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Autor

David Selbach

Freier Autor

verfasst am

06.08.2018

im Heft

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Politische Kommunikation

"Merkel müsste sich neu erfinden"


Angela Merkel kommuniziert deutlich zu wenig, kritisierte Michael Inacker im Juli in einer Umfrage des manager magazins. Anlass war der Seehofer-Putsch.


Die politische Kommunikation in Deutschland erreicht die Bürger nicht mehr und verfehlt ihre Ziele, meint Michael Inacker, Mitinhaber und CEO von WMP Eurocom. Ein Umdenken fordert er auch von Deutschlands Unternehmenslenkern und Journalisten: Sie sollten die Interessen der Menschen wieder stärker in den Blick nehmen und ein Gefühl für gesellschaftliche Verantwortung und die Dialogfähigkeit von Unternehmen entwickeln.


prmagazin: Herr Inacker, Sie haben Bundeskanzlerin Angela Merkel unlängst im manager magazin empfohlen, ihre Kommunikationsstrategie radikal zu ändern. WMP ist bekannt dafür, keine Kundennamen zu nennen. Die Bundesregie- rung zählt also nicht zu Ihren Kunden?

Michael Inacker: Richtig, wir haben im manager magazin auch darauf hingewiesen, dass wir keine parteipolitische Beratung machen. Natürlich werde ich immer mal wieder um Rat gefragt von einzelnen Abgeordneten oder Ministern, Staatsekretären oder so. Aber das sind keine Mandatsverhältnisse.

Anlass der manager-magazin-Umfrage war der Seehofer-Putsch. Der ist jetzt erst mal vom Tisch, und es herrscht eine Art Burgfrieden in der Regierung. Ändert das etwas an Ihren Empfehlungen?

Nein. Ich glaube, es ist ein grundsätzliches Defizit dieser Regierung, dass Frau Merkel deutlich zu wenig kommuniziert, seit sie den Zenit ihrer Amtszeit überschritten hat.

Was denken Sie, wie es dazu kam?

Das war ein schleichender Prozess. Merkel ist mehrfach vom Time Magazine zur Frau des Jahres gekürt worden, sie gilt als eine der einflussreichsten und erfolgreichsten Politikerinnen des Westens überhaupt. Irgendwann wirken die Macht und zu viele falsche Unterstützer wie ein schleichendes Gift, man isoliert sich.


Michael Inacker: "Trump hat es geschafft, eine Medienöffentlichkeit jenseits
der klassischen Medien herzustellen."



Im manager magazin haben Sie beklagt, dass Merkel nur noch wenige „journalistische Lieblinge“ bediene. Wen meinen Sie damit?

Zeit und stern zum Beispiel. Sie hat ihre Kommunikation stark auf Mitte/Links-Medien abgestellt. Damit konnte sie eine Zeitlang im Revier anderer Parteien wildern. Aber man sieht inzwischen den hohen Preis, den sie dafür bezahlt: Sie bekommt nämlich den medialen Applaus oft von der – aus Sicht ihrer Anhänger – falschen Seite.

Sie haben Merkel empfohlen, mehr auf soziale Medien zu setzen. Soll sie twittern – so wie Trump? 

Merkel hat zunehmend Schwierigkeiten, ihre Botschaften über die klassischen medialen Kanäle verständlich zu machen, weil sie inzwischen umringt ist von Medien, die nicht mehr so klar ihrer Linie folgen. Was man Trump als Kommunikator zugutehalten muss – unabhängig davon, ob er Fake News verbreitet oder nicht: Er hat es geschafft, eine Medienöffentlichkeit jenseits der klassischen Medien herzustellen.

Ist das vergleichbar? In Deutschland ist Twitter keine Plattform für die breite Bevölkerung. 

Natürlich ist Twitter hierzulande ein Entscheidermedium, mehr als andere Social-Media-Kanäle. Aber auf der Plattform wird auch viel Meinung gebildet, da sie auch von zahlreichen Journalisten und einer Art politischer Influencer genutzt wird.

Sie haben Merkel im manager magazin geraten, ihre inoffizielle Sprecherin Eva Christiansen stärker einzusetzen. Wie könnte das aussehen?

Viele Journalisten gehen zu Eva Christiansen, wenn sie wirklich mal etwas wissen wollen. Erstens ist solch eine Konkurrenz zum Regierungssprecher auf Dauer ungesund für eine Kanzlerschaft – denn damit bekommt die Autorität des Regierungssprechers Risse. Zweitens hat Christiansen durchaus das Zeug zur Regierungssprecherin. Und Merkel ist jetzt an einem Punkt, wo sie eines neuen, frischen Gesichts in der Öffentlichkeit bedarf. 

Der Spiegel hat kürzlich in einer Titelgeschichte Parallelen gezogen zwischen der Regierung Merkel, der Wirtschaft nach dem Dieselskandal und dem frühzeitigen Aus der DFB-Elf bei der Fußball-WM. Deutschland, so die These, sei es lange zu gut gegangen. Man fühle sich unangreifbar und sei jetzt „ausgezehrt, erschöpft, müde und nicht bereit, lieb gewonnene Gewohnheiten in Frage zu stellen“. Teilen Sie diese Einschätzung?

Ja, auf jeden Fall. Ich fand diese Titelgeschichte gut, obwohl sie sehr heftige Kritik ausgelöst hat. Damit stelle ich keineswegs die Substanz des Landes in Frage. Die Substanz unseres Landes ist nach wie vor gut. Es geht um die Kultur, um die Art und Weise, wie deutsche Führungskräfte Politik und Wirtschaft steuern – und die Augen vor der Wirklichkeit nicht verschließen, sondern öffnen.

Wissen die politischen und wirtschaftlichen Eliten nicht mehr, was richtig ist und wie sie die Bürger kommunikativ erreichen?

Es gibt jedenfalls wirtschaftliche und gesellschaftliche Umbruchprozesse, die übersehen oder nicht richtig eingeschätzt werden. Zum Beispiel die Generation Y: Über deren Bedürfnisse wird zwar rauf und runter diskutiert, aber ich habe noch keinen Unternehmenslenker des alten Schlags gefunden, der es ernsthaft versteht, wenn ein heute 25- bis 30-Jähriger lieber keine Gehaltserhöhung, sondern weniger arbeiten will. Und dann habe ich manchmal das Gefühl, die Debatten über Fake News und die AfD gehen völlig am Kern vorbei. Der lautet aus meiner Sicht: Ein großer Teil der Bevölkerung hat Angst vor Veränderungen, und deshalb müssen die Bürger von den Verantwortungseliten dort abgeholt und an die Hand genommen werden. Stattdessen werden sie belehrt und ihre Ängste nicht ernst genug genommen. [...]

Dieser Text ist ein Auszug. Lesen Sie in der August-Ausgabe des prmagazins, warum die Medien aus Michael Inackers Sicht eine Mitschuld an der Entfremdung von Politik und Bevölkerung tragen, wieso die WMP-Mandanten die Politik nicht mehr verstehen und was deutsche Politiker von Donald Trump lernen können.


Die August-Ausgabe 2018 ist da. Darin unter anderem:

Ignoranz der Macht: Kanzlerin Merkel hat sich isoliert und müsste sich neu erfinden, sagt WMP-Chef Michael Inacker im Interview.

Es lebe die Lehmschicht: Wie Führungskräftekommunikation in disruptiven Zeiten gelingt, zeigen speziell die großen Familienunternehmen.

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