Detailinformationen

Autor

Thomas Rommerskirchen

Chefredakteur

im Heft

05/2016

Editorial 07/2016: VW

Nachhilfe bei Lieberberg?

Wo bleiben die Emotionen?
Werden die Botschaften glaubwürdig transportiert?
Muss das Management begeistern können?

Chefredakteur Thomas Rommerskirchen

Die mit Spannung erwartete Hauptversammlung der Volkswagen AG ist durch. Spannung nicht wegen der vorhersehbaren Ergebnisse, sondern wegen der Kommunikation der Vorstände und Aufsichtsräte. Nutzen sie die Krise als Chance? Bewegt sich das Unternehmen wirklich in Richtung „Neuzeit“? Ist der digitale Wandel in Wolfsburg angekommen, oder sind die wenigen konkreten Aussagen Beruhigungspillen, um die persönliche Pension zu sichern?

Die Redenschreiber im Konzern könnten dabei den „Schönsprech“-Bogen überspannt haben. VW-Vorstand Matthias Müller und AR-Chef Hans Dieter Pötsch haben sich bei den Aktionären „für das verloren gegangene Vertrauen“ entschuldigt. Also für etwas, das bei den Shareholdern passiert ist – nicht im Konzernmanagement.

Stellen wir uns einmal vor, Vati (oder Mutti) wird nach einer deftigen Affäre vom Ehepartner erwischt. Und die Reaktion wäre eine Entschuldigung dafür, dass der Ehepartner jetzt sein Vertrauen verloren hat – womit auch eine gewisse Mitschuld impliziert wäre. Keinerlei Stellungnahme oder Erklärung zu den heißen Nächten – die Ohrfeige könnte gar nicht laut genug knallen.

Es passiert aber gar nichts. Die Medien kauen diese respektlose Manipulation brav nach. Das breite Publikum registriert die Schlagwörter „Vertrauen“ und „Entschuldigung“ und will ja eigentlich nur, dass alles wieder gut wird. Natürlich sind Entschuldigungen wegen der anstehenden Prozesse in den USA brandgefährlich. Natürlich pervertieren Konzernjuristen gute und ehrliche Reden in dieser Situation. Es ist nur die Frage, wann die verantwortungsvolle Kommunikation ihr Veto einlegen muss.

In der digitalen Zukunft könnte solches „Schönsprech“ nach Orwell höchst gefährliche Nebenwirkungen haben – aber vielleicht sind bis dahin andere für Vertrauen und Glaubwürdigkeit verantwortlich.

Wie man nach einem Gau erfolgreich mit seiner höchst unberechenbaren Zielgruppe kommuniziert, hat Marek Lieberberg, der Veranstalter von „Rock am Ring“, nach der Absage seines Festivals wegen des dramatischen Unwetters demonstriert. Erschüttert, übernächtigt, geschockt und persönlich betroffen solidarisierte sich der knallharte Veranstaltungsprofi mit mehr als 90.000 zahlenden Besuchern: Schuld an den vielen Verletzten sei das schlimme Gewitter.

Das hat, trotz eindeutiger Unwetterwarnungen im Vorfeld, geklappt. Bis jetzt fordert nur ein Bruchteil des Publikums das Eintrittsgeld zurück, obwohl die Schuldfrage, wie bei VW, auch ganz anders diskutiert werden könnte. Das Lieberberg-Interview um zwei Uhr morgens (www.rock-am-ring.com) könnte ein klassisches Lehrstück für Krisenkommunikation werden.

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