Detailinformationen

Autor

David Selbach

Freier Autor

verfasst am

05.07.2019

im Heft

07/2019

Schlagworte

Tijen Onaran, Antje Neubauer, Global Digital Women, GDW, Digital Female Leader Award

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Ausgabe 07/2019

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Global Digital Women

"Netzwerken ist Emanzipation"


„Ohne mein Netzwerk wäre ich heute nicht da, wo ich bin“, ist GDW-Gründerin Tijen Onaran (links) überzeugt. Antje Neubauer, Marketingchefin der Deutschen Bahn, meint: „Es gibt starke Führungsfrauen in der Kommunikation. Aber es sind zu wenige.“


Das prmagazin ist Partner des Netzwerks Global Digital Women (GDW), unter anderem beim „Digital Female Leader Award“. Anlass für ein Treffen mit GDW-Gründerin Tijen Onaran und Bahn-Marketingchefin Antje Neubauer, die in der Award-Jury sitzt. Über Geschlechter-Stereotype, Machtspiele und partizipative Führung.


prmagazin: Frau Neubauer, Frau Onaran, Kommunikation gilt als Frauenberuf. Wieso sehen wir nicht mehr Frauen als Agentur- und Kommunikationschefinnen?

Antje Neubauer: Es gibt inzwischen starke Führungsfrauen in der Kommunikation. Aber es sind zu wenige, das stimmt. Ich glaube, es liegt nicht zuletzt an der Arbeit selbst: In der Kommunikation bist Du wahnsinnig geprägt von Ad-hoc-Ereignissen. Du bist darauf angewiesen, in Peer Groups zu sein, Kontakte zu pflegen. Du musst stets erreichbar sein. Das Rad bewegt sich ständig. Das hat alles viel mit Zeit zu tun. Man muss das Zeit-Investment wollen.

Und da können oder wollen Frauen nicht mithalten?


Antje Neubauer: "Auch heute gilt: Wer Familie und Karriere will, braucht jemanden, der ihm den Rücken freihält."


Neubauer: Doch natürlich. Aber für viele Frauen stellt sich die Situation komplexer dar. Karriere bedeutet immer, die extra Meile zu gehen. Je weiter ich aufsteige, desto mehr Verantwortung habe ich. Das ist wunderbar: Viel Verantwortung bringt Gestaltungsspielraum – aber eben auch Druck. Das muss man aushalten wollen. Und da sind Männer oft anders sozialisiert. Ich arbeite mit vielen großartigen, sehr fähigen Frauen zusammen. Aber Frauen übernehmen in unserer Gesellschaft immer noch sehr viel Verantwortung bei Themen wie Kinder oder der Pflege der Eltern. Deshalb ist die Entscheidung pro Karriere für sie schwieriger. Zum Glück verändert sich unsere Gesellschaft bei diesem Thema. 

Sie selbst haben sich für die Karriere entschieden und unter anderem gegen Kinder. Weil es nicht anders ging?

Neubauer: Nein, niemand hat mir gesagt: Karriere oder Kinder. Aber die Akzeptanz für „Working Moms“ war vor 20 Jahren deutlich reduziert. Und immer wenn ich dachte: vielleicht jetzt, dann gab es gleichzeitig ein beruflich spannendes Angebot. Ich hätte nicht ins Ausland gehen können, einen spannenden Job so nicht erleben können. Ich hatte irre Freude an dem, was ich gemacht habe. 

Also haben Sie das Thema Kinder immer wieder verschoben. 

Neubauer: Ich habe keine Kinder, was ich schade finde, was mich aber auch nicht negativ begleitet. Das Timing von gesellschaftlicher Akzeptanz und meinen „persönlichen Familienplänen“ war damals suboptimal. Aber auch heute gilt: Wer Familie und Karriere will, der braucht jemanden, der ihm den Rücken freihält. Partner oder Eltern oder Kinderbetreuung. Sonst verausgabt man sich oder arbeitet nachts, während andere schlafen.

Und warum geben Sie dann jetzt Ihren Job auf?

Neubauer: Ich mag meine Arbeit und meinen Job sehr. Als ich nach meinem Studium Mitte der 1990er Jahre meinen ersten Job suchte, herrschte große Arbeitslosigkeit. Und ich hatte eine Geisteswissenschaft studiert, das machte es nicht leichter. Vielleicht hatte ich Glück oder habe überzeugt, aber ich bekam zügig ein super Angebot in der Kommunikation. Und dann war ich drin, bin gelaufen. Ich kann nicht behaupten, dass ich nur getrieben wurde, ich habe mich auch selbst getrieben. Zeit, um mal nach links oder rechts zu schauen, davon gab es nicht so viel. Dafür bewundere ich die Generation, die jetzt nachkommt und die das einfordert. Meine Generation –  ich bin 1970 geboren – hat das nicht gelernt. 

Und das holen Sie nun nach? 

Neubauer: Jetzt habe ich mich nach 25 Jahren in der Kommunikation entschieden, einen Moment innezuhalten und mir Zeit zu schenken. Ich will losgelöst vom Berufsalltag überlegen, wie ich persönlich meine nächsten 25 oder 50 Jahre gestalten möchte. Das wird sicher ein gutes Stück Arbeit, allerdings wird es definitiv nicht gut bezahlt. Beruflich und privat läuft es für mich sehr gut. Ich halte genau diesen Zeitpunkt für genau passend. Ich habe Kommunikation und Marketing gemacht – nun will ich wissen: Was macht mich als Mensch privat und im Beruf sonst noch aus, wohin könnte ich mich entwickeln?


Tijen Onaran: "Ich bin der Meinung, dass wir momentan Frauennetzwerke brauchen, weil wir damit mehr Aufmerksamkeit erzeugen."


Zurück zur Kommunikation: Wie sieht es in Sachen Führungsfrauen in Agenturen aus?

Onaran: Im Agentur-Business gilt: höher, schneller, weiter. Deshalb sind dort tradierte Strukturen verbreitet. Es geht immer um Performance. Das ist eine männergeprägte, wettbewerbsorientierte Unternehmenskultur. Ich höre von vielen jungen Frauen: Ich war lange in der oder der Agentur, und das Männergetue hat mich genervt. Ich möchte irgendwo arbeiten, wo ich das Gefühl habe, nicht ständig infrage gestellt zu werden.

Agenturen sind Dienstleister. Gehört es da nicht dazu, allzeit bereit zu sein?

Neubauer: Na ja. Das hängt vom Kunden ab und von den Führungskräften. Kommen die aus der alten Welt? Pflegen sie das Prinzip „Law and Order“? Und sagen: Du bist mein Dienstleister, performe gefälligst! Oder wissen sie um die Menschen, die ihnen dann auch etwas wert sind?

Wie schaffen es Frauen, in einem solchen Umfeld erfolgreich zu sein?

Neubauer: Es muss immer eine Phase geben, in der man sich umfangreich engagiert und einbringt. Das kostet Kraft und Zeit. Dann kann man sich aber eine Phase leisten, in der man zum Beispiel ein Jahr raus ist und ein Kind bekommt. Und dann steigt man wieder ein. Das geht heute durchaus, da hat ein deutliches Umdenken stattgefunden. Es gibt deshalb auch mehr und mehr Frauen mit Führungsrolle in Agenturen, die Kinder haben: Babette Kemper von achtung! Mary, Franziska von Lewinski von fischerAppelt, um nur einige Beispiele zu nennen. Diese zwei Frauen sind top, im Job und als Mutter.

Onaran: Ich glaube auch, dass die heutige Welt für Frauen bessere Rahmenbedingungen bietet. Aber man muss sich schon bewusst sein, dass der Leistungsdruck nicht weniger wird – im Gegenteil. In der digitalen Kommunikation steht die Welt nie still. [...]

Dieser Text ist ein Auszug aus einem 8-seitigen Interview in der Juli-Ausgabe des prmagazins. Darin unter anderem: wie Netzwerke Frauen nutzen, wie unterschiedlich Frauen und Männer ans Netzwerken herangehen, warum Feminismus nicht konfrontativ und Macht nicht negativ sein muss.

Die prmagazin-Ausgabe 07/2019 – darin unter anderem:

Netzwerken ist Emanzipation: GDW-Gründerin Tijen Onaran und Bahn-Marketingchefin Antje Neubauer über Machtspiele und Geschlechter-Stereotype.

Dritter Weg: Zwischen One-Stop-Shop und Spezialdienstleister – Matthias Wesselmann skizziert einen Bauplan für die #AgenturderZukunft.

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