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Autor

David Selbach

Freier Autor

verfasst am

09.07.2018

im Heft

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Litigation-PR

"Einen Nerv getroffen"


Viele Richter und Staatsanwälte beobachten, dass Medienberichte Zeugen, Angeklagte und das Publikum im Gerichtssaal beeinflussen, haben Martin Wohlrabe (rechts) und Hans Mathias Kepplinger in ihrer neu aufgelegten Studie herausgefunden.


Die Litigation-PR-Agentur Consilium und die Universität Mainz haben eine einflussreiche Studie zur Wirkung von Medienberichten auf Richter und Staatsanwälte neu aufgelegt. Consilium-Chef Martin Wohlrabe und Studienautor Hans Mathias Kepplinger über eingeschüchterte Zeugen und Angeklagte, die Angst der Juristen vor Reputationsverlust, den Einfluss medialer Kritik auf die Härte von Gerichtsurteilen – und warum jetzt die Politik gefordert ist.


prmagazin: Die Studie zum Medieneinfluss auf Richter und Staatsanwälte von 2008 ist so etwas wie der Goldstandard der Litigation-PR, sie wird rauf und runter zitiert. Warum die Neuauflage?

Martin Wohlrabe: Was Professor Kepplinger vor gut zehn Jahren erschaffen hat, ist tatsächlich die Mutter aller Studien für unsere Branche. Genau deshalb war es an der Zeit, sie zu aktualisieren. Wir hangeln uns immer noch an Zahlen entlang, die mittlerweile – vor allem mit Blick auf den Medienwandel – nicht mehr aktuell sind.

Leute wie Thomas Middelhoff nehmen die Ergebnisse von 2008 weiter als Beleg dafür, dass sie ungerecht behandelt werden – das hat er im Interview mit der Zeitschrift Bilanz im Herbst angedeutet.

Wohlrabe (lacht): Ganz richtig. Als ich das Interview in die Hände bekam, habe ich mich bestätigt gefühlt, dass wir mit der Neuauflage auf einem guten Weg sind.

Herr Professor Kepplinger, wie sind Sie die neue Studie angegangen?

Hans Mathias Kepplinger: Wir haben zusammen mit Pablo Jost, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Publizistik der Uni Mainz, Fragen zu sozialen Medien und Online-Kommentaren in den Fragebogen aufgenommen. Und wir haben einige Fragen präziser gefasst. 2008 hatten wir ganz allgemein gefragt: Welchen Einfluss besitzen kritische Medienberichte auf Strafprozesse? Diesmal haben wir die Richter und die Staatsanwälte gefragt: Welchen Einfluss haben Sie bei Prozessen wahrgenommen, bei denen Sie selbst tätig waren? Statt allgemeiner Vermutungen fragen wir nun also nach konkreten Beobachtungen.

Haben sich die Ergebnisse verändert?

Kepplinger: Einerseits konnten wir auch diesmal wieder zeigen, dass Richter und Staatsanwälte sich durch ihre eigene emotionale Betroffenheit von Medienkritik beeinflussen lassen, das gilt auch für Kritik aus neuen Medien. Wir haben die Studie auch methodisch weiterentwickelt und können nun zeigen, dass es womöglich einen weiteren Mechanismus gibt, über den Medien auf Richter und Staatsanwälte wirken.

Wie sieht dieser neue Mechanismus aus?

Kepplinger: Vergleichsweise wenige Richter und Staatsanwälte nehmen einen Einfluss von Medien auf die Experten im Gerichtsverfahren wahr, sich selbst eingeschlossen. Aber sehr viele beobachten, dass Medienberichte juristische Laien wie Zeugen, Angeklagte und das Publikum im Gerichtssaal beeinflussen. Das hatten wir schon in der 2008er-Befragung gesehen. Also haben wir diesmal gefragt, ob sich dadurch die Urteilsgrundlage ändert.

Und?

Kepplinger: Unsere Daten zeigen, dass dies vermutlich zutrifft. Über 20 Prozent der Richter und mehr als 30 Prozent der Staatsanwälte äußerten, dass Medien zumindest gelegentlich „einen Einfluss auf das Urteil hatten, weil sie das Verhalten von Opfern, Tätern oder Zeugen veränderten“. Sie hatten vor allem beobachtet, dass Zeugen „von Medienberichten eingeschüchtert wurden“. Wenn das geschieht, können Richter und Staatsanwälte ein verzerrtes Bild von der Wirklichkeit erhalten. Damit wird die Verfahrensmäßigkeit des Strafverfahrens infrage gestellt, das ja inneren Regeln folgen soll und nicht äußeren Einflüssen.

Können Sie dafür Beispiele nennen?

Kepplinger: Ein spektakuläres ist der Kachelmann-Prozess. Wenn eine Frau durch eine Aussage in den Verdacht gerät, sie hätte ebenfalls eine Nähe zu Kachelmann gehabt, dann wird sie bestimmte Dinge bei einem derartigen Medienrummel vermutlich eher nicht sagen, um nicht in den Strudel hineingezogen zu werden. Plötzlich schweigen die Leute also, weil sie Angst haben, dass sie in den Medien unter Druck geraten.

Haben sich solche Mechanismen verstärkt, weil Hasskommentare und Shitstorms in sozialen Medien dazugekommen sind?

Kepplinger: In einer Befragung von Journalisten konnten wir zeigen, dass Shitstorm-Opfer heftiger auf Kritik reagieren als Menschen, die nur in klassischen Medien kritisiert worden sind. Allerdings ist der Unterschied klein. Vermutlich ist ein anderer Zusammenhang wichtiger: Jeder, der öffentlich angegriffen wird, muss damit rechnen, dass seine Kollegen, Freunde und Verwandte diese Angriffe mitbekommen. Er muss damit leben, dass andere ihn im Verdacht haben – und dass er sich nicht richtig gegen diesen Verdacht wehren kann. Deshalb auch bei fast jedem zweiten Richter und Staatsanwalt ein Gefühl der Hilflosigkeit.

Auch Richter und Staatsanwälte sind also um ihre Reputation besorgt?

Kepplinger: Genau. Die Stärke der emotionalen Reaktion hängt weniger von der Massivität der Angriffe ab als vielmehr von der Gewissheit, dass auch entfernte Bekannte das mitkriegen: Man ist in der Defensive. Je stärker der eigene Ruf leidet, desto schwieriger. Richter und Staatsanwälte orientieren sich dabei – wie alle Berufstätigen – vor allem an ihren Peers, also an anderen Juristen.

Dieser Text ist ein Auszug. Das komplette Interview mit Martin Wohlrabe und Hans Mathias Kepplinger lesen Sie in der Juli-Ausgabe des prmagazins.


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