gegen Goliath“, die bei Nichtregierungsorganisationen wie Greenpeace und Foodwatch zum Standardrepertoire zählen, sind bei Oxfam die Ausnahme. Das liegt vor allem daran, dass sich Oxfam viel breiter aufstellt: Der Verein ist nicht bloß als Lobby- und Kampagnenorganisation aktiv, sondern genauso stark als Hilfsorganisation in Entwicklungsländern. Diese Doppelstrategie zur Bekämpfung des Hungers in der Welt ist das Markenzeichen der NGO.

„Es gibt in Deutschland keine andere Entwicklungs- und Hilfsorganisation, die prozentual so viel für politische Lobby- und Kampagnenarbeit ausgibt“, sagt Marion Lieser, seit 2012 Geschäftsführerin von Oxfam Deutschland. Annähernd gleich viel Geld fließt in politische Kampagnen und Hilfsprojekte in Staaten wie Haiti, Pakistan, Simbabwe und Mali.

Trotz 69 Mitarbeitern und rund 7,2 Millionen Euro Jahresetat (Planzahl für 2012) ist Oxfam in Deutschland längst nicht so bekannt wie im Gründungsland Großbritannien. Dort entstand im Jahr 1942 das Oxford Committee for Famine Relief, zu Deutsch: Oxforder Komitee zur Bekämpfung von Hungersnöten. Mitten im Zweiten Weltkrieg wollten Bürger der englischen Stadt erreichen, dass die Alliierten ihre Blockaden gegen die von den Deutschen besetzten Staaten in Europa lockerten,damit etwa in Griechenland und Belgien keine Kinder hungern müssten. Zugleich sammelten sie Geld für das Rote Kreuz.

Der Gedanke der humanitären Nothilfe war für das Komitee, das sich erst seit 1965 mit „Oxfam“ abkürzt, von Anfang an mit politischer Arbeit verknüpft. Dabei entstanden immer wieder ungewöhnliche Forderungen. So bat die Organisation die britische Regierung gleich nach Kriegsende, Nahrungsmittelpakete für die Deutschen zu schnüren. Erst als sich die Ernährungslage in Europa besserte, wandte sich Oxfam ärmeren Ländern im Süden zu.

Oxfam International gründete sich 1995 und besteht heute aus 17 nationalen Organisationen und mehr als 3.000 Partnern in Entwicklungsländern. Oxfam Deutschland trat dem Verbund vor zehn Jahren bei. Präsent ist die Organisation hierzulande schon seit 1986 mit Second- Hand-Läden. Auch dadurch unterscheidet sie sich stark von anderen NGOs. Zugleich sorgen die Läden für Vor-Ort-Präsenz. In den Köpfen vieler Deutscher steht Oxfam sogar mehr für eine Ladenkette als für eine NGO, bestätigt Matthias Daberstiel, der gemeinnützige Organisationen bei Fundraising und Sponsoring berät.

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