Detailinformationen

Autor

Thomas Rommerskirchen

Chefredakteur

verfasst am

17.10.2012

im Heft

10/2012

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Editorial 10/2012

Die Hütte an sich

Chefredakteur Thomas Rommerskirchen fragt sich, was Christian Wulff mit Gardena-Spritze vorm verklinkerten Eigenheim suchte und wieso Sprecher Olaf Glaeseker seinem Chef nicht als Korrektiv diente.

Im Zusammenhang mit der Wulff-Affäre ist schon viel über den stümperhaften Umgang mit Medien und Öffentlichkeit geschrieben, diskutiert und analysiert worden. Immerhin haben beide Wulffs wunderbare Beiträge für die Sammlung der negativen Fallbeispiele geliefert. Höchstwahrscheinlich werden in den kommenden Monaten (oder Jahren) weitere folgen. Es ist halt etwas anderes, als Pressereferentin Produkt-PR für Reifen und Prothesen zu machen als komplexe Kommunikationsabläufe zu planen und zu steuern.

Zwei vermeintliche Nebenaspekte des Skandals sind mittlerweile allerdings untergegangen. Da ist zunächst das Verhältnis zwischen dem ehemaligen Minister- und späteren Bundespräsidenten und seinem Sprecher Olaf Glaeseker. Glaeseker war eng mit Wulff. Sehr eng. Er sei wie sein siamesischer Zwilling, untrennbar, äußerte sich der erste Mann im Staat über das Arbeitsverhältnis.

Wenn ein PR-Manager diese Worte aus dem Mund seines Chefs vernimmt, hilft nur noch die sofortige Flucht. Möglichst hohe Abfindung und raus aus dem inzestuösen Verhältnis. Glaeseker hätte nach dem Niedersachsen-Job die Möglichkeit dazu gehabt, lehnte aber Topangebote aus der Industrie ab.

Wenn der Chef zum Seelenverwandten, zur Vaterfigur, zum Zwilling mutiert, droht Unheil. Auch synchron „tickende“ PR-Chefs mögen ihrem Boss vielleicht kurzfristig ein gutes Gefühl vermitteln – aber das kann eine Reflexzonenmassage besser. Und ohne Risiko.

Ein abgehobenes, „verkopftes“ Führungsteam ist für das Unternehmen ebenso schädlich wie zwei „Bauchmenschen“. Der Kommunikationschef muss das Korrektiv für den CEO darstellen und sich durchsetzen können, wenn Fragen zur öffentlichen Wahrnehmung anstehen. Hätte Glaeseker über diese Eigenschaften verfügt, wäre der zweite Aspekt sicher zu verhindern gewesen: das verklinkerte Eigenheim in Großburgwedel. Das PR-Problem war nämlich weder die Finanzierung noch die unklaren Bankverbindungen oder die sponsernde Unternehmerfamilie Geerkens. Es war (und ist) die Hütte an sich.

Ein Bundespräsident gehört nicht stumpf grinsend, mit der Gardena-Spritze in der Hand in den Garten eines Häuschens, das sich für fast jeden Bürger dieser Republik im Rahmen der realisierbaren Wünsche bewegt. Ein Präsident muss in einen unvergleichbaren Rahmen gesetzt werden. Warum ist denn Wulffs Urlaub in Carsten Maschmeyers Mallorca-Anwesen nur am Rand kritisiert worden? Eben, das war zwar nicht so ganz okay, aber den Maßstäben des Durchschnitts-Deutschen deutlich entrückt.

Wenn der beratende Kommunikationsprofi so ein Verhalten nicht ändern kann – egal ob er’s nicht erkennt oder ob die Durchsetzungskraft fehlt –, muß er raus aus dem Job. Flucht. Sonst endet’s wie bei Glaeseker: tragisch.

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