Serie: Seitenwechsler
„Umfassende Entschleunigung“
Oliver Santen war Redakteur der Bild-Zeitung, arbeitete für die Welt am Sonntag in Berlin, dann ging er zum Versicherer Allianz. Und schließlich – nach einem weiteren Zwischenspiel als Wirtschaftschef der Bild – zum Elektrotechnikmulti Siemens. Seit Juli 2011 leitet er dort die globale Presseabteilung. Im Gespräch mit dem prmagazin berichtet er, warum er keinen Kulturschock erlebte. Wie sich sein Arbeitstakt verändert hat. Und wie man ein Weltunternehmen auswendig lernt.
prmagazin: Herr Santen, der Siemens-Konzern ist berüchtigt für seine Abkürzungen. Auf Ihrer Visitenkarte steht „CC M“. Vergessen Sie noch manchmal, was das heißt?
Santen (lacht): Ja, unter den Abkürzungen leide ich immer noch ein bisschen. Ich glaube, ich habe bislang nur einen Bruchteil davon verstanden. Im Ernst: Die Abkürzungen bieten eine wichtige Orientierung, um sich in der weiten Siemens-Welt zurechtzufinden. CC M heißt übrigens „Corporate Communications Media“.
Haben Sie sich zwischendurch mal gefragt, ob Sie als Journalist für den Job geeignet sind?
Da ich ja schon mal einen Wechsel auf die Konzernseite gemacht habe, wusste ich, was mich erwartet. Natürlich stellt man sich die Fragen: Passe ich zu dem Unternehmen, passt es zu mir, kann ich mir vorstellen, dort zu arbeiten? Aber generell haben Sie recht: Im Grunde ist man als Journalist nicht wirklich darauf vorbereitet.
Wieso nicht?
Man denkt zum Beispiel, ein Pressesprecher telefoniert die meiste Zeit mit Journalisten. Mein Alltag wird bestimmt von Besprechungen, Austausch mit unterschiedlichen Abteilungen und internen Abstimmungsprozessen. Und neben all dem gehört aber auch der Kontakt zu Journalisten dazu.
Das kann ich mir vorstellen. Manchmal erwischt man als Journalist ja eine dieser Mails, die im Konzern durch 20 Hände gegangen sind ...
Bei meinem ersten Seitenwechsel von Bild zur Allianz war das völlig neu für mich. Es ist einfach enorm, an wen man plötzlich alles denken muss. Vom Begriff „Stakeholder“ hatte ich vorher noch nichts gehört, das änderte sich dann ziemlich schnell. Nehmen Sie als Beispiel ein Vorstandsinterview. Da muss man sich fragen: Steht etwas Neues drin, das zuerst die Mitarbeiter und dann auch Kunden und Kapitalmärkte erfahren sollten? Statt einen Artikel bis zum Redaktionsschluss fertigzukriegen, muss man im Konzern aufpassen, dass man niemanden vergisst und die richtigen Leute in Entscheidungen und Freigaben einbezieht.
Hand aufs Herz. Nervt es Sie nicht, wenn sich diese gewaltigen Strukturen und Hierarchien ständig mit sich selbst beschäftigen?
In großen Organisationen sind Strukturen und Prozesse nun einmal wichtig. Sonst bekommt man einen internationalen Konzern nicht in den Griff. Das mag auf den ersten Blick manchmal wie Nabelschau wirken, ist aber nötig. Da lerne auch ich noch jeden Tag dazu. Andererseits habe ich in einem großen Unternehmen die Chance, bei wichtigen Entscheidungen und Plänen an vorderster Front mit dabei zu sein.
Was denn zum Beispiel?
Über Siemens werden Sie mir da jetzt nichts entlocken. Aber ich werde nie vergessen, wie ich in meiner Zeit als Allianz- Sprecher durch den Berliner Lustgarten nach Hause ging und plötzlich mein Chef Emilio Galli-Zugaro auf dem Handy anrief. Am nächsten Tag, einem Samstag, sollte ich um 12 Uhr in München sein. Dort erfuhr ich dann – fünf Tage vor allen anderen – dass die Allianz die Dresdner Bank übernimmt und ich zum Team dazugehörte, das die Kommunikation vorbereitete. Das war für einen Ex-Journalisten extrem spannend und lehrreich. Generell steckt man allerdings im Unternehmen nicht mehr permanent im allgemeinen Nachrichtenfluss. Früher hing ich zehn Stunden am Tag am Ticker, wusste über das ganze Weltgeschehen Bescheid. Im Konzern gibt es einen eigenen Nachrichtenkosmos.
Haben Sie Ihren neuen Chef eigentlich gefragt, ob Sie ein Interview mit uns machen dürfen?
Natürlich spreche ich mit ihm auch über dieses Interview.
Wie sahen Ihre ersten Tage bei Siemens aus?
So ähnlich wie damals bei der Allianz. Ich habe unzählige Gespräche geführt, neue Kollegen und Mitarbeiter kennengelernt und vor allem zugehört. Mir war es ganz wichtig, Strukturen, Abläufe und die wichtigsten Themen schnell zu verstehen, aber auch: Wie ticken das Unternehmen und die Pressestelle? Man lernt die Organisation ein Stück weit auswendig. Diese Einarbeitungsphase dauert bestimmt ein paar Monate. Die berühmten 100 Tage Schonfrist hat man aber trotzdem nicht.
Konzerne gelten nicht gerade als dynamische Kreativunternehmen. Geht es steifer zu als in einer Redaktion?
Das kann ich so nicht bestätigen. Eine Pressestelle ist ja auch innerhalb eines Konzerns etwas Besonderes. Sie ist eher Treiber von Themen und nicht Verhinderer. Sobald die Pressestelle sich in ein Projekt einschaltet, wird alles beschleunigt, denn plötzlich gibt es eine Deadline.
Kein Kulturschock?
Nein, weil es einfach ein anderer Job ist! Ich werde jetzt ständig gefragt, was die größten Veränderungen sind. Wenn man aus einer Tageszeitungsredaktion kommt, ist die Entschleunigung natürlich ziemlich umfassend. In der Redaktion steht man täglich unter heftigem Zeitdruck, ist dafür aber jeden Abend fertig. Im Unternehmen arbeitet man dagegen an unzähligen Projekten mit unterschiedlichen Laufzeiten, die alle parallel laufen. Da entwickelt sich ein anderer Arbeitstakt.
Wer hat Ihnen gezeigt, wie das geht?
Als Grundausstattung bringt ein Journalist seine Erfahrung mit Pressestellen mit. Viel habe ich dann im Tagesgeschäft gelernt, also im Job. Und beim Handwerkszeug habe ich mir eine Menge von Emilio Galli-Zugaro abgeschaut. Das war eine gute Schule.
Das ganze Porträt von Oliver Santen lesen Sie in der November-Ausgabe des prmagazins.



