Detailinformationen

Autor

Bernhard Blohm

Kolumnist

im Heft

1/2013

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Blohms Blauer Brief

Nichts für große Egos

Wann immer ich in diesen Tagen mit Journalisten rede, kommen zwangsläufig das Zeitungssterben und die Folgen für die eigene berufliche Zukunft auf den Tisch. Das Thema berührt vor allem junge, hoch motivierte Kolleginnen und Kollegen, die in ihrem erlernten Beruf bleiben möchten. Alle wissen, dass das für viele ein Wunschtraum sein wird.

Bernhard Blohm

Sparrunden stehen bei praktisch allen Verlagen auf der Tagesordnung. Wer noch an einen nennenswerten Personalaufbau in den Redaktionen glaubt, ist nicht von dieser Welt. Nicht wenige denken daran, die Seite zu wechseln und einen Job als Kommunikator in Unternehmen oder Organisationen zu suchen. Aber das sollte sich jeder vorher gut überlegen. So einfach, wie mancher Journalist meint, ist solch ein Wechsel nicht.

Das größte Manko ist in der Regel die fehlende Führungserfahrung. Journalisten sind Einzelkämpfer. In der Unternehmenskommunikation ist Teamarbeit gefragt. Der Kommunikator ist ein Manager, der im Team arbeiten oder es leiten muss. Das stellen sich Journalisten häufig zu einfach vor. Sie kennen nicht die manchmal verwinkelten und nervig langen Entscheidungswege sowie die taktischen Spielchen in Unternehmen und Organisationen. Sie schreiten forsch voran und denken nicht daran, dass andere darauf warten, dass sie Fehler machen.

Das ist das eine. Das andere ist die für Journalisten eher unbekannte Dienstleistungsmentalität, die Kommunikatoren brauchen. Journalisten sind eher fordernde Persönlichkeiten als dienende. In Unternehmen ist ein Pressesprecher in erster Linie für den Chef da, der auf den Expertenrat seines Mitarbeiters zurückgreift - oder eben nicht. In einer solchen Konstellation eigene Vorstellungen durchzusetzen, ist etwas anderes, als einen Artikel zu schreiben. Und: Man muss sich damit abfinden, dass ein Kommunikator viel mehr im Hintergrund agiert als ein Journalist. Glanz fällt in aller Regel auf andere, geht etwas schief, steht man aber mit in der Verantwortung.

Häufig habe ich auch erlebt, dass es jungen Ex-Journalisten schwerfällt zu verkraften, dass die Tür zum Chef nicht jederzeit offensteht. Dass sie manchmal tage- oder wochenlang warten müssen, bis sie einen Termin mit einem Abteilungs- oder Bereichsleiter bekommen, vom Vorstand ganz zu schweigen. Die Zeiten sind vorbei, als sie nur zum Hörer greifen mussten, um einen CEO zu sprechen. Wer als Pressereferent zum Beispiel zuständig ist für die "Hinterachse Kleinlastwagen" (das habe ich tatsächlich mal auf einer Visitenkarte gelesen), kennt den großen Chef wahrscheinlich nur vom Bildschirm.

Trotzdem ist Unternehmenskommunikation ein interessantes Arbeitsfeld, das einen großen Beitrag zum Unternehmenserfolg leisten kann. Erfolgreiche und selbstbewusste Journalisten tun allerdings gut daran, sich vorher eingehend über das neue Arbeitsumfeld, die Unternehmenskultur und Kräfteverhältnisse zu informieren sowie sich die eigene Positionierung zu überlegen. Das ist die beste Vorsorge gegen einen Kulturschock und allemal besser als zu forsches Auftreten.

 

Bernhard Blohm arbeitet als Berater in Hamburg. Der frühere Vize-Chef von Welt und Welt am Sonntag war unter anderem Chefvolkswirt der HSH Nordbank, Leiter Unternehmenskommunikation der Dresdner Bank und Mitgründer der Investmentbank Equinet Bank AG.

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