Kolumne: Der Netzwelterklärer

Google+ wird das Schwiegermutternetzwerk

Es ist ein faszinierendes Phänomen: Sofort gab es Google+-Experten. Vielleicht liegt es daran, dass die entschieden haben, dass ihnen das mit Twitter nicht noch einmal passieren darf. Also dass sie nicht merken, wenn da etwas entsteht, das Kommunikation, mindestens im Internetz, wirklich verändert. Und nicht mehr weggeht.

Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach

Jedenfalls ist Google+ das erste Internetzdingens, zu dem es schneller Experten gab, als überhaupt Mitglieder da waren. Weil die, die sich frühzeitig „Experte“ auf die Visitenkarte schreiben, also die, die auch schon Facebook-Experten sind, die ersten Testnutzer waren. Und prompt schrieben die Fachblätter und die anderen Medien vom neuen Boom und Hype und Facebook-Killer. Zeit, sich das einmal etwas genauer anzusehen. Denn – psst – Google+ ist super, ist sehr interessant, auch für uns Kommunikatoren, und es wird groß. Aber ist mit Facebook und Twitter eben nicht zu vergleichen.

Eins noch vorweg: Wir Unternehmen, Marken, Berufsverkäufer haben da zurzeit noch nichts zu suchen (mit einer Ausnahme, siehe unten). Wir werden unseren eigenen Bereich bekommen, so wie Spiele (Angry Birds!) ihren Bereich bekommen haben. Wohl Mitte September, hört man. Die ersten Versuche von Medienmarken und anderen Unternehmen wurden mit Löschen bestraft. Zu Recht, wie ich finde. Das gibt uns Zeit, es genauer zu beobachten. Und die Chance, weniger nervös zu sein.

Google+ führt auf geniale Weise Bestehendes zusammen und mischt vieles neu. Das, was daran toll ist, verkennt allerdings, wer mit der Frage auf Google+ blickt, ob es ein Facebook-Killer sein könnte. Die eigentlich interessante Innovation ist aber, wie Googleplus mit Suche, Karten, Mail, Bildern und Orten verknüpft ist – alles Dienste von Google, die sich großer Beliebtheit erfreuen (und nicht so sehr die Tatsache, dass Google+ die „Listen“-Funktionalität von Facebook mit seinen „Kreisen“besser umsetzt und ins Zentrum rückt).

Es ist also die Kombination bestehender und genutzter Services mit neuen Funktionen sozialer Interaktion – angereichert mit einem genial einfachen Einladungskonzept, das es erlaubt, auch Nicht-Mitgliedern private Nachrichten zu schicken und Dinge zu zeigen. So werden sie Schritt für Schritt in das Netzwerk gezogen. Darum, so meine Prognose, wird Google+ groß und vor allem auch Menschen involvieren, die nicht auf Facebook sind. Sozusagen das Netzwerk für Nicht-Online-Profis, eben das Schwiegermutternetzwerk.

An zwei Stellen ist Google+ schon heute, also schon bevor es „Businessprofile“ gibt, relevant für unsere Kunden:

  1. durch die Veränderung von Suche und Suchergebnissen, also indem die „+1-Empfehlungen“ meines Netzwerks sich auf die Suchergebnisse auswirken, die mir angezeigt werden.

  2. durch Google-Orte, die fest mit Google Maps verknüpft sind, von Unternehmen nach Art der Gelben Seiten genutzt und gestaltet werden können – und in die Google+-Nutzer „einchecken“, wenn sie unterwegs sind.

Meine Prognose für die geschäftliche Nutzung von Google+ ist: Wenn „unsere“ Profile für Marken und Unternehmen in einen eigenen Bereich verbannt werden, finden sie außerhalb des Stroms der Nachrichten von echten Menschen statt, sind aber über die Hauptnavigation schnell zu erreichen. Und mittelfristig wird Google+ eine Intranetlösung anbieten, so wie es jetzt schon Office-Lösungen mit Mail und Textverarbeitung und Co gibt. Google wird mit dem Netzwerk also in einen Bereich vordringen, den Facebook nicht erreichen kann (und wohl auch nicht erreichen will): den der Software-as-a-Service.

Es sieht so aus, als ob Google+ etwas offener für „das Web“ ist als es Facebook je sein wird – und insofern das Siloproblem vermeiden könnte, an dem schon AOL erstickt ist. Zudem hat Google+ durch die Integration der „Social“-Aspekte in Dinge wie Suche, Karten und Mail das Potential der Ort zu werden, an dem es eher um inhaltliche Diskussionen und Fragen und Ideen geht als um soziale Interaktion und Beziehungen – und hier bin ich explizit anderer Meinung als die meisten „Experten“, die ich dazu bisher gehört habe. Denn das bildet Facebook auch in diesem Land für die Hälfte aller Erwachsenen schon gut ab. Allen Datenschutzbedenken zum Trotz.

Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach (41) berät seit 2004 Unternehmen und Marken auf ihrem Weg in die Social Media. Er ist einer der führenden Strategieberater mit dem Schwerpunkt Social Media, für die Internetworld Business einer der „5 People to Watch in PR“ 2011. Achtung, für die er als Management Supervisor Digitale Strategie tätig ist, gehört für die Absatzwirtschaft zu den Top 5 Social Media Agenturen. 2006-2009 war er Head of Social Media Europe bei Edelman.

Blog: http://haltungsturnen.de
Lifestream: http://luenenbuerger.de
Twitter: http://twitter.com/luebue

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