Detailinformationen

Autor

Kathi Preppner

verfasst am

01.04.2016

im Heft

04/2016

Schlagworte

Flughafengesellschaft Berlin Brandenburg (FBB), BER, Hauptstadtflughafen, Daniel Abbou, Flughafen Tegel, Flughafen Schönefeld umkrempeln, Kommunikation

Flughafen Berlin Brandenburg

„Alles kommt raus“


Daniel Abbou: „Kein Mensch, der nicht medikamentenabhängig ist, gibt Ihnen feste Garantien für diesen Flughafen.“ (Foto: Jan Zappner)


Als PR-Chef der Flughafengesellschaft Berlin Brandenburg (FBB) soll Daniel Abbou die Kommunikation des Pannen-Airports BER sowie der Flughäfen Tegel und Schönefeld umkrempeln. Knapp 100 Tage nach seinem Antritt traf das prmagazin den 45-Jährigen in der Hauptstadt. Über interne Angstkultur und positive Kommunikation, trotz nicht abreißender Hiobsbotschaften.


prmagazin: Das Bild des Flughafens BER in der Öffentlichkeit sieht etwa so aus: Da steht eine gigantische Baustelle, die nie fertig zu werden scheint, immer mehr Steuergelder verschlingt und ständig neue Negativschlagzeilen macht. Wie wollen Sie so ein Bild zum Positiven verändern?

Daniel Abbou: Ich habe nicht die Erwartungshaltung, dass der BER zur erfolgreichsten Baugeschichte Deutschlands wird. Dazu hat die alte Flughafen-Crew zu viel verbockt, dafür sind zu viele Milliarden versenkt worden. Das kann man nicht komplett rumreißen. Das, was man machen kann, ist, Transparenz herzustellen.

Reicht das, um in der Öffentlichkeit Vertrauen zu schaffen? Das dauert.

Meine erste Aufgabe ist es, Vertrauen in den Redaktionen aufzubauen. Die Glaubwürdigkeit der Pressestelle der Flughafengesellschaft Berlin Brandenburg war gleich null. Das liegt vor allem an der Absage der Eröffnung 2012, wo noch sechs Wochen vorher gesagt worden ist: Kommt alle, let’s have a party. Der Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) hat damals riesige Produktionsgelder versenkt. Jetzt kann ich nur persönlich um Vertrauen werben, indem ich durch alle Redaktionen gehe. Ich lade auch Journalisten zum Flughafen ein. Der Besucherdienst soll nicht nur zeigen, was schön ist, sondern auch, wo es noch klemmt. Es kommt eh alles raus. Dann muss man aus PR-Sicht doch der sein, der selbst darauf hinweist.

Sie sind erst seit Januar im Amt, aber es gab schon diverse Problemmeldungen. Im Januar hieß es, der BER werde schon 2030 an die Kapazitätsgrenze stoßen. Kurz darauf wurde bekannt, dass zwei Nachträge zur Baugenehmigung erst verspätet eingereicht werden können und so weiter. Wie gehen Sie damit um?

Früher wurde meist gesagt: Nein, es ist alles gut. Das ist Bullshit. Bekenne Dich dazu, wenn etwas scheiße gelaufen ist. Wenn man den Leuten die Probleme aufzeigt, kann man auch für Verständnis werben.

Das heißt, Sie wollen künftig der Erste sein, der mit den Problemmeldungen nach außen geht. Sind Sie sicher, dass Sie schneller sein können als die Medien?

Es gibt natürlich Journalisten, die haben Premium-1a-++-Quellen am Flughafen. Ich versuche es hinzukriegen, dass ich der Erste bin, der etwas weiß.

Das heißt, Sie brauchen auch Premium1a++-Quellen. Haben Sie die schon?

Nein. Ich laufe manchmal zur Baustelle und quatsche mit den Leuten. Oder ich setze mich in der Kantine zu Menschen, die ich nicht kenne. So baue ich mir langsam ein Netzwerk auf. Aber es gibt Journalistenkollegen, die diesen Bau seit der Grundsteinlegung verfolgen, die kennen natürlich mehr Leute als ich.

Im Februar wurde ein Bericht des Brandenburger Landesrechnungshofs öffentlich, der das Missmanagement am BER aufzeigt. Flughafenchef Mühlenfeld pochte in einem Brief auf Geheimhaltung. Aus PRSicht nicht gerade geschickt, oder?

Nein, absolut nicht. Obwohl der BER der politischste Flughafen Deutschlands ist, ist die Flughafengesellschaft in ihrer Struktur sehr unpolitisch. Diesen Brief hatte ich nicht gesehen. Als ich ihn gelesen habe, habe ich sehr mit der Stirn gerunzelt. Und ganz neben bei, mit dem Regierungs flughafen war es ähnlich. Da brauchen wir unbedingt ein politisches Screening. Man hätte ja sagen können: Ich bin nicht gegen die Veröffentlichung, ich will nur die Schwärzung von geheimen Kennzahlen, damit dem Flughafen kein Schaden entsteht. Diese politische Denke fehlt dem Flughafen, das muss man ganz schnell lernen.


Daniel Abbou: „Früher wurde meist gesagt: Nein, es ist alles gut. Das ist Bullshit.“

 

Sind Sie auch deswegen auf Ihrem Posten gelandet? Es hieß, dass Mühlenfeld einen Aufpasser brauche.

Jeder gute Pressesprecher muss auf seinen Chef aufpassen. Als ich Sprecher der Justiz war, wurde ich einmal in der Jugendstrafanstalt gefragt, was eigentlich mein Job sei. Ich habe erzählt, was ein Pressesprecher macht, und bekam zur Antwort: Du bist also der Bodyguard mit Worten. Da habe ich gedacht: Das ist der Erste, der richtig kapiert hat, was mein Job ist.

Sie müssen Ihren Chef verteidigen. Aber Mühlenfeld gilt nicht gerade als Diplomat. Müssen Sie ihn vor sich selbst schützen?

Ich würde sagen, kommunikative Disziplin ist etwas, das allen Ministern, Senatoren und CEOs gut ansteht.

Es heißt auch, als SPD-Mitglied und politisch gut vernetzter Mensch seien Sie der direkte Draht für den Regierenden Bürgermeister in die FBB.

Der Regierende Bürgermeister hat viele Drähte in die FBB. Ich kenne Michael Müller schon lange und vor allem auch seine Leute, das ist natürlich vorteilhaft.

Ist Ihre Besetzung denn auch ein Vorteil für den Regierenden Bürgermeister?

Ich hoffe es, ich möchte aber auch deutlich sagen: Mein Chef ist Karsten Mühlenfeld. Mein Ziel ist, Mühlenfeld nach vorn zu bringen und ihn kommunikativ besser zu verkaufen.

Kürzlich ist das nach hinten losgegangen: Als Mark Zuckerberg Ende Februar in Schönefeld landete, wollte Mühlenfeld ihn auf dem Flugfeld begrüßen und ein Foto mit ihm abgreifen. Doch Zuckerberg wollte nicht. Statt eines Bilds mit dem Facebook-Gründer bekamen Sie höhnische Presseberichte über die Aktion. Hat Sie das sehr geärgert?

Da kann ich nur sagen: Hoch gepokert, hoch verloren. Ich glaube, alle hätten es abgedruckt oder gepostet, wenn es funktioniert hätte. Aber so ist das Leben. Das hält mich nicht davon ab, offensiver zu sein.

Tatsächlich hat Mühlenfeld bisher nicht immer geschickt kommuniziert. Im September 2015 sagte er im BER–Sonderausschuss des brandenburgischen Landtags, dass 600 Brandschutzwände eingerissen werden müssten. Der Aufsichtsrat erfuhr davon erst aus den Medien. Mühlenfeld nahm die Aussage später zurück. Wie wollen Sie solchen Situationen vorbeugen?

Da muss ganz klar abgesprochen werden, was gesagt wird und was nicht gesagt wird und wie es gesagt wird. Mühlenfeld ist Ingenieur, und Ingenieure pflegen eine andere Sprache als Journalisten und Politiker. Für diese Dolmetscherfunktion werden wir Pressesprecher bezahlt. Aber Herr Mühlenfeld ist da absolut lern- und kritikfähig, das ist ein großer Vorteil.

Manchmal scheint nicht die Sprache das Problem zu sein, sondern die Sichtweise auf die Dinge. Um noch einmal auf den Brief an den Rechnungshof zurückzukommen. Mühlenfeld schrieb darin: „Weiterhin bitten wir Sie darzulegen, welche Schritte Sie unternommen haben, um aufzuklären, auf welchem Weg der Bericht an den Tagesspiegel übermittelt wurde.“

Das war der Punkt, an dem ich meinen Kopf auf die Tischplatte geschlagen habe.

Haben Sie im Nachhinein mit ihm darüber geredet?

Ich habe mit der Autorin des Briefs geredet. Für solche Fälle müssen wir neue Strukturen und ein politisches Screening einführen, sonst gibt es immer wieder diese Missverständnisse.

Am 3. Juni will der Untersuchungsausschuss des Abgeordnetenhauses seinen Bericht zum BER vorlegen. Werden Sie diesmal einer Veröffentlichung zustimmen?

Solange keine Betriebsgeheimnisse drin stehen. Ich habe kein Interesse daran, unter dem Deckel zu halten, was Platzeck, Wowereit, Schwarz und Mehdorn verbockt haben. Das hatte Mühlenfeld bei dem Brandenburger Bericht auch nicht. Aber es darf nicht mehr der Eindruck entstehen, die FBB sei gegen die Veröffentlichung. Nein, sind wir nicht, es geht nur um Betriebskennzahlen.

Im September stehen die Wahlen zum Abgeordnetenhaus an. Wie gefährlich ist der BER für den Regierenden Bürgermeister und FBB-Aufsichtsratsvorsitzenden Michael Müller?

Ich glaube, dass der Wahlkampf nicht um Entrauchungsanlagen gehen wird.

Aber um die Eröffnung könnte es gehen. Oder um eine weitere Verschiebung.

Ja, aber so ein Szenario wie 2012 wird es nicht geben. Ich glaube, dass viele sehen, dass es auf der BER-Baustelle relativ gut läuft. Im Augenblick sehen wir noch eine Chance für eine Eröffnung in 2017, aber selbst wenn wir 2017 nicht schaffen sollten, wäre die Eröffnung relativ zeitnah. Ich denke, dass die Menschen in Berlin und Brandenburg einen Flughafen wollen, der funktioniert und nicht mit großen Pannen startet, das muss Priorität haben.

Derzeit heißt es, dass der Eröffnungstermin wieder wackelt, wenn nicht gar unmöglich ist, weil eine Behörde Nachbesserungen an der Entrauchungsanlage fordert. Wann wäre der letztmögliche Zeitpunkt, eine nochmalige Verschiebung anzukündigen?

Ich verspreche Ihnen: Wenn ich’s weiß, wisst ihr’s auch. Mein Technikchef hält weiter daran fest, dass es eine Chance gibt, 2017 einzuhalten. Und wenn er das glaubt und mir das auch kommuniziert, dann ist es so. Selbst eine Verschiebung ...

... wäre ungünstig, wenn Michael Müller sich vorher auf 2017 festgelegt hat.

Glauben Sie mir, kein Politiker, kein Flughafendirektor und kein Mensch, der nicht medikamentenabhängig ist, gibt Ihnen feste Garantien für diesen Flughafen. Wir können nur sagen: Wir arbeiten hart, versuchen, Wege zu finden, Probleme zu lösen, und strengen uns an, aber garantieren wird Ihnen da keiner etwas.

Anfang März hat Technikchef Jörg Marks an die Unterstützung der Gesellschaft appelliert: „Wir brauchen einen Aufstand der Anständigen, die dieses Projekt fertig haben wollen.“ Wollen Sie die Beteiligten verstärkt selbst sprechen lassen?

Aufstand der Anständigen finde ich in der heutigen Zeit eine unglückliche Formulierung, ich hatte ihm etwas anderes aufgeschrieben. Aber es ist schon wichtig, dass auch der Technikchef rausgeht, dass auch die Personalchefin mal rausgeht. Und ich möchte, dass die Leute zum Flughafen kommen und sich das anschauen.

Also nicht nur die Journalisten, sondern auch die Öffentlichkeit?

Ja. Ich bin gerade dabei, mit dem Tagesspiegel und dem rbb Lesertouren auf dem BER zu planen. Ich will, dass die Berliner und Brandenburger sich das anschauen. Weil sie ein Recht haben zu sehen, wo ihre Milliarden versenkt worden sind. Wir sind auch wieder auf der ITB und auf der ILA. Der Flughafen muss Präsenz zeigen.

Welche Rolle spielen dabei Social Media?

Die sind total wichtig. Politische Diskussionen gewinnt man nicht mehr nur über Pressespiegel, man gewinnt und verliert sie über Social Media. Das gehe ich jetzt sukzessive an. Ich bin dabei, einen Weg zu finden, wie wir Baufortschritte beim BER über Social Media verkaufen können. Wir müssen auch mit den Assets des Flughafens arbeiten: Berlinale, Alba, Füchse, solche Sachen. Hertha BSC fliegt einmal die Woche von hier weg und kommt zurück. Warum kann nicht einer ein Foto machen, wie die Mannschaft am Sonntag mit drei Punkten zurückkommt? Die Flughafengesellschaft ist nicht nur der BER.

Wie wollen Sie die Kommunikationsabteilung umstrukturieren?

Ich bin ein Freund von flachen Hierarchien. Ich habe zirka 30 Leute bei mir in der Abteilung. Besucherdienst, Event, Presse, Corporate Design, in groben Zügen. Meine Idee wäre, dass man so etwas wie einen Stellen-Pool hat, wo jeder alles machen kann. Das heißt, jemand vom Besucherdienst kann durchaus mal was anderes machen, zum Beispiel Social-Media-Dienst.

Und die Abteilungen sollen bleiben, wie sie sind?

Ich glaube, die Kommunikationsabteilung braucht kein neues Organigramm. Die Arbeitsweise muss sich ändern.

Inwiefern?

Alles, was ich sage, ist keine Kritik an meinem Vorgänger. Ich sage Ihnen nur, welche psychologische Folge das Desaster der abgesagten Eröffnung vom Mai 2012 meiner Meinung nach hatte. Das war so eine Katastrophe für alle Mitarbeiter, dass sie sich komplett in den Atombunker zurückgezogen haben. Identifikation mit der FBB und selbstbewusstes Auftreten der Mitarbeiter nach außen kannst Du im Augenblick abhaken. In der Kommunikationsabteilung lief fast sämtliche Kommunikation über den Leiter, selbst wenn jemand wissen wollte, um wie viel Uhr die Sitzung des Aufsichtsrats beginnt. Da bin ich so ziemlich das Gegenmodell.

Wie wollen Sie es machen?

Die Kommunikationsabteilung sitzt alle zwei Wochen zu sammen, und ich frage nach Ideen. Worauf habt Ihr Bock? Was wollt Ihr anders machen? Lasst uns wieder präsent sein. Eine meiner wichtigsten Aufgaben ist es auch, die Flughafen gesellschaft wieder in die Berliner und Brandenburger Gesellschaft zurückzuführen.

Wenn Sie das geschafft haben und die Eröffnung vorbei ist, hat der Job dann für Sie seinen Reiz verloren?

Weiß ich noch nicht. Meine letzten Jobs habe ich ja immer nur höchstens drei Jahre gemacht.

Nach derzeitigem Plan wären es dann nur zwei Jahre.

Was danach kommt, weiß ich noch nicht, aber bis zur Eröffnung, wann auch immer, werde ich dabei sein.