Detailinformationen

Autor

Wolf-Dieter Rühl

Geschäftsführender Redakteur

im Heft

7/2012

Flughafen Berlin-Brandenburg

„Wir können die Realität nicht aufheben“

Die Verschiebung des Eröffnungstermins für den Flughafen Berlin-Brandenburg sorgte für ein gewaltiges Medienecho. Pressesprecher Ralf Kunkel über die Grenzen der Krisenkommunikation.

Ralf Kunkel: „Es ist ein bisschen wohlfeil, uns Sprecher zu kritisieren."

prmagazin: Herr Kunkel, wann haben Sie erfahren, dass der ursprünglich auf Anfang Juni angesetzte Termin für die Eröffnung des Flughafens nicht zu halten ist?
Kunkel: Am Freitag, dem 4. Mai, hat mich mein Chef mit einem Tonfall zu sich gerufen, der schon nichts Gutes ahnen ließ, und mich über die massiven Probleme beim Brandschutz informiert. Übers Wochenende gab es dann viele Krisentreffen mit den beteiligten Baufirmen und Ingenieuren. Am Montagabend war klar: Der Eröffnungstermin ist nicht zu halten. Daher haben wir abends die Spitzen der Gesellschafter und am Dienstagmorgen die Regierungen Berlins und Brandenburgs informiert, die ohnehin eine gemeinsame Kabinettssitzung hatten, und anschließend zur Pressekonferenz eingeladen. Dabei haben wir alle Medien zeitgleich informiert.

Gab es einen Krisenkommunikationsplan?
Wir verfügen natürlich über Krisenpläne. Für Notfälle wie Flugzeugabstürze oder Ähnliches haben wir ein streng vorgeschriebenes Prozedere mit verbindlichen Checklisten. Bei Krisenthemen wissen Sie, mit wem Sie zu reden haben, aber ein so komplexes Szenario wie die Verschiebung des Eröffnungstermins ist im Vorhinein nicht abbildbar.

Wie viele Anfragen sind auf Sie eingestürzt?
Nach Verkündung der Entscheidung am 8. Mai sind täglich hunderte Anrufe und Mails eingegangen, teils mit detaillierten Fragelisten. Alle Anfragen zu bedienen, war für uns zwei Pressesprecher rein physisch nicht möglich. Also haben wir uns auf die Agenturjournalisten konzentriert und die Kollegen, mit denen wir in der Vergangenheit einen konstruktiven Austausch etabliert hatten. Wir haben auch darauf verzichtet, einen Katalog mit den wichtigsten Fragen und Antworten auf die Homepage zu stellen. Dazu war die Situation viel zu dynamisch und wegen der politischen Implikationen mitunter auch unübersichtlich. Es gab einen regelrechten Handel mit internen Papieren, die von unterschiedlichen Beteiligten durchgestochen wurden. Daran haben wir uns aber nicht beteiligt.

Haben Sie sich für die Krisenkommunikation eine PR-Agentur an Bord geholt?
Ja, für Krisenfälle haben wir eine Agentur, die uns als verlängerte Werkbank dient, eine genauere Medienbeobachtung liefert und als Sparringspartner einspringt. Ich kann jedem Kollegen nur dazu raten, sich kompetente Profis mit einem unverfälschten Blick von außen ins Team zu holen.

Die Flughafengesellschaft wurde in einigen Medien explizit wegen ihrer Kommunikation kritisiert.
Es ist ein bisschen wohlfeil, uns Pressesprecher zu kritisieren, weil wir nicht auf jede Medienanfrage reagieren konnten. Solche Urteile basieren oft auf Unkenntnis. Manche Journalisten erwarten auch in solch einer Ausnahmesituation, innerhalb von 30 Minuten zurückgerufen zu werden und eine Exklusivgeschichte serviert zu bekommen. Generell ist es inzwischen in Mode gekommen, jegliche Probleme als Kommunikationsprobleme zu thematisieren. Die Funktion Kommunikation ist aber nicht für jedes Problem in einem Unternehmen verantwortlich, sondern an das Faktische gebunden. Wir können zwar die Realität durch Kommunikation mitgestalten, aber nicht aufheben.

In den Monaten vor Verschiebung des Eröffnungstermins haben Sie intensiv über die Bauarbeiten informiert und damit Erwartungen geschürt. War das im Rückblick sogar zu viel der Prozesskommunikation?
Nein, die öffentliche Aufmerksamkeit ist sehr groß, weil der Flughafen das wichtigste Bauprojekt in der deutschen Hauptstadt ist. Es stimmt, dass wir in der Vergangenheit intensiv kommuniziert haben. Sie müssen aber ein aktives Erwartungsmanagement betreiben, weil Sie sonst in die Fallen hineinlaufen, die beispielsweise bei Stuttgart 21 sichtbar wurden. So haben wir auch immer offen über Fehler und Probleme gesprochen. Das ist allemal besser, wenn tausende Bauarbeiter mit Smartphones über die Baustelle laufen. Die Informationen finden ohnehin ihren Weg nach draußen.

Das Geld für die Eröffnungskampagne hätten Sie allerdings direkt aus dem Fenster werfen können.
Wir haben uns auf nationale und internationale PR gemeinsam mit Partnern wie Air Berlin, Lufthansa, den Tourismusverbänden und Wirtschaftsförderern aus Berlin und Brandenburg konzentriert. Die Arbeit ist auch nicht vergebens. Die kurzfristige Verschiebung der Eröffnung ist zwar ein Super-GAU. Je weiter Sie sich aus Berlin oder Deutschland hinausbegeben, desto eher hören Sie aber auch Stimmen, die sagen, dass das bei Großprojekten gang und gäbe sei.

Wie wollen Sie aus dem Imagetief herauskommen?
Wir sind noch mitten im Krisenmodus und werden noch einige Zeit durch dieses Tal schreiten müssen. Wir haben viele Leute vor den Kopf gestoßen. Uns bleibt derzeit nur: durch beharrliche, zuverlässige Arbeit und große Transparenz verloren gegangenes Vertrauen Schritt für Schritt wieder zurückzugewinnen.

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