Detailinformationen

Autor

Thomas Rommerskirchen

Chefredakteur

im Heft

8/2011

Editorial 8/2011:

Omerta

Das Ende eines Vermarktungskonzepts? Schafft der Verschiebebahnhof für die Deutungshoheit einen Neuanfang?

Das Medienecho nach dem Skandal um die Finanzierung des Netzwerks Recherche (NR) war erstaunlich kurz. Nach kräftiger öffentlicher Empörung, die sich vor allem gegen den bisherigen Vorsitzenden Thomas Leif richtete, kam – nichts mehr. Dabei ist es jetzt nötiger denn je, über Sinn, Inhalt und Zukunft der bizarren Nischenkonstruktion zu diskutieren. Denn der verhältnismäßig kleine Ausrutscher bei der Finanzierung einer Jahrestagung durch unrechtmäßige Inanspruchnahme öffentlicher Gelder wäre auf einer stabilen Vereinsbasis das geblieben, was er war: ein dummer Fehler, der schnell hätte repariert werden können.

Auch durch offene Kommunikation. Stattdessen liefern die verbliebenen Vereinsfürsten eher Stoff für Verschwörungstheorien. Kann es sein, dass die NR-Protagonisten grundsätzliche Probleme bei der Rechtfertigung ihres Vereinsgebildes – als Instrument moralischer Erhöhung seiner Mitglieder über „normale“ Journalisten – hinter einer Mauer des Schweigens verstecken wollen? Vor allem, weil einige Schreibpromis zuletzt eher durch das Aufwärmen von Archivgeschichten als durch journalistische Arbeit (dazu gehört Recherche, auch investigative) aufgefallen sind?

Die Reaktionen der Industrie auf das Netzwerk erklären das Vereinskonzept deutlich: Namhafte Konzerne, von ING Diba bis RWE, sponsern das Meinungskartell mit bis zu sechsstelligen Beträgen. Das ist für die Unternehmen unproblematisch und sauber, weil sie damit die Pressefreiheit in unserem Land unterstützen.

Dumm läuft es für die NR-Edlen, wenn ausgerechnet Hans Leyendecker als Vorstandsmitglied für das NR nicht nur die Fördersumme von rund 80.000 Euro für die Jahrestagung von der ING Diba kassiert, sondern auch noch seinen Teil der 15.000 Euro Preisgeld für den von der Bank ausgelobten Journalistenpreis für sich mitnimmt, um es zu spenden – seinen Enkeln. Stellen wir uns einmal vor, etwas Vergleichbares wäre in einem Wirtschaftsunternehmen passiert. Was hätten ein Leyendecker und seine Netzwerk-Jünger daraus gemacht?

Leyendecker mag den Helmut-Schmidt-Journalistenpreis verdient haben. Es liegt mir auch fern, der Jury nur im Entferntesten eine Interessenbündelung zu unterstellen. Was aber gar nicht geht, ist der Umgang eines Moralapostels mit der eigenen Moral. Die dürre Erklärung des Netzwerk-Vorstands in eigener Sache spricht Bände. Besonders vor dem Hintergrund des öffentlich postulierten, besonderen Wertekanons in der Finanzaffäre des Netzwerks.

Der Verein mag seine Zeit gehabt haben, Thomas Leifs Formfehler mag als Lapsus in die Geschichte eingehen. Die seit Wochen herrschende Informationspolitik im Omertà-Stil nicht. Das markiert das Ende einer Marketingidee, die Journalisten nie brauchten: den Promi-Status als Säulenheilige – zumindest für Vorstandsmitglieder.

Die guten inhaltlichen Ansätze müssen weitergetragen werden. Dafür gibt es genug Plattformen. Recherchen unter der Flagge des Netzwerks zählen von jetzt an aber zu den Angeboten, die die PR-Branche ohne Risiko ablehnen kann.

Aktuelle Kommentare

29.08.2011 11:46

David Schraven

Sehr geehrter Herr Rommerskirchen,

Ich bin im Vorstand des Netzwerkes Recherche.

Ihr Editorial basiert auf einer völligen Verdrehung der Tatsachen.

Kritik ist Ok und willkommen, aber zumindest die Fakten sollten stimmen.

Sie sprechen von Omertà - vergleichen also beleidigend die Aufklärung des Netzwerk-Vorstands in eigener Sache mit dem Schweige-Kodex der Mafia.

Mit dem tatsächlichen Verlauf hat das nichts zu tun - denn der war nachprüfbar so: Als der Vorstand aus eigenem Antrieb im Zuge der Selbstkontrolle festgestellt, dass es Fehler bei den Abrechnungen mit der Bundeszentrale für politische Bildung gab.

Ist das mafiös?

Der Vorstand hat selbstständig Wirtschaftsprüfer damit beauftragt, die Befunde zu prüfen. Auch nicht gerade das übliche Vorgehen mafiöser Organisationen.

Das Zwischenergebnis der Prüfung hat der Vorstand den mehr als 500 NR-Mitgliedern per E-Mail und bei der Mitgliederversammlung im Juli vorgetragen und den Förderbetrag vorsorglich zurückgezahlt; kein Mensch käme auf die Idee, dass 500 Journalisten dieses Wissen für sich behalten würden. Ist das Omerta?

Entsprechend wurde in mehreren Medien ausführlich berichtet - und der nr-Vorstand gab zusätzlich eine Pressemitteilung heraus, jene „dürre Erklärung“, von der Rommerskirchen schreibt, sie spräche Bände. Zu diesem Zeitpunkt lag der Schlussbericht der Wirtschaftsprüfer noch nicht vor - eine ausführlichere Darstellung war also gar nicht möglich gewesen - das wäre einer Vorverurteilung gleichgekommen.

Wie angekündigt wurde der Schlussbericht der Wirtschaftsprüfer nach seinem Erscheinen an die Mitglieder verschickt und auf der NR-Webseite veröffentlicht. Omertà?!

Auf Basis dieser Fakten diskutiert das Netzwerk sein weiters vorgehen auf der kommenden Mitgliederversammlung und wird dann wieder wie gewohnt alles bekannt machen.

Herr Rommerskirchen: Sie hätten sich sachkundig machen sollen, bevor Sie uns beleidigen.

Ihr Unwissen fällt auf Sie zurück.

 
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