Detailinformationen

Autor

Thomas Rommerskirchen

Chefredakteur

verfasst am

03.07.2012

im Heft

7/2012

Editorial 7/2012

Realitätsfern

Beim Stichwort Employer Branding fragt sich Thomas Rommerskirchen, ob der Fachkräftemangel ein Kommunikationsproblem ist und wieso die Konzerne Millionen in schlechte Kampagnen pumpen.

Jetzt. Jetzt kommt so ganz langsam die statistische Hochrechnung, dass der deutschen Industrie bald die Fachkräfte ausgehen werden, im Bewusstsein vieler Führungskräfte an. Während pfiffige Mittelständler mit Plakataktionen in Bahnhöfen auftrumpfen und wie selbstverständlich in den Ausbildungswegen verzahnt sind, wachen einige Konzerngiganten erst langsam auf.

Das Thema kann aber für den Industriestandort Deutschland schon in Kürze existenzbedrohend werden. Selbst Probleme wie die Energiewende, Rohstoff-, Ressourcen- und Umweltplanung sowie Nachhaltigkeit werden nebensächlich, wenn sich die Arbeitsplätze nicht besetzen lassen.

Natürlich gibt es Kampagnen und Ansätze zum Dialog. Kampagnen starten immer wieder reflexartig zum Ende der Studiengänge und werden von Jahr zu Jahr aufwendiger. Vielleicht wäre es sinnvoller, auf den Studienanfang und die Organisation der Praktikantenplätze zu schauen. Und die europäische Integration nicht der Politik zu überlassen.

Der Dialog wird ins Netz abgeschoben. Facebook, Firmenwebsites, Twitter, LinkedIn und Xing sind aber vor allen Dingen praktische Übungen, um intern mit Statistiken zu protzen. Ob in Social Media erfolgreich Mitarbeiter gefunden werden, ist nicht belegbar.

Dabei wird der Wettbewerb um die wenigen Jobaspiranten noch härter werden. Schon heute laden Firmen frischgebackene Akademiker zu Vorstellungsgesprächen nach Asien. Allerdings nicht um den Bewerbern auf den Zahn zu fühlen, sondern um das Unternehmen in den schönsten Farben zu präsentieren. Aus lauter Not werden vielleicht bald Roadshows (für die meisten Vorstände ein rotes Tuch) nicht nur für potenzielle Investoren gefahren, sondern finden auch auf dem Campus statt. Wer weiß, wann sich die ersten Analysten den Recruiting-Wettbewerb anschauen, um danach neue Parameter für den Aktienwert zu erfinden.

Die Kosten in diesem Wettbewerb werden durch singuläre Werbemaßnahmen, die zweifellos nötig sind, extrem steigen. 25.000 Euro pro Kopf? 30.000 Euro? Oder noch mehr?

Ein Erfolgsfaktor könnte die strategische Einbindung in die Unternehmenskommunikation sein. Es bringt nichts, Werbefilme und knackige Anzeigenmotive zur Anwerbung von Soldaten zu platzieren, wenn man anschließend über die Massenflucht nach der Probezeit schamhaft den Mantel des Schweigens decken muss. Bei aller Liebe zu schönen Werbewelten: Kampagnen sollten der Realität zumindest ähneln.

Die Fragen nach Identität, Zukunftsstrategie und Verantwortung beantworten in der Regel die PR-Strategen am besten. So werden die künftigen Mammutbudgets keine Marketingausgabe, sondern eine Investition. Wieder einmal.

 

 

Aktuelle Kommentare

04.07.2012 10:59

Dominik A. Hahn

Mit freudigem Erstaunen und dann aber großem Erschrecken habe ich gestern Ihr Editorial zum Thema Employer Branding gelesen. Freudig erstaunt deswegen, weil ich mich gefreut habe, dass Sie das aus meiner Sicht immer wichtiger werdende Thema der Arbeitgebermarkenpositionierung aufgreifen und zum Titel Ihres Editorials machen. Sehr erschreckt, weil Ihr Text meiner Meinung und meinen Erfahrungen nach zum einen viele unwahre und widerlegbare Behauptungen enthält, zum anderen - so ich es richtig verstanden habe - Sie die Unternehmenskommunikation im Lead beim Employer Branding sehen, da HR darunter reines Marketing/Werbung sieht. Diese Sicht der Dinge mag in den 90er Jahren bzw. noch zur Jahrtausendwende gestimmt haben, entspricht den heutigen Konstellationen in Groß-, sprich Dax-Konzernen mitnichten. Deshalb habe ich mir erlaubt, auf meinem Blog eine entsprechende Antwort auf Ihr leider nicht gelungenes Editorial zu geben: http://tinyurl.com/bnrh8cs

 
Anzeige: 1 - 1 von 1.
 

Kommentare werden moderiert.

Kommentar verfassen

Adding an entry to the guestbook

Bitte geben Sie hier das Wort ein, das im Bild angezeigt wird. Dies dient der Spam-Abwehr.

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.