Jahresrückblick: Mutprobe des Jahres
Lügen und Loyalität

Ex-Bertelsmann-CEO Thomas Middelhoff wird schuldig gesprochen, Jörg Howe ist rehabilitiert. Das Gericht bestätigt: Nicht er hat gelogen, sondern sein früherer Chef. (Foto: ddp)
Hut ab, denken wohl viele Branchenkollegen, als Daimler-Kommunikationschef Jörg Howe in der ersten Jahreshälfte vor dem Essener Landgericht zum Befreiungsschlag ausholt. In dem Zivilprozess geht es um eine schwere Hypothek, die Ex-Arcandor-CEO Thomas Middelhoff seinem früheren Sprecher eingebrockt hat. Die Richter gehen unter anderem dem von Welt-Chefredakteur Jan Peters erhobenen Vorwurf nach, Howe habe am 24. Sep tember 2008 gegenüber Journalisten gelogen, als er einen Verkauf der lukrativen Arcandor-Touristiksparte Thomas Cook ausschloss. Der krisengeschüttelte Konzern braucht damals dringend neue Kredite.
In der Hoffnung auf steigende Kurse erwirbt Peters daraufhin privat Aktien der scheinbar gene senen Karstadt-Mutter – doch am selben Abend kündigen die Essener per Pressemitteilung an, eine Reduzierung der Thomas-Cook-Beteiligung zu prüfen. Schon wenige Tage zuvor hat Peters, animiert durch ein Tagesspiegel-Interview mit Middelhoff, Aktien gekauft, weil der CEO eine Kapitalerhöhung ausgeschlossen hat – die eine Woche später erfolgt. Der Kurs stürzt ab, Peters verliert viel Geld, 2009 meldet Arcandor Insolvenz an.
2011 ist für Jörg Howe, dem bei Journalisten seither der Ruf des Lügenbarons vorauseilt, offenbar die Grenze des Erträglichen erreicht: Eigentlich als Entlastungszeuge für Middelhoff geladen, legt der PR-Profi dem Essener Gericht einen E-Mail-Verkehr von 2008 vor, der belegt, dass er seine Aussage mit dem CEO abgestimmt hat. Die Richter sprechen Middelhoff im Mai 2011 wegen „vorsätzlicher sittenwidriger Schädigung“ schuldig – nicht für das Interview, aber weil er nicht einschritt nach den Äußerungen Howes, den er über längst laufende Verhandlungen mit Investoren nicht informiert hatte. Für Howe die Rehabilitation, doch man mag sich nicht ausmalen, wie viele Kommunikationschefs CEO-Lügen ein Leben lang decken – aus verständlicher Angst oder falsch verstandener Loyalität.
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