Detailinformationen

Autor

Eva-Maria Eichenseher

Leiterin Politische Kommunikation Engel & Zimmermann

verfasst am

30.10.2020

im Heft

10/2020

Schlagworte

Hauptstadtflughafen, BER, Eröffnung, Großprojekt, Kommunikation, Krisenkommunikation, Eva-Maria Eichenseher, Engel & Zimmermann

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Flughafen BER

Keine Chance für Kommunikation


Endlich! Am 31. Oktober eröffnet der Hauptstadtflughafen BER. Das Großprojekt hätte eine PR-Glanzleistung werden können. Doch die Projektfehler, die in 14 Jahren Bauzeit zusammenkamen, kann selbst die beste Kommunikation nicht mehr erklären. Ein Gastkommentar von Eva-Maria Eichenseher.


Zunächst war da ein Plan.
Steigende Passagierzahlen, zwei Flughäfen, die nicht ausbaufähig sind, eine Hauptstadt, die wächst und deren internationale Relevanz stärker wird. Ergo: Berlin braucht einen besseren Flughafen, damit die Welt das Berliner Machtzentrum als solches wahrnehmen und vor allem besser und schneller erreichen kann.

Der Startschuss fiel im Jahr 2006. Tolle Pläne, schöne Bilder, überschwengliche Reden. Was dann folgte, waren Pleiten, Pech und Pannen. Kostenexplosion, Zeitverzögerungen, technische Mängel, Rügen von Genehmigern und Brandschützern, mangelnde Bauaufsicht. Warum es nun ausgerechnet mitten in der Corona-Pandemie plötzlich so schnell voranging, konnte mir noch niemand wirklich erklären.


Eva-Maria Eichenseher: "Ein Krisenkommunikationsplan kann nicht funktionieren, wenn die Projektplanung selbst versagt."


Was dazukam: eine absolut unzureichende, weil unsicht- und unhörbare Kommunikation. Zahlreiche Pressesprecher verschlissen, manchmal gar keine Information, gefolgt von leeren Versprechen, zahlreichen Zusagen für einen Eröffnungstermin – natürlich alle wieder zurückgezogen –, falschen Aussagen und verschwiegenen Tatsachen. Keine einfache Aufgabe für die Kommunikationsabteilung des BER. Und wenn mal ein Pressesprecher dafür warb, sich offen zu den Versäumnissen beim Bau zu bekennen, wurde er geschasst – so geschehen 2016 nach einem Interview des prmagazins mit dem damaligen Kommunikationschef ("Alles kommt raus", prmagazin 4/2016).

Es hätte eine Glanzleistung für die Kommunikation werden können: innovativer und architektonisch gelobter Bau, komplexe, technisch erklärungsbedürftige Zusammenhänge, berühmte Akteure, internationale Relevanz, Themen, Themen, Themen. Ein Eldorado für Storyteller. Ein Großprojekt wie dieses erfordert eine konsequente, durchdachte Kommunikationsstrategie, die alle Ebenen einschließt: Genehmigungs- und Baukommunikation, Dialog mit Stakeholdern und Bürgern, Technik- und Architektur-PR, Online- und Live-Kommunikation. Klassische Projektkommunikation. Und natürlich auch die Kommunikation in kritischen Situationen.

Fehler passieren bei solchen Großprojekten, und Zeitverzögerungen gibt es auch immer. Dafür hat man einen Krisenkommunikationsplan in der Schublade. Diesen gab es sicher auch. Nur: Er kann nicht funktionieren, wenn die Projektplanung selbst versagt. Der Aufsichtsrat: besetzt mit Politikern, denen das Fachwissen fehlte. Und externes Controlling gab es nicht.

Ich habe neulich von „umgekehrtem Darwinismus“ gelesen: Große Investitionsprojekte erzeugen eine Situation, in denen sich Beteiligte gegenseitig in Kosten unterbieten und im Nutzen überbieten wollen. Baukonzerne und Architekten untertreiben Kosten, um eine Ausschreibung zu gewinnen. Oder ein Politiker will sich ein Denkmal bauen und legitimiert das Projekt, indem er die Kosten herunterspielt. „Survival of the Unfittest“ nennt der dänische Wirtschaftsgeograf Bent Flyvbjerg das.

Bei so gravierenden Governance-Problemen ist Kommunikation leider meist abgeschrieben. Schade. Viele andere Beispiele zeigen, dass auch schwierige Situationen durch gute Kommunikation gerettet oder zumindest besser erklärt werden können. Manchmal hilft nur die Flucht nach vorn. Aber bitte nicht mit noch mehr Ausreden und haltlosen Politikerversprechen.

Eine gut aufgebaute, positive Basiskommunikation und offener, kontinuierlicher Dialog schaffen Akzeptanz und Verständnis – für die Notwendigkeit des Vorhabens, für Beeinträchtigungen, sogar für hohe Budgets. Das ist Grundvoraussetzung dafür, dass Projekte dieser Dimension überhaupt umgesetzt werden können. Das wissen wir nicht erst seit Stuttgart 21. Dann hört auch jemand zu, wenn man in eine kritische Situation gerät.

Im Fall BER ist das Kind leider sehr früh in den Brunnen gefallen. Transparente, ehrliche, offene Kommunikation von Anfang an? Fehlanzeige. Faktische Projektfehler waren dann auch mit Kommunikation nicht mehr zu erklären. Der Fisch stinkt vom Kopf, sagt man. Oder wie heißt es in Berlin? Egal. Vielleicht beim nächsten Mal. In diesem Sinne: Guten Flug.

Dieser Gastkommentar ist zuerst in der Oktober-Ausgabe (10/2020) des prmagazins erschienen.

Die prmagazin-Ausgabe 10/2020 – darin unter anderem:

Die Neue:
Kristin Breuer kam mitten in der Covid-19-Pandemie zum Pharmaverband vfa. Ein Sprung ins ganz eiskalte Wasser war es trotzdem nicht.

Historische Nullleistung: Im Pressestellentest der Streaming-Dienste zeigt sich Disney von seiner schlechtesten Seite. Es gibt aber auch echte Lichtblicke.

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