Detailinformationen

Autor

Bernhard Blohm

Kolumnist

im Heft

8/2011

Blohms Blauer Brief

Die große Linie

In welche öffentliche Institution kann man heute eigentlich noch Vertrauen haben? Erst entfachten die Banken eine globale Finanz- und Wirtschaftskrise, bei der die Politik mit breiter Brust als Retter einsprang. Jetzt stürzen uns marode Staaten der Eurozone und die USA in eine neue Krise, weil sie ihren Haushalt nicht in den Griff bekommen oder ihre Schulden nicht bedienen können oder beides.

Bernhard Blohm

Das ganze Schlamassel, so fürchtet der gemeine Steuerzahler, werde wohl wieder ihm aufgeschultert und wendet sich ab mit Grausen. So menschlich verständlich das ist, so wenig befriedigend ist die Situation für einen professionellen Kommunikator. Es wird Zeit, dass öffentliche Schuldner und Zahlmeister ihre Bürger und Steuerzahler auf dem Weg aus der Krise mitnehmen. Tun sie das nicht, werden über kurz oder lang Bilder von Streiks und Protesten gegen alles, was Griechenland aus der Krise helfen soll, auch aus anderen Staaten zu sehen sein. Das kann sich die Politik nicht leisten, wenn nicht Chaos um sich greifen soll.

Eine wirklich gemeinsame Kommunikationsstrategie erfordert ein gemeinsames Verständnis in vier Punkten. Erstens die Erkenntnis, dass öffentlicher Streit unter den Politikern nicht zielführend ist. Intern muss natürlich hart um Lösungen gerungen werden. Zweitens die Bereitschaft, Konsequenzen aus der Krise zu ziehen und mit gutem Beispiel voranzugehen. Das betrifft in erster Linie die Haushaltsdisziplin, aber auch faire Lastenverteilung zwischen Schuldnern und Gläubigern. Es bringt nichts, wenn sich die Schuldnerstaaten kaputtsparen. Drittens das Eingeständnis der Schuldnerstaaten, dass in der Vergangenheit schwere Fehler gemacht wurden, verbunden mit glaubhaften Maßnahmen, dass sich diese Fehler nicht wiederholen können. Und viertens das Eingeständnis der Gläubiger, dass viel zu lange die Augen vor den Problemen verschlossen blieben und nichts gegen kreative Schuldenverschleierung unternommen wurde.

Bei einem vergleichsweise kleineren Problem hatte der damalige Bundespräsident Roman Herzog in einer Grundsatzrede 1997 gefordert, es müsse „ein Ruck durch Deutschland gehen“. Ihm ging des darum, den Bundesbürgern einen Weg aus Resignation, Reformblockade und geringer wirtschaftlicher Dynamik aufzuzeigen.

Wenn nicht jetzt, wann dann sollte ein Ruck durch Europa (und die USA) gehen, um den aktuellen Teufelskreis zu durchbrechen? Das müssten die Politiker überzeugend kommunizieren, statt sich öffentlich aufzureiben, weil um Details des Schuldenproblems noch gerungen werden muss. Anders gesagt: Es geht um die Kommunikation der großen Linie, nicht um Diskussionen über Einzelheiten, denen kein normaler Mensch mehr folgen kann.

Denn das will erstens niemand hören. Zweitens ist es keinesfalls vertrauensfördernd. Letzteres aber ist jetzt eine der wichtigsten Pflichten der Politik, genau das muss sie erreichen (wollen). Wie sagte schon der frühere Bundeskanzler und Vater des deutschen Wirtschaftswunders Ludwig Erhard: „Wirtschaft ist zu 50 Prozent Psychologie.“

 

Bernhard Blohm arbeitet als Berater in Hamburg. Der frühere Vize-Chef von Welt und Welt am Sonntag war unter anderem Chefvolkswirt der HSH Nordbank, Leiter Unternehmenskommunikation der Dresdner Bank und Mitgründer der Investmentbank Equinet Bank AG.

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