Editorial 3/2011:

Im Normalfall korrupt

Definieren Juristen in Zukunft die Kommunikationsstrategie?
Ist Sponsoring durch das Compliance-Korsett am Ende?

Korruption im geschäftlichen Verkehr. Das steht hinter den Schlagzeilen, die Mitte Februar der Süddeutschen Zeitung einen Vierspalter auf dem Titel wert waren. Es ging aber um die Telekom und den VfL Wolfsburg, den ein Top-Verkaufsmanager des Bonner Dax-Konzerns mit einem millionenschweren Sponsoringvertrag bedenken wollte, um Aufträge des VW-Konzerns zu sichern (siehe „Das kleinere Übel“ im März-Heft).

Was vor zehn Jahren dem Mitarbeiter einen Bonus plus anerkennendes Schulterklopfen des Vorstands beschert und vor wenigen Jahren höchstens für eine Trennung mit „goldenem Handschlag“ gereicht hätte, bedeutet heute das Karriereende: fristlose Kündigung, persönliche Sachen in den Pappkarton, Werkschutz, raus.

Die Frage, ob das Sponsoring – unabhängig von der Geschäftsbeziehung – vielleicht sogar Sinn gemacht hätte, wird gar nicht gestellt. Seit langem sucht die Kommunikationsbranche doch nach wirtschaftlichen Gründen für das Sponsoring – hier wäre vielleicht einer zu nennen.

Und Korruption? Man unterstützt das gesellschaftspolitisch korrekte Engagement eines Geschäftspartners. Justiziabel? Nicht mit den Compliance-Richtlinien vereinbar? Der Rest der Welt (vielleicht außer die untergehenden Vereinigten Staaten von Amerika) lacht sich einen Ast. Wenn diese von Juristen getragene Compliance-Praxis aber weitergedacht wird, wirft das spannende Fragen auf.

Beispiel Carsten Maschmeyer: Der „Drückerkönig“ wurde im Januar in einer journalistisch schlappen NDR-Panorama-Sendung, die vermutlich erst aufgrund der Aktivitäten seines Rechtsbeistands Matthias Prinz bundesweit Aufmerksamkeit erregte, in die fiese Ecke gedrängt. Wenige Tage später kommt der AWD-Gründer in den Genuss eines ganzseitigen Interviews in der Bild-Zeitung, das den Selfmade-Unternehmer wieder strahlen lässt.

Das wäre bis dahin ein rein (presse-)geschäftlicher Verkehr. Aber wie ist die Spende Maschmeyers über eine Million Euro an die von Bild substanziell getragene Aktion „Ein Herz für Kinder“ vor dem VfL-Hintergrund zu werten? Auch als Korruption, um den (presse-)geschäftlichen Vorteil zu erreichen? Wäre das Interview ohne diese Spende genauso gelaufen? Oder müssen wir einen Zusammenhang vermuten?

Wer sagt denn, dass Sponsorengelder nur den Fan, den Konsumenten oder Zuschauer ansprechen sollen? Bevor wir uns noch eine Regulierungsbehörde für Werbung und Sponsoring schaffen, sollten wir kurz darüber nachdenken, dass Menschen seit jeher Aktivitäten in Allianzen unterstützen. Nicht selten zum Vorteil der Allgemeinheit. Korruption? Wir sollten die Kirche im Dorf lassen.


Lesen Sie auch die Interviews zum Korruptionsverdacht bei der Telekom mit dem PR-Chef der Bonner Philip Schindera, SZ-Rechercheur Hans Leyendecker und MAN-Kommunikator Andreas Lampersbach.

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