Detailinformationen

Autor

Bernhard Blohm

Kolumnist

im Heft

7/2012

Blohms Blauer Brief

Das Schweigen der Wirtschaft

Selbst der größte Optimist muss derzeit einräumen, dass es um die Zukunft der Eurozone, ja, sogar Europas, nicht zum Besten steht. Die Gefahr, dass die über viele Jahrzehnte mühsam errichtete Europäische Union wie ein Kartenhaus zusammenfällt, ist jedenfalls keine Fantasterei.

Bernhard Blohm

Da drohen Politiker, wie der Chef der griechischen Links-Partei Syriza, Verträge nicht zu erfüllen. Andere, wie der spanische Regierungschef Mariano Rajoy, verwahren sich gegen "unerwünschte Einmischungen" ausländischer Politiker in innere Angelegenheiten - selbst wenn es um Hilfsgelder eben dieses Auslands geht. Und das Wichtigste: Egal, was zur Lösung der Krise getan werden muss, der Nationalstolz darf auf keinen Fall angekratzt werden. So gut kann kein Vorschlag sein, dass man das zulassen darf, scheint das Credo des neuen französischen Staatspräsidenten François Hollande zu sein.

Die Folge ist ein politisches Krisenmanagement, mit dem kein Unternehmenschef eine Aufsichtsratssitzung überleben würde. Die zweite Folge ist, dass Euro- und Europa-Gegner in den Medien und insbesondere in den Internetforen Gift und Galle spucken. Mit dümmlichen bis demagogischen Scheinargumenten attackieren sie die Befürworter Europas und versuchen, nicht ohne Erfolg, sich damit in der breiten Masse Gehör zu verschaffen. Und was macht in dieser bedrohlichen Situation die europäische Wirtschaft? Sie schaut diesem Treiben stumm, besser gesagt: unverantwortlich still zu.

Es ist für mich undenkbar, dass es den Wirtschaftsführern gleichgültig ist, ob Europa in die Nationalstaaterei und damit in die geopolitische Bedeutungslosigkeit zurückfällt oder weiter ernsthaft an der Vision eines vereinten Europas arbeitet. Mal hier, mal da ein Interview, in dem eher nebenbei der Erhalt des Euros oder der Eurozone als wichtig bezeichnet wird. Ende Juni schrieb BDI-Präsident Hans-Peter Keitel einen Brief an Unternehmens- und Verbandsvertreter, in dem er sich für die "langfristige Sicherung der Währungsunion" stark machte. Aber sonst?

Dabei hätte nahezu jeder Unternehmenschef dazu etwas zu sagen. Sie alle wissen, was der Euro und Europa für ihre Häuser bedeuten. Und sie wissen, was ein Ende der gemeinsamen Währung und ein Auseinanderfallen der EU für die Zukunft ihrer Unternehmen bedeuten würden. Wozu haben wir die zahllosen Verbandsvertreter, wenn sie jetzt nicht Farbe bekennen? Auch ihnen ist bekannt, wie sich ein Zerfall Europas auf Wachstum, Arbeitsplätze und die Sozialstaatlichkeit auswirken würde.

Es wird Zeit, dass die europäische Wirtschaft ihre Stimme erhebt. Andernfalls macht sie sich mitschuldig am Scheitern der europäischen Vision.

 

Bernhard Blohm arbeitet als Berater in Hamburg. Der frühere Vize-Chef von Welt und Welt am Sonntag war unter anderem Chefvolkswirt der HSH Nordbank, Leiter Unternehmenskommunikation der Dresdner Bank und Mitgründer der Investmentbank Equinet Bank AG.

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