Blohms Blauer Brief: Pressemitteilungen
Liest das niemand?
Eigentlich kann es doch nicht so schwer sein, eine ordentliche Pressemeldung zu schreiben – sollte man meinen. Der Aufbau ist einfach, die fünf W – wer, was, wann, wo und warum – sind in der Regel schnell abgehakt. Wer dann noch eine Sekunde darüber nachdenkt, ob das, was er verkünden will, tatsächlich von öffentlichem Interesse ist, hat seine Arbeit schon getan. Die Realität sieht anders aus.

Bernhard Blohm
Für Journalisten ist das Lesen der ungezählten, täglich hereinflatternden Pressemeldungen alles andere als vergnügungssteuerpflichtig – trotz der angeblich immer professionelleren Pressearbeit von Unternehmen und Organisationen.
„Sparen zur falschen Zeit ist genauso schlimm, wie Schulden ausufern zu lassen“, schreibt Dietmar Stanka von der Vermögensverwaltung PSM, die damit „in den vergangenen zwei (!) Jahren Partei“ zwar nicht ergriffen, aber immerhin bezogen hat. Zum Schluss heißt es: „Brüning lässt grüßen“. Dass der vor mehr als 80 Jahren Reichskanzler war und einiges dafür getan hat, sich unbeliebt zu machen, erfährt man nicht.
Ein Unternehmen namens Volta hat bei einem Goldprojekt in Burkina Faso „einen weiteren Verlauf der Vererzung in nordöstlicher Richtung festgestellt“. „In den Sektionen 5700N und 5850N durchgeführte Tiefbohrungen“ hätten bestätigt, „dass die Hauptvererzung der KMZ sich unter einer dünnen und nach Südosten sanft abfallenden Aufschiebung nach Nordosten ausdehnt.“ Aha! Wer das nicht versteht, darf in den USA anrufen: bei CEO Kevin Bullock oder IR-Mann Andreas Curkovic.
Der internationale TV-Hersteller LG Electronics ist überzeugt, dass „die starke Zunahme von zusätzlichen Smart Features bei 3D-Fernsehern den Wettbewerb um ein industrietaugliches, multimediales Ökosystem zusätzlich anheizen“ wird. Alles klar? Ist das angesichts des Klimawandels überhaupt wünschenswert? Vielleicht ja, denn: „Damit“ – also offensichtlich mit dem Ökosystem – „wird der Erfolg im TV-Markt nicht mehr länger allein am TV-Gerät an sich liegen, sondern darüber hinaus durch das Content-Angebot bestimmt.“ Das versteht man. Niemand braucht einen Fernseher, wenn es nichts zu gucken gibt. Was das mit dem Ökosystem zu tun hat, erfährt man bei Interesse von PR-Manager Michael Wilmes oder Mariella Kaluza von der Agentur F&H.
Da freut man sich doch über die klare Schlagzeile „VisionAward_11 geht an Seedmatch“. Wer aber nun wissen will, wer oder was Seedmatch ist und warum es einen Preis bekommen hat, wird auf eine harte Probe gestellt. Erst mal muss man sich mit der Information benügen, wo der Preis verliehen wird und auf welcher Veranstaltung. Dann erfährt man, wer in der Jury sitzt und seit wann es den Preis gibt. Auf eine Welle an Rückfragen wird Seedmatch-Pressesprecher Peter Schmiedgen bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag warten müssen, denn spätestens jetzt landet die Meldung im Papierkorb.
Natürlich ist es etwas ungerecht, sich aus zigtausenden Pressemeldungen einfach vier herauszugreifen. Trotzdem ist bemerkenswert, wie stümperhaft manche Texte geschrieben sind. Immerhin sind unter den Mitteilungen Ansprechpartner für zusätzliche Informationen genannt. Lesen diese Leute vorher nicht, was sie hinterher anderen erklären sollen? Oder ist das eine neue Technik, sich lästige Fragen vom Leib zu halten, weil niemand diesen Unsinn gänzlich durchliest?
Bernhard Blohm arbeitet als Berater in Hamburg. Der frühere Vize-Chef von Welt und Welt am Sonntag war unter anderem Chefvolkswirt der HSH Nordbank, Leiter Unternehmenskommunikation der Dresdner Bank und Mitgründer der Investmentbank Equinet Bank AG.
Aktuelle Kommentare
20.10.2011 10:32
Sehr geehrter Herr Blohm,
Danke für den Hinweis. Als Berufseinsteiger bin ich für jedes Feedback dankbar. Jedoch muss ich anmerken, dass die von Ihnen gewünschten Informationen in der PM enthalten waren - und nicht irgendwo unten versteckt. Zum einen wurde erklärt, wofür wir diesen Preis bekommen haben. Zum anderen wurde ausführlich beschrieben, was Seedmatch ist und wie es funktioniert. Die Meldung bei dieser Pressemeldung ist nunmal der Gewinn des Awards. Da weder VisionAward noch Seedmatch über eine so große Bekanntheit verfügen, hielt ich es für notwendig, beides zu erklären. Die prominent besetzte Jury fand ich als kurzen Einstieg wichtiger, da jeder etwas mit Google etc. anfangen kann. Und ganz so falsch war es anscheinend nicht, da darüber auch berichtet wurde (VDI Nachrichten, W&V, VentureCapital Magazin). Klar, eine Welle an Berichten sieht anders aus.
Das die PM keine Paradebeispiel war, ist klar. Aber als eindeutiges Negativ-Beispiel würde ich sie nicht darstellen und die öffentliche Demontage ist etwas fragwürdig. Da gibt es selbst bei größeren Firmen viel schlimmere Varianten.
Ich werde noch mehr darauf achten, dass die PMs in Zukunft keine Fragen in den ersten Absätzen mehr offen lassen. Jeder hat mal klein angefangen - auch wir als Startup. Über ein direktes Feedback freuen wir uns deshalb immer.
Beste Grüße,
Peter Schmiedgen
PS: Die PM kann man bei seedmatch.de/presse einsehen. Über konstruktives Feedback bin ich immer dankbar.
17.10.2011 09:11
Klasse Beitrag.
Danke.
Ich finde, dass jeder Pressesprecher vorher einmal als Journalist gearbeitet haben sollte.


