Editorial 10/2011:
Sparlampen statt Liebe
Wieso geht es in Europa eigentlich immer nur ums Geld? Warum ersetzen blutleere Symbole echte europäische Signale? Wird Europa schlicht an Kommunikationsdefiziten scheitern?
Europa schlittert in die heftigste Krise seit Gründung der Staatengemeinschaft. Eine Lösung des Euro-Konflikts ist nicht in Sicht. Einigkeit scheint nur in der Frage zu herrschen, ob die Europäer die Union brauchen. Ob sie die Währungsunion brauchen. Die Fragen nach den unterschiedlichen Folgen für die Mitgliedsstaaten werden ausgeblendet.
Es ist Quatsch, jede Lebenslage mit einer PR-Antwort zu parieren. In dieser Krise rächt sich aber, dass nicht rechtzeitig in eine langfristige europäische Kommunikationsstrategie investiert wurde. Die Europäische Kommission kommunizierte in der Vergangenheit nur angstgetrieben. Angst vor niedriger Wahlbeteiligung bei Europa-Wahlen. Angst vor der Euro-Einführung. Angst beim Ringen um Kommissionspfründe.
Parallel baute sich aber unbemerkt (oder bewusst ignoriert) ein Bild von Europa auf, das ausschließlich durch die jeweilige nationale Brille gesehen wird. Da sind die fetten Schilder in europäischen Entwicklungsländern an gigantischen Investitionsruinen oder spanischen Strandpromenaden, die selbstbewusst plakatieren, wo die Milliarden versickern – Symbole des Subventionswahns und der Regulierungswut der Brüsseler Behörden.
So ein Kunstkomplex erzeugt keine emotionale Nähe. Das Markenimage dürfte maximal neutral sein – aber latent in Absturzgefahr, wenn nationale Interessen vor der Haustür tangiert sind. Wie jetzt. Wenn die nötige Euro-Stütze – an eine Rettung mag man nicht denken – scheitert, liegt das erst in zweiter Linie an den „faulen“, Bilanz tricksenden Südeuropäern. Es liegt an der Beliebigkeit des Produkts Europa. Die einzigen Gründe, die unsere Politiker pro Euro kommunizieren, sind wirtschaftlicher Natur. Handelsvorteile auf dem weltweiten Absatzmarkt.
Nehmen wir nur einmal die Fahne. Der Sternenkreis würde zur Not als TÜV-Stempel oder Industriesiegel durchgehen. Andere völkerverbindenden Signale? Sport oder Kultur? Nichts außer Kleinkram und Alibiveranstaltungen. Wie wäre es mit einem jährlichen Feiertag? Mit europäischen Uniformen in Notfalleinsätzen? Und wie viele Europäer würden Beethovens „Ode an die Freude” spontan als ihre Hymne identifizieren?
Die Zeichen, die Europa gesetzt hat, basieren fast ausschließlich auf Geld. Das ist in Krisenfällen per se eine schlechte Basis. Und völlig aussichtslos, wenn diese Basis selbst wackelt. Solange wir Europäer die Frage, warum wir Europa lieben, nicht emotional und liebevoll beantworten können, wird Europa ganz banal an Kommunikationsdefiziten scheitern.



