Editorial 9/2012
Auslaufmodell?
Chefredakteur Thomas Rommerskirchen fragt sich, ob die Zeit der unabhängigen Finanzberatungen zu Ende ist und ob Deutschland mehr internationale Agentur-Networks braucht.
Die Spezialisten für Finanzkommunikation sind die Stars der Agenturbranche. Sie sitzen an den Hebeln des großen Geldes. Von ihrem Einsatz, ihrer Professionalität und Reputation auf den Kapitalmärkten hängen oft mehrstellige Millionenbeträge ab.
Bei Börsengängen und Firmenübernahmen ist der Erfolg eindeutig definiert: Klappt oder klappt nicht – Aktien platziert oder nicht. Da fragt dann auch niemand nach dem Aufwand im Vorfeld. Ein Traum für den „normalen“ Kommunikationsberater, der in der Regel mit wackeliger Erfolgsmessung seine Budgets vor dem Kunden rechtfertigen muss.
Was aber, wenn IPOs und Firmenübernahmen ausbleiben? Wenn Börsengänge wegen schlechter Marktlage immer wieder verschoben werden und die Konzerne ihre Zukunft eher in Konsolidierung als in Akquisitionen sehen?
Einige Finanzagenturen positionieren sich bereits neu und bemühen sich um Etats für Compliance-Kommunikation, Corporate Responsibility und Change-Prozesse. Vielen fehlt dafür aber der Track Record, und so bleibt als einzige Qualifikation die Erfahrung im Umgang mit Firmenanwälten und Justiziaren aus der goldenen Zeit der Börsenstürme.
Mit dem Verkauf von CNC an Publicis könnte aber die Zeit der (konzern-)unabhängigen Agenturen für Finanzkommunikation zu Ende gegangen sein und ein Konzentrationsprozess beginnen, an dessen Ende weniger als eine Handvoll Beratungen übrigbleibt.
Die zunehmende Volatilität der Märkte verkürzt die Zeitfenster für Börsengänge und Übernahmeaktionen auf wenige Wochen. Agenturen müssen also in Zukunft ganze Teams über Monate auf Stand-by halten können. Und die Online-Vernetzung erfordert die zeitgleiche Reaktion rund um den Globus – das lässt sich nur in funktionierenden Netzwerken realisieren. Nicht jedermanns Sache.
So war der Verkauf von CNC an die französische Holding vielleicht ein kluger Schachzug, um in der Prinzengarde der Kommunikationsberater weiter mitzuspielen. Vorausgesetzt, deutsche Unternehmen vertrauen den Töchtern internationaler Agenturkonzerne – speziell bei der Finanzkommunikation. Denn auf diesem Schlachtfeld geht es ans Eingemachte: Fehler kosten Milliarden, wenn nicht gar das Unternehmen, und die Staatsanwälte sind weltweit auf der Pirsch.
Genau das ist das Problem: Die deutsche Wirtschaftswelt misstraut der Verlässlichkeit (ausländischer) Agenturnetzwerke und zweifelt an deren Loyalität – obwohl CNC weiter als deutsche Aktiengesellschaft geführt wird, was eigentlich ein Bollwerk gegen Einflussnahme von außen sein sollte. Lösen lässt sich das Problem nur, wenn auch hierzulande endlich internationale Agenturkonzerne entstehen. Es wäre an der Zeit – und kein schlechtes Investment!



