Detailinformationen

Autor

Thomas Rommerskirchen

Chefredakteur

im Heft

08/2016

Editorial 08/2016: Polizei München

Vorleser im Farb-TV

„Nur“ Krisen-PR nach Lehrbuch?
Was macht die Münchner Polizei anders?
Journalisten von Twitter abgehängt?

Chefredakteur Thomas Rommerskirchen

Wow, der Typ ist aber gut! Das war die spontane Meinung in unserer Redaktion, als wir das Interview unserer Kollegin Christina Ullrich mit dem Sprecher der Münchner Polizei, Marcus da Gloria Martins, im Blatt hatten.

In dem Interview ging es allerdings nicht um den aktuellen Vorfall im Münchner Olympia-Einkaufszentrum mit neun Toten, sondern um die Unterschiede zwischen der Kommunikation der Kölner Polizei nach der Silvesternacht und der der Münchner angesichts der Flüchtlingswelle und der Terrordrohung um Silvester.

Die Pressearbeit von Marcus da Gloria Martins wurde nach dem Attentat in München in den Medien explizit gelobt. Den großen Zeitungs- und Zeitschriftentiteln war der PR-Chef der Polizei sogar ganzseitige Artikel wert – und welcher Polizeisprecher sitzt schon so souverän in einer Diskussionsrunde wie Martins in Frank Plasbergs „Hart aber fair“-Sendung „Amok in Zeiten des Terrors – wie verändert die Angst das Land?“

Was hat der Münchner Kollege eigentlich anders gemacht? Eigentlich hat sich die Polizei in dieser Krisensituation „nur“ lehrbuchmäßig verhalten. Aber das konsequent. So wurden die Nachrichten aus der einzig verlässlichen Quelle so aufbereitet und transportiert, dass sie die Zielgruppen auch erreichen konnten – deutsch, englisch, französisch und türkisch (!) online. Die Präsenz war durch häufige Pressekonferenzen gesichert. Die Aussagen haben sich nicht hinter behördeninternen Verordnungen versteckt, sondern die Informationswünsche verstanden, respektiert und (soweit wie möglich) erfüllt.

Wenn dies nicht möglich war, hat Martins die Fragen aber nicht mit zusammengekniffenen Lippen und „kein Kommentar“ abgeschmettert, sondern erklärt, warum er nichts sagen kann. Wenn er unreflektierte, aufgeregte Fragen bekam, hat er versucht, dem Journalisten auf die Sprünge zu helfen, weil er ahnte, was eigentlich gemeint war. Und die Polizei hat auf ihren eigenen Online-Medien, mit denen sie 70 Prozent der Münchner erreichen soll, aktiv im Einsatz eingegriffen. Martins bat per Tweet darum, keine Bilder vom Polizeieinsatz hochzuladen, weil auch die Attentäter diese sehen. Kurz: Die Zielgruppe der Kommunikation war die Bevölkerung und nicht der Polizeidirektor und der Innenminister.

Während dieser zweifellos hoch professionellen und nicht risikolosen Krisenkommunikation wurde allerdings auch deutlich, welche Rolle der klassische Journalismus in solchen Situationen noch spielen kann. In der aktuellen Berichterstattung aus München waren Journalisten das Hörbuch des Internets mit Vorlesern im Farb-TV. Noch wird diese vierte Kraft gebraucht, weil das Vertrauen in „tagesschau“ und Co groß ist. Aber welches Münchner Medium hat schon eine Reichweite wie die Online-Kanäle von Marcus da Gloria Martins?

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