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Autor

Thomas Rommerskirchen

Chefredakteur

im Heft

1/2013

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Editorial 1/2013

Abschuss unter dieser Nummer

Was suchen Staats- und Bankchefs im Mediendschungel?
Müssen PR-Berater ihren Bossen das Handy wegnehmen?
Wie sonst lassen sich telekommunikative Alleingänge verhindern?

Eigentlich sollte das persönliche Gespräch ein ziemlich einmaliges und wertvolles Gut in unserer vertwitterten Kommunikationswelt bleiben. Am besten natürlich, man trifft sich und kann dem Gesprächspartner in die Augen sehen. Vielleicht auch „unter drei“, dann können manche Gespräche nie stattgefunden haben und nicht missinterpretiert werden. Bis vor wenigen Monaten ging das auch relativ gut am Telefon. Je besser man sich kannte, desto reibungsloser konnten sogar heikle Themen transportiert werden. Wir haben uns an diese Gesprächskultur gewöhnt, aber offenbar hat sich das vertraute und hilfreiche Instrument zu Teufelszeug entwickelt.

Christian Wulff ruft Springer-Chef Mathias Döpfner und Bild-Chefredakteur Kai Diekmann an. Er telefoniert mit der Antwortmaschine und landet auf der ersten Seite der Bild. Der CSU- Sprecher Hans Michael Strepp ruft in der „heute“-Redaktion an, telefoniert einen Journalisten in den Verfolgungswahn und liest kurz danach auf allen Kanälen den Inhalt seines Gesprächs wieder. Der Co-Chef der Deutschen Bank Jürgen Fitschen ruft den hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier an, um sich über den martialischen Einsatz der Staatsanwaltschaft zu beklagen, und – zack – ist er mitten im Wahlkampf. Die ganze Republik hört zu. Pikant ist, dass Fitschen sein Telefonat selbstständig zum öffentlichen Thema machte, als er Spiegel-Chef Georg Mascolo über seinen kommunikativen Alleingang informierte.

Das Telefon ist nicht Schuld. Das gibt es schon lange, und man konnte es bis vor Kurzem gefahrlos benutzen. Aber haben Twitter und Blogkultur die geschützte Privatsphäre des Telefons en passant kassiert? Müssen wir davon ausgehen, dass Inhalte vertraulicher Telefonate oder schon die Tatsache des Gesprächs an sich, Sekunden nach dem Auflegen, Inhalt interessengesteuerter Pressemeldungen werden können?

Wulff ist weg. Strepp ist weg. Fitschen kämpft. Und bei allen ist ein simples Telefonat, bei dem es nicht um das Geständnis von Kapitalverbrechen, sondern um überflüssige, emotionale Aufwallungen ging, der Stolperstein gewesen.

Zumindest im Präsidialamt und in den Zwillingstürmen der Deutschen Bank hätten die Chefs die negativen Schlagzeilen vermeiden können. Eine simple Rückfrage bei ihren Kommunikationschefs vor den verpatzten Ausflügen in den Mediendschungel hätte die Telefonate und „privaten“ Gespräche mit guten Bekannten in der Chefredaktion verhindert. Aber die besten Berater kommen bei solchen Solo-Aktionen an ihre Grenzen, auch wenn die schnelle, mutige Entschuldigung das Schlimmste verhindern konnte.

Was tun? Müssen PR-Berater ihren Bossen das Handy wegnehmen? Geht nicht. Aber da fast jeder Bürger dieser Republik sich eine ausreichende Telefonkompetenz zutrauen dürfte, ist ein Vorstand, ein Präsident oder ein Pressesprecher, der Fehler beim Telefonieren macht, schwer kommunizierbar. Das Fazit ist banal: One-Voice-Policy in der Krise! Komponist, Dirigent und erster Geiger im Krisenkonzert muss der PR-Profi sein – auch wenn das bei so vielen Solisten wie in der Deutschen Bank eine Herkulesaufgabe ist.


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