Editorial 8/2012
Nebelwerfer
Chefredakteur Thomas Rommerskirchen fragt sich, warum Compliance in Dax-Konzernen Geheimsache ist und wieso Tugendwächter Transparenz nicht vorleben.
Wenn es um Macht und Etats der Compliance-Truppen in den Unternehmen geht, senkt sich bei vielen automatisch die Stimmlage. Besonders Kommunikationsmanager beklagen zunehmend den negativen Einfluss auf ihre Arbeit. Weltfremde Richtlinien und weitreichende Kompetenzen blockieren die Tagesordnung in der Kommunikation. Mühsam und kostspielig werden Umwege gesucht, um ein paar Journalisten zum Hintergrundgespräch „einzuladen“ oder Sponsoringaktivitäten durch das Regelwerk zu schleusen.
Nachdem das Thema auf der Agenda der Wirtschaftsmedien angekommen ist (siehe Handelsblatt vom 22. Juni 2012: „Die neuen Mächtigen: Der Compliance-Wahnsinn und die Herrschaft der Anwälte in deutschen Unternehmen“), wollten wir wissen, wie es die Wächter der Transparenz selbst mit der Offenheit halten.
Dazu haben wir in allen Dax-Unternehmen recherchiert - nicht, wie es in unserer Branche gern gesehen wird, über die Presseabteilungen, sondern direkt bei den Compliance-Verantwortlichen. Wir haben einfache Fragen nach Etats (auch für die Compliance-Kommunikation) und nach der Mitarbeiterzahl der entsprechenden Abteilungen gestellt. Das Ergebnis dieser Recherchen: Es gibt kein Ergebnis!
Wenn überhaupt Ansprechpartner aus dem Busch zu locken waren, lauteten die Stellungnahmen ausnahmslos, interne Budgetgrößen würden nicht extern kommuniziert. Manchmal gab es Kodizes oder Leitlinien ungefragt dazu, die allerdings den immensen internen Einfluss der Aufpasser auf die PR-Aktivitäten nicht widerspiegeln.
Das kann man verstehen, wenn Details über Budgets oder Planungen betroffen sind, die die Konkurrenz brennend interessieren. Aber die gesellschaftlich und politisch relevanten Compliance-Aktivitäten geradezu geheimdienstlich zu betreiben, ist absurd. Oder befürchtet man einen Wettlauf um den opulentesten Etat?
Wenn die Kommunikation der Compliance sich nicht ändert, wenn die Hüter der Transparenz sich selbst weiter im Bodennebel herumtreiben, konterkarieren sie das unternehmerische Ziel. Compliance muss als Partner akzeptiert werden, der nicht jeder Einladung zu Kaffekuchen hinterherhechelt. Sonst entwickelt sich eine aufwendige Trickserei, wie man sie vom Umgang mit dem Controlling gewöhnt ist.
Dieser Kulturwandel wird aber ein langer Weg. Vielleicht könnte man ihn etwas abkürzen, wenn für alle Compliance-Leute ein Praktikum in der Unternehmenskommunikation oder im Vertrieb - zum Beispiel in Saudi-Arabien oder Russland - Pflicht würde.



