Detailinformationen

Autor

Sarah Sommer

Freie Autorin

verfasst am

07.09.2020

im Heft

09/2020

Schlagworte

Tönnies, Fleischindustrie, Covid-19, Corona, André Vielstädte, Krisenkommunikation, Clemens Tönnies

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Ausgabe 09/2020

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Tönnies

"Irgendwann hieß das Virus Clemens"


"Krisen verlaufen nicht nach Plan, und die Corona-Krise schon gar nicht", sagt Tönnies-Kommunikationschef André Vielstädte im Interview mit dem prmagazin.


Der Schlachtkonzern Tönnies schafft es seit dem Covid-Massenausbruch in seinen Fabriken nicht aus den Negativschlagzeilen. Kommunikationschef André Vielstädte spricht im Interview über eine riesige Lust am Skandal, fehlende Kondition in der Dauerkrise, den Wert wissenschaftlicher Fakten für die Kommunikation – und warum ein prominenter Firmenchef Fluch und Segen zugleich ist.


prmagazin: Herr Vielstädte, auf Ihren Presseseiten sieht Mitte August wieder alles weitgehend nach Normalität aus: Neue Azubis werden offiziell in den Werken begrüßt. Sie berichten darüber, wie das Unternehmen einen Mitarbeiter zurückholt, der wegen der Corona-Krise lange im Ausland festgesessen hatte. Bunte, positive Themen. Ist die Unternehmenskrise, die durch den Covid-Massenausbruch im Mai in Tönnies-Fabriken entstanden ist, jetzt überstanden?

André Vielstädte: Nein, denn die Pandemie ist nicht vorbei. Aber wir kommen jetzt in eine medial etwas ruhigere Phase der Aufarbeitung des Ausbruchs bei uns. Wir können und müssen nun erklären, wie wir heute und in Zukunft pandemie-sicherer arbeiten wollen. Und wir müssen manches aufklären, was in der öffentlichen Debatte der vergangenen Wochen und Monate durcheinandergegangen und unsachgemäß vermischt worden ist.

Was ist denn durcheinandergeraten?

Angefangen hat im Mai alles mit einem ganz klassischen, eindimensionalen Krisenereignis: Es gab einen Covid-Ausbruch bei unseren Mitarbeitern. Wir haben sehr eng mit dem behördlichen Krisenstab zusammengearbeitet, weiter getestet, unsere Hygienemaßnahmen überprüft. Dabei haben wir gleichzeitig Transparenz geschaffen, eng mit den kommunalen Stakeholdern zusammengearbeitet, mit Journalisten gesprochen, erklärt, was passiert, innerhalb weniger Tage Infoseiten mit den wichtigsten Fakten auf unserer Webseite erstellt ...

Also Krisenkommunikation nach Lehrbuch, wie sie auf dem Notfallplan steht, den man aus der Schublade ziehen kann?

Die sagenumwobenen Notfallpläne in den Schubladen, so stellt man sich das immer vor, oder? Aber Krisen verlaufen ja nicht nach Plan. Und die Corona-Krise schon gar nicht. Erst mal wurde klar, dass sich der Ausbruch viel schneller und stärker unter den Mitarbeitern verbreitete als gedacht. Dann kam Mitte Juni die Werksschließung an unserem Standort Rheda-Wiedenbrück. Aber viel gravierender als das: kurz darauf der Lockdown in der ganzen Region rund um unser Werk. So etwas hatte es noch nie gegeben. Für so etwas hat kein Lehrbuch einen Plan.

Mehr als 1.400 Tönnies-Mitarbeiter waren infiziert, alle 7.000 Mitarbeiter und ihre Familien in häuslicher Gemeinschaft standen unter Quarantäne. Schulen und Kindergärten in den Kreisen rund um die Fabrik wurden wieder geschlossen, nachdem sie gerade erst wieder geöffnet hatten. Die Wut auf das Unternehmen war groß. Wie haben Sie reagiert?

Ich habe mich im Namen von Clemens Tönnies bei den Familien entschuldigt und gemeinsam mit dem Leiter unseres Krisenstabs erklärt, was vor sich ging. Clemens Tönnies selbst war zu diesem Zeitpunkt noch in der Regeneration nach einem Krankenhausaufenthalt und konnte sich erst später persönlich an die Mitarbeiter und die Menschen in der Region wenden. Wir sind in dieser Zeit im engen Austausch mit den Ansprechpartnern in den Kommunen geblieben und auch mit den Medienvertretern vor Ort. Aber generell haben wir uns in dieser zweiten Phase der Krise, der Analysephase, öffentlich ganz bewusst nur wenig geäußert.

Warum?

Wir mussten mehr Wissen erlangen. Wir hatten uns an die Hygieneregeln gehalten, dennoch waren die Infektionszahlen so rasant gestiegen. In einer Krise muss man wissen, wann man schweigen und wann man reden muss. Wir wollten erst mal schweigen. Ruhe reinbringen. Nicht spekulieren über die Ursachen, sondern Fakten schaffen. Die Wissenschaftler und Gutachter ihre Arbeit machen lassen. Und dann auf Basis dieser Fakten weiter handeln und Position beziehen, auch kommunikativ.

Dieser Plan ging allerdings nicht auf – denn es blieb keineswegs ruhig. Ein im Juni veröffentlichtes Handy-Video eines Tönnies-Mitarbeiters aus einer firmeneigenen Kantine zeigte vermeintlich, dass im April die vorgeschriebenen Corona-Hygienemaßnahmen im Unternehmen nicht eingehalten worden waren. Das führte zu öffentlicher Empörung. Die Staatsanwaltschaft begann, wegen solcher Verstöße gegen das Unternehmen zu ermitteln.

Stimmt, da mussten wir natürlich reagieren. Wir konnten zeigen, dass das Video aus dem März stammte und nicht wie behauptet aus dem April.

Zunächst hatten Sie allerdings dem SWR bestätigt, dass das Video tatsächlich im April aufgenommen worden sei. Später nahmen Sie diese Aussage wieder zurück und sagten, das Video sei doch schon seit Ende März im Unternehmen bekannt gewesen. Was war da los?

Wie ich dann auch in einem Statement klar gesagt habe: Das war eine Kommunikationspanne. Und die Sache mit dem Video steht exemplarisch dafür, was in dieser Phase der Krise los war: Es gab ein Rieseninteresse an allem, was mit Tönnies und den Corona-Fällen zusammenhing, eine riesige Lust am Skandal. Man wollte unbedingt Schuldige finden für das, was da im Land los war.

Die Kommunikationspanne mit dem Video sorgte in dieser Lage für große Verwirrung. Wie konnte es überhaupt dazu kommen?

[...]

Dieser Text ist ein Auszug. Lesen Sie in der September-Ausgabe des prmagazins auf 8 Seiten, wie es zu der Kommunikationspanne mit dem Video kam, wieso externe Hilfe in der Krise gut gewählt sein will, warum die Prominenz von Firmenchef Clemens Tönnies in der Krise ein Nachteil war, wie Unternehmensgegner die Krise angeblich für ihre Zwecke genutzt haben, warum Tönnies ab Juli zur "kontrollierten Offensive" überging und wie Vielstädte den Lernprozess aus der Corona-Krise nutzen will.

Die prmagazin-Ausgabe 09/2020 – darin unter anderem:

Der Techniker:
Kurz vor der Corona-Krise hat Martin Kunz den Umbau der ADAC-Kommunikation abgeschlossen – gerade noch rechtzeitig.

Tönnies: André Vielstädte über eine riesige Lust am Skandal, Konditionsprobleme in der Dauerkrise und die Prominenz seines Chefs.

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