Detailinformationen

Autor

Bernhard Blohm

Kolumnist

im Heft

12/2015

Blohms Blauer Brief

Armutszeugnis

Unternehmensführer müssen heute fernsehtauglich sein. Viele Kommunikationsabteilungen haben das noch immer nicht verstanden.

Bernhard Blohm

Wirtschaftslenker und TV-Journalisten pflegen in Deutschland eine von gegenseitigem Unverständnis geprägte Beziehung. Die Manager halten die Fernsehleute traditionell für oberflächlich und ignorant, letztere die Konzernbosse für kompliziert und ohne jegliches Gefühl für die Belange des audiovisuellen Mediums. Das dürfte auch den Kommunikatoren in den Unternehmen bekannt sein, erst recht wenn sie in früheren Zeiten journalistisch gearbeitet haben. Eine andere Frage ist, ob Unternehmenssprecher aus dieser Situation die richtigen Schlüsse ziehen. Es ist erstaunlich, wie oft TV-Journalisten auch heute noch über unverständliche Maßnahmen von Presseabteilungen klagen.

Da präsentiert sich ein Frankfurter Finanzunternehmen in einem Pressegespräch – doch TV-Journalisten sind nicht eingeladen. Als die davon erfahren und um Einlass bitten, wird er ihnen gewährt. Bedingung: Die Kamera muss draußen bleiben. Genauso geschah es bei einer Veranstaltung eines großen deutschen Lebensversicherers. TV-Journalisten herzlich willkommen, aber ohne Kamera. Welche Gründe auch immer für eine solche Maßnahme vorgebracht werden: Jeder einzelne ist lächerlich. Das gilt vor allem für die gängigste Ausrede der Pressesprecher, man habe bei TV-Journalisten nicht die Möglichkeit, nach einem Statement des Chefs korrigierend einzugreifen.

Tatsächlich unterstellt der Kommunikator damit seinem Vorgesetzten, dass er keine geraden Sätze sprechen kann, und/oder nicht weiß, welche Folgen seine Aussagen für ihn und das Unternehmen haben. Wenn sie damit recht haben, ist der Mann an der Spitze für seinen Job kaum geeignet. Haben sie unrecht, werden sie selbst den Ansprüchen an ihre Aufgabe nicht gerecht. Der Umgang mit Fernsehjournalisten ist keine Geheimwissenschaft. Das können Presseleute und Wirtschaftsführer relativ rasch lernen. Politiker aus Parlamenten und Regierungen belegen das tagtäglich im Fernsehen. Ob man es gut findet oder nicht: Wer im Rampenlicht steht, muss heute TV-tauglich sein. Man muss wissen, welche Botschaften man senden will und darf – egal welchem Pressemedium man gegenübersteht. Die Versuche von Kommunikatoren, ihrem Chef den Kontakt zur Presse nur mit doppelter oder dreifacher Absicherung zu gestatten, sind ein Armutszeugnis.

Kontakt zum Autor: blohm(at)prmagazin.de

Bernhard Blohm arbeitet als Berater in Hamburg. Der frühere Vize-Chef von Welt und Welt am Sonntag war unter anderem Chefvolkswirt der HSH Nordbank, Leiter Unternehmenskommunikation der Dresdner Bank und Mitgründer der Investmentbank Equinet Bank AG.

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