Detailinformationen

Autor

Katharina Skibowski

Chefredakteurin

im Heft

04/2016

Editorial 04/2016: Journalismus

Zu spät für Reservate

Ist das Image des Journalismus noch zu retten?
Wer kann den Recherchekartellen noch Paroli bieten?
Wer investiert in Sachverstand und Handwerkszeug?

Im März gönnte ich mir einen Kinoabend. Es gab den mit dem Oscar für den besten Film ausgezeichneten und, wenn es nach dem Filmkritiker Hans-Ulrich Pönack, geht, einen „der besten Journalisten-Thriller aller Zeiten“: „Spotlight“. Der Film spielt 2003 und handelt von den Recherchen des „Spotlight“ genannten Investigativ-Teams des Boston Globe zu Missbrauchsfällen von katholischen Geistlichen. Ich kann mich nicht ganz dem Überschwang für diesen zweifelsohne sehr gut gemachten Film anschließen. Er zeigt die minutiöse Recherchearbeit, die guten Journalismus ausmacht. Er zeigt, dass manche Rechercheergebnisse nicht sofort an die Öffentlichkeit gehören, wenn noch „mehr“ an der Geschichte dran sein könnte. Er zeigt auch ansatzweise, dass der Konkurrenzdruck zwischen den Medien mit ins Kalkül gezogen werden muss und man bisweilen hart am Vorsprung arbeiten muss. Und er zeigt die großen Rotationsmaschinen bei ihrer nächtlichen Arbeit.

Spätestens dann kommt man doch irgendwie ins Schwärmen ob der alten Zeiten, in denen die vierte Gewalt noch eine solche war, Vertrauen genoss und etwas bewirken konnte. Und in denen investigativer Journalismus nicht nur aus dem Rechercheteamvonwdrswrundsüddeutscherzeitung zu bestehen schien.

Laut einer Studie des Readers Digest hatten 2005 noch 40 Prozent der Befragten hohes/ziemlich hohes Vertrauen in den Berufsstand des Journalisten. Zehn Jahre später ist der Wert auf 26 Prozent gesunken, Journalisten liegen gleichauf mit Reiseveranstaltern und Gewerkschaftsführern und gar nicht mehr so weit entfernt von den Politikern mit zwölf Prozent.

Auch wenn „Spotlight“ eine prima PR-Veranstaltung für den Journalismus sein könnte, glaube ich nicht, dass er das Image der Journalisten irgendwie verbessern wird, sondern höchstens nostalgische Gefühle hervorruft. Aus eigener Kraft scheinen die Journalisten nicht in der Lage zu sein, an ihrem Image zu arbeiten.

Wenn das Vertrauen in den Journalismus aber weiter so drastisch sinkt, wie sollen dann durch welche Medien auch immer verbreitete Nachrichten noch glaubwürdig sein? Wenn die vierte Macht im demokratischen Staat nur noch ums Überleben kämpft, muss man sich nicht mehr vor ihr fürchten und kann machen, was man will. Das kann aber nicht ernsthaft das Ziel unserer Unternehmen, unserer Institutionen sein. Wenn wieder Zeit und Sachverstand und Handwerkszeug für den solide arbeitenden Journalismus da sind, nützt das jedem.

Für bedrohte Spezies werden schon mal Reservate eingerichtet, ein paar gibt es wohl auch noch für Journalisten. Aber die lassen sich kaum noch „auswildern“ und flächendeckend neu ansiedeln, dafür ist es zu spät. Wir müssen die finden, die aus den Reservaten ausgebüxt sind oder sich gar nicht erst haben einfangen lassen und nun irgendwo versteckt neue Kolonien gegründet haben. Das sind zarte Pflänzchen, die der Hege und Pflege bedürfen. Und so stirbt die Hoffnung zuletzt, dass es in 20 Jahren vielleicht wieder einen Oscar-verdächtigen Journalisten-Thriller geben wird.

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