Jahresrückblick: Wende des Jahres
Merkels Atom-Mäandern

Wendepunkt: Nach Fukushima wird der Druck von NGOs und aus dem Volk zu groß. Die Politik beschließt den Ausstieg. (Foto: ddp)
Schlimmer konnte das Jahr aus Sicht der Energieriesen kaum laufen. Noch im Herbst 2010 feiern E.ON, RWE, EnBW und Vattenfall die Entscheidung der schwarz-gelben Koalition, die Laufzeiten deutscher Atomkraftwerke zu verlängern. Doch sie unterschätzen die Stimmung in der Bevölkerung, die den Atom-Deal mehrheitlich ablehnt. Die Anti-Atomkraftbewegung erlebt gewaltigen Auftrieb. Das Reaktorunglück im März 2011 im japanischen Fukushima ist der Funke, der das Thema hierzulande hochgehen lässt. Argumente wie Versorgungssicherheit und die Angst vor dem Strom-Blackout sind plötzlich Makulatur.
Die Regierung verhängt zunächst ein dreimonatiges Atommoratorium, gleichsam über Nacht müssen sieben Kernkraftwerke vom Netz. Die Energiemanager be mühen sich um eine gemeinsame Kommunikationslinie und schicken mit dem Deutschen Atomforum ihre Lobbyorganisation als Blitzableiter an die Front. Das Ziel: Versachlichung der Debatte. Die Botschaft: Deutsche Kernkraftwerke sind sicher. Die Phalanx hält nur kurz. Während die übrigen Energiemanager, allen voran E.ON-Chef Johannes Teyssen, auf Deeskalation setzen, poltert schon bald, wenig überraschend, RWE-CEO Jürgen Großmann durch die Republik. Drei Tage nach dem Tsunami in Japan wettert er in einem mit den Branchenkollegen nicht abgestimmten Bild-Interview gegen die Politik, dann klagt RWE vor Gericht gegen das Moratorium.
Doch alle Anstrengungen bleiben erfolglos: Am 6. Juni 2011 beschließt die Koalition das Aus für acht Kernkraftwerke und den stufenweisen Atomausstieg bis 2022. Damit sind nicht nur jahrelange Investitionen in Lobbying und PR mit einem Schlag zunichtegemacht. Die Konzerne müssen sich auch neu erfinden. Die Entwicklung beim größten Atomenergieerzeuger E.ON zeigt, was von bisherigen Bekenntnissen der Manager zu erneuerbaren Energien zu halten ist. Noch in der August-Ausgabe des prmagazins ver sichert E.ON-Kommunikationschef Guido Knott, ein Stellenabbau sei nicht geplant – im selben Monat wird bekannt, dass der Konzern bis zu 11.000 Arbeitsplätze abbauen will. Das nächste Opfer der Wende könnte das Atomforum sein, das in der Debatte um die Kernkraft schon lange keine tragende Rolle mehr spielt. Der Atomausstieg dürfte es vollends überflüssig machen.
Jahresrückblick Teil 1
Bilder des Jahres: Diktatorendämmerung
Wende des Jahres: Merkels Atom-Mäandern
Gewinner des Jahres: Riesiger Sympathiebonus
Prügelknabe des Jahres: Von Dioxin-Eiern und EHEC-Gurken
Branchendebatte des Jahres: Die Früchte des Zorns
Agenturpersonalien des Jahres: Zurück an Deck
Jahresrückblick Teil 2
Trend des Jahres: Facebook-Boom und Facebook-Bashing
Neuanfang des Jahres: Aderlass und Heilungschance
Agenturumbruch des Jahres: Brain Drain
Seitenwechsler des Jahres: Lehrjahre für Profis
Mutprobe des Jahres: Lügen und Loyalität
Medienskandal des Jahres: Absturz der Heiligen
Medientrend des Jahres: TV-Magazine auf dem Boulevard
Jahresrückblick Teil 3
Krise des Jahres: Sprachverwirrung
Etat des Jahres: Anspruchsvoller Job
Verlierer des Jahres: Banken verzocken Reputation
Pleite des Jahres: Warnung für alle
Skandal des Jahres: Koks und Salz
Abwehrkampf des Jahres: PR-Schlacht gewonnen, Krieg verloren
Machtkampf des Jahres: Es gibt nur Verlierer





