Detailinformationen

Autor

David Selbach

Freier Autor

verfasst am

03.04.2020

im Heft

04/2020

Schlagworte

Holger Wormer, TU Dortmund, Journalismus, Wissenschaftsjournalismus, Kommunikation, Corona-Krise, Covid-19

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Ausgabe 04/2020

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Corona-Krise

"Wie ein Flugzeug, das nicht landen kann"


Medien könnten politische Entscheidungen in der Corona-Krise stärker hinterfragen, meint Holger Wormer, Lehrstuhlinhaber für Wissenschaftsjournalismus an der Technischen Universität Dortmund.


Holger Wormer, Leiter des Lehrstuhls für Wissenschaftsjournalismus an der TU Dortmund, beschäftigt sich intensiv mit der Corona-Krise und ihren Auswirkungen auf Medien und Kommunikation. Im Videointerview mit dem prmagazin erklärt er, warum deutsche Journalisten seiner Meinung nach zu „brav“ berichten. Und wieso die Stimmung in der Bevölkerung unweigerlich kippen wird.

prmagazin: Herr Wormer, erwische ich Sie in der Uni oder im Homeoffice?

Holger Wormer: Ich bin im Homeoffice, wobei es auch in diesen Zeiten offenbar nach wie vor die Notwendigkeit gibt, irgendwo auf Papier mit blauer Tinte zu unterzeichnen. In solchen Fällen fahre ich ans Institut, wo man aber sehr sicher ist, weil außer mir und noch einer Handvoll von Versprengten niemand anzutreffen ist. 

Haben Sie Angst vor einer Infektion? 

Da bin ich vergleichsweise entspannt, was vielleicht auch daran liegt, dass wir bestimmte Selbstverständlichkeiten, die jetzt plötzlich als neue Erkenntnis kommuniziert werden mussten, in der Familie ohnehin einhalten. Dass es eine gute Idee ist, sich gründlich die Hände zu waschen, wenn man von draußen reinkommt, habe ich meinen Kindern, die heute fast 11 und 13 sind, von klein auf beigebracht. Ich selbst bin mit etwas über 50 auch in einem Lebensalter, in dem ich sagen würde: Es kann immer irgendwas passieren. Eine regelmäßige Autofahrt von Dortmund in meine alte Heimat München setzt mich rein statistisch vielleicht einem höheren individuellen Risiko aus als das Coronavirus.

Wie viele Interviews haben Sie in den vergangenen Wochen zu dem Thema gegeben?

Vielleicht ein halbes Dutzend. Sonst sind es deutlich weniger. Wir beschäftigen uns mit Journalismus und Kommunikation in Wissenschaft und Medizin. Das sind normalerweise für die meisten Redaktionen eher exotische Themen. 

Machen die deutschen Medien einen guten Job in Sachen Corona-Berichterstattung? 

Im Großen und Ganzen ja. Das Thema ist wirklich komplex. Man muss etwas von Medizin verstehen, dieses Wissen gut vermitteln und erklären können und außerdem eine kritische Recherche wie andere Ressorts hinkriegen. Wir brauchen also hochqualifizierte Leute, die auch mal ein halbes Dutzend Originalstudien lesen und die Zahlen zu Tests und Todesfällen interpretieren können. Die Aufgabe eines guten Wissenschafts- und Medizinjournalisten besteht nicht nur darin zu verstehen, was ein Virologe sagt, sondern es auch einzuordnen. Was sagen andere Wissenschaften dazu? Was bedeutet das, was da jetzt empfohlen wird – aus psychologischer, soziologischer oder ökonomischer Perspektive?


Holger Wormer im Videointerview mit dem prmagazin.


Aktuell hängt die Republik vor allem an den Lippen der Kanzlerin, wartet bang auf die Updates des Robert Koch-Instituts und die Einschätzungen des Virologen Christian Drosten von der Charité … Kritisch einordnen sieht anders aus, oder? 

Da haben Sie leider ein Stück weit recht, jedenfalls was die reinen Nachrichten angeht. Da befinden wir uns im Verlautbarungsmodus. Es wird in vielen Fällen zu wenig eingeordnet. In den Interviews, die ich gegeben habe, war anfangs die häufigste Frage, ob die Medien nicht übertreiben. Meine Antwort: Nein, im Gegenteil, die Berichterstattung war fast ein bisschen zu brav. Man könnte durchaus hinterfragen, welche Maßnahmen zur Bekämpfung des Virus wirklich medizinisch begründet sind und welche nicht. Wie gut die Evidenzlage für bestimmte politische Entscheidungen ist. Für viele Maßnahmen wissen wir es nämlich ehrlicherweise nicht. Und dann muss man auch hinterfragen, wie stark bestimmte Entscheidungen politisch motiviert sein könnten. 

Es gibt erste kritische Stimmen. In der Tageszeitung Die Welt hat der Ökonom Thomas Straubhaar Mitte März die Frage gestellt, wie lange wir uns der scheinbar alternativlosen Strategie beugen sollen, alles dichtzumachen. Eine Woche später legte das Handelsblatt nach. Der Finanzmanager Alexander Dibelius fragte im Interview, ob es richtig ist, für den Schutz von zehn Prozent Risikopatienten die anderen 90 Prozent einzusperren. 

Ich finde es gut, dass es diese Stimmen gibt. Als die Schulschließungen angeordnet wurden, war mein erster Gedanke – und das ist wirklich rein wissenschaftlich betrachtet: Wenn das jetzt die richtige Maßnahme ist, was sind dann eigentlich die Voraussetzungen, unter denen ich eine Wiedereröffnung der Schulen rational begründen kann? Davon sind wir weit weg. Es ist ein bisschen wie bei einem Flugzeug, das man starten lässt, aber noch nicht weiß, wie man es jemals wieder landen kann. Das heißt nicht, dass ich die bisherigen Sicherheitsmaßnahmen für falsch halte – da bin ich nicht der richtige Experte. Aber ebenso wie die Politik müssen es auch Virologen aushalten, dass man ihre Empfehlungen hinterfragt und andere Fachleute ihre fachlichen Perspektiven einbringen. 

Die Reaktion auf Einlassungen wie die von Straubhaar und Dibelius ist im Moment vor allem harsche Kritik. 

Natürlich sind solche Fragen unbequem, sie entsprechen nicht dem Mainstream. Wer so etwas äußert, muss sich schnell in die Ecke stellen lassen, ein hemdsärmeliger Sozialdarwinist zu sein. Eine Frage muss man aber auf jeden Fall stellen: Ist die ganze Debatte zu stark fokussiert auf Medizin, Virologie und Epidemiologie? Alles, was wir jetzt tun, hat Nebenwirkungen. Natürlich müssen wir schnell handeln und Leben retten. Dennoch stimmt auch die Feststellung: Wenn wir die Wirtschaft zu lange runterfahren, kann auch das gravierende Folgen haben: Armut, Hunger und im Extremfall mehr Todesfälle an anderer Stelle. Daher sind auch andere Wissenschaften gefragt: Psychologen, Sozialwissenschaftler, Kommunikationsexperten, Ökonomen und so weiter. Der Journalismus muss mit dafür sorgen, dass solche Fragen gestellt werden, obwohl sie unpopulär sind – und verschiedene qualifizierte Experten zu Wort kommen lassen. 

Wird nicht zwangsläufig irgendwann der Punkt kommen, an dem die Stimmung in der Bevölkerung kippt? 

Wahrscheinlich. Wir erwarten von den Leuten, dass sie vielleicht über Monate wie bei einer Dressur genau das machen, was sich ein Mediziner wünscht oder ein Politiker anordnet. Aber es wird unweigerlich der Punkt kommen, an dem man diese Disziplin nicht mehr in der Breite erwarten kann. [...]

Dieser Text ist ein Auszug aus einem 8-seitigen Interview in der April-Ausgabe des prmagazins. Lesen Sie darin, wie die Bevölkerung aus Sicht von Holger Wormer auf die drakonischen Maßnahmen reagieren wird, was die Krise für die klassischen Medien und den Wissenschaftsjournalismus bedeutet, warum das aktuelle Vertrauen in die Wissenschaft womöglich nicht von Dauer ist und wie Unternehmen und Politik in der Krise kommunizieren sollten.


Die prmagazin-Ausgabe 04/2020 – darin unter anderem:

"Wie ein Flugzeug, das nicht landen kann": Holger Wormer von der TU Dortmund über Medien und Kommunikation in der Corona-Krise.

Bilanzpressekonferenzen 2020: Ab März verlegten Unternehmen ihre Jahres-PKs reihenweise ins Netz. Eine Blaupause für die Zeit nach der Krise?

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