Detailinformationen

Autor

David Selbach

Freier Autor

verfasst am

07.08.2020

im Heft

08/2020

Schlagworte

Wissenschaftskommunikation, Antje Boetius, Corona-Krise, Alfred-Wegener-Institut, Wissenschaft im Dialog

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Ausgabe 08/2020

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Wissenschaftskommunikation

"Menschen brauchen Einordnung"


Antje Boetius: „Menschen wollen wissen, was wissenschaftliche Erkenntnisse für sie bedeuten, sie wollen Vorsorgewissen.“ (Foto: Alfred-Wegener-Institut/Esther Horvath (CC-BY 4.0))


Die Meeresbiologin Antje Boetius setzt sich seit Jahren für eine Professionalisierung der Wissenschaftskommunikation ein. In Zeiten der Corona-Krise ist das wichtiger denn je, meint die Leiterin des Alfred-Wegener-Instituts und Vorsitzende des Lenkungsausschusses der Initiative Wissenschaft im Dialog.


prmagazin: Sie waren kürzlich als Sachverständige im Forschungsausschuss des Bundestags geladen. Worum ging es?

Antje Boetius: Es ging vor allem um Fragen der richtigen Arbeitsteilung zwischen Wissenschaftsjournalismus und Wissenschaft unter dem Eindruck der Corona-Krise. Es zeigt sich schon länger, dass das Business-Modell des Printjournalismus sich verändert, und aktuell, dass viele Verlage ihr Anzeigengeschäft verlieren. Der Wissenschaftsjournalismus ist für uns Wissenschaftler aber ein wichtiger Sparringspartner in der Wissenschaftskommunikation, er beobachtet und ordnet ein. Wenn Ausbildung, Erfahrungsgewinn und Arbeitsbedingungen schlechter werden, verlieren wir eine wichtige Komponente des Wissenstransfer.

Die Medienkrise gab es aber doch schon vor Corona.

Stimmt, und wir diskutieren auch schon länger die Bedarfe für mehr Wissenschaftskommunikation auch bei den Medien. Selbst gut situierte Redaktionen leisten sich immer weniger aufwendige Recherchen oder Reisen und oft auch keine thematische Vielfalt bei den Redakteuren. Es ist ein schleichender Abbau von Kompetenz und Unabhängigkeit zu bemerken. Oft gibt es eine enge Kette zwischen Pressemitteilung, Information von Nachrichtenagenturen und dem Produkt, da kaum Zeit für Recherche oder Einordnung ist. Das ist schade.

Wie kann der Staat an dieser Stelle den Redaktionen helfen?

Wir haben eine Reihe von Maßnahmen angesprochen, es ist ja noch ein strittiges Thema. Erst mal ist essenziell, dass Journalismus vollständig unabhängig bleibt. Ein Modell ist eine Art Bundesstiftung, die vor allem den vielfältigen Erfahrungsgewinn und Weiterbildung unterstützt, zum Beispiel durch bezahlte Volontariate, Recherche-Sabbaticals für Fachjournalisten, Seminare, Stipendien für thematische Weiterbildung und Reisen, Preise, aber auch Stiftungslehrstühle zur Förderung der Lehre an Hochschulen.

Wie sollte der Staat Ihrer Meinung nach auf der anderen Seite die Vielfalt in der Wissenschaftskommunikation fördern?

Es gibt schon einige sehr gute Projekte für verständliche und gute Wissenschaftskommunikation. Neben Wissenschaft im Dialog würde ich da nennen: das Science Media Center oder das Nationale Institut für Wissenschaftskommunikation (NaWik) in Karlsruhe. Es wäre sehr viel gewonnen, wenn man diese Projekte finanziell auf sichere Füße stellen und ihre Unabhängigkeit fördern könnte. Denn bisher haben alle recht kurzfristige Projektfinanzierungen. Das ist nicht nachhaltig, es wäre besser, sie könnten an übergreifenden Strategien und Angeboten arbeiten.


Antje Boetius im Videointerview mit dem prmagazin. (Foto: Screenshot)


Union und SPD schlagen in einem Positionspapier die Gründung einer „Agentur für Wissenschaftskommunikation“ vor. Was halten Sie davon?

Grundsätzlich finde ich das eine gute Idee, wenn es mehr systematisches, strategisches Arbeiten an übergreifenden Angeboten für Wissenschaftskommunikation gibt. Aber es kommt dann eben auf das Konzept einer Agentur an, denn es gibt ja schon einige Akteure wie WID und NaWik – die könnten mit mehr Förderung und mehr Mandat auch mehr erreichen. Auch für die Lücke „Innovationsförderung“ wurde eine unabhängige „Agentur für Sprunginnovation“ gegründet. Diese Agentur sollte dann ebenfalls eine regierungsunabhängige Einrichtung sein, die sich um die Zukunft der Wissenschaftskommunikation kümmert, die Begleitforschung für aktuelle Strategien und Angebote organisiert, die prüft und Umfragen macht.

Redaktionen haben weniger Ressourcen, wissenschaftliche Themen aufzubereiten. Welche anderen Trends sehen Sie, die den Bedarf nach einer guten Wissenschaftskommunikation steigen lassen?

Ganz wichtig ist die Digitalisierung, die dynamische Veränderung der Angebote in den sozialen Medien. Das haben wir in der Corona-Krise eindrucksvoll beobachten können. Podcasts und Pressekonferenzen haben eine sehr große Rolle im Informationsfluss gespielt, der neu gedacht werden musste, denn das Virus ist ja völlig unbekannt. Die Wissenschaft hat weltweit eine Unmenge Daten im Internet geteilt: Infektionen, Todeszahlen, Reproduktionsdaten – also wissenschaftliche Grafiken wie im Corona-Dashboard des Robert Koch-Instituts. Bürgerinnen und Bürger mussten solche Daten direkt und ungefiltert nutzen, um sich zu orientieren. Dass Daten immer wichtiger werden, ist ein Trend, den wir in der Wissenschaft seit Jahren beobachten – dafür sollte es mehr Angebote in Visualisierung und Kompetenzförderung geben.

Wo gibt es so etwas noch?

Auf ganz vielen Ebenen. Satellitendaten zum Beispiel werden in offenen Portalen eingepflegt und zeigen zum Beispiel, wo es brennt, wo Wald zerstört wird oder wie sich die Luftverschmutzung über Städten entwickelt. Digitale Technologien erlauben eine völlig andere Offenheit im Wissen – das ist in vielen Fachrichtungen so. Wir kennen das von der Wettervorhersage oder dem Regenradar. Solche Techniken vermitteln nicht nur die Gegenwart, sondern auch Vorhersagen, Risikoabschätzungen.

Das heißt, die Wettervorhersage ist für Sie ein Beispiel für Wissenschaftskommunikation?

Natürlich, es geht dabei um praktische Vermittlung von wissenschaftlichem Wissen. Die meisten Menschen würden eine Wetter-App zwar nicht so einordnen. Dabei ist sie genau das: Wissenschaftskommunikation. Damit das funktioniert und die Menschen solche Rohdaten richtig einordnen können, braucht es aufseiten der Wissenschaft Ressourcen, um die Grundlagen zu schaffen, und Arbeitsteilung mit Behörden und privaten Anbietern, die dann aus Daten Information und Vorhersagen machen, derartige Dashboards bauen und verlässlich betreiben.

Und Forscher brauchen das Know-how, wie man Dinge verständlich erklärt?

Genau. Für ihre Reichweite ja, aber sie brauchen vor allem auch professionelle Unterstützung für Kommunikation und Dialog. Unsere Fachsprache in der Forschung ist für die Öffentlichkeit oft untauglich, wir brauchen sie aber trotzdem für den Fortschritt in der Wissenschaft. Es ist aber auch in der Forschung wichtig, Dinge zu vereinfachen. [...]

Dieser Text ist ein Auszug. Das komplette Interview lesen Sie auf 7 Seiten in der August-Ausgabe des prmagazins. Darin unter anderem: Wie sich aus Sicht von Antje Boetius komplexe wissenschaftliche Zusammenhänge verständlich machen lassen, ohne die Aussagen zu verfälschen. Wieso Wissenschaftskommunikation ohne Einordnung und Empathie nicht funktioniert. Warum der Virologe Christian Drosten "Unglaubliches" geleistet hat, aber nicht jeder Wissenschaftler talkshow-fähig sein muss. Wie es in Deutschland um das Vertrauen in die Wissenschaft bestellt ist. Und was sich Antje Boetius von der Politik erhofft.

Die prmagazin-Ausgabe 08/2020 – darin unter anderem:

Die Rationale:
Susanne Glasmacher vom Robert Koch-Institut war die inoffizielle Corona-Pressestelle der Bundesregierung.

From Voodoo to Value: Communications und Affairs werden mit Strategie und Planung verschmelzen, meint Joachim Koschnicke von Hering Schuppener.

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